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Sie meistern den Alltag gemeinsam

Bewerbungen schreiben, Deutsch lernen, für die Fahrprüfung üben: Hanspeter Käser und der Eritreer Jemil Yassin sind Teil des Projekts Patenschaft für Migranten.

Der eine lernt vom anderen: Der Eritreer Jemil Yassin und der Burgdorfer Hanspeter Käser sind ein eingespieltes Team.
Der eine lernt vom anderen: Der Eritreer Jemil Yassin und der Burgdorfer Hanspeter Käser sind ein eingespieltes Team.
Daniel Fuchs

Ein Bilderrahmen voller Fotos von Menschen mit glücklichen Gesichtern hängt im Eingangs­bereich: Enkel, Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern – Familie wird bei Käsers in Burgdorf grossgeschrieben. Hanspeter Käser und Jemil Yassin schauen sich die Galerie an.

«Sie hast du an der Hochzeit getroffen», sagt der 63-jährige Arzt zum jungen Eritreer und deutet auf eine Frau mit braunen Haaren und Brille. Jemil Yassin erinnert sich, beim Apéro haben sie sich unterhalten.

Die Hochzeit der Tochter war ein grosses Fest. So zumindest der Eindruck von Hanspeter Käser. Es seien nicht so viele Leute gewesen, meint hingegen Jemil Yassin. «In meiner Heimat ist jeweils das ganze Dorf eingeladen.» Zudem würde nicht in einem Restaurant gegessen. «Wir machen alles selbst», sagt der 24-Jährige. Die Frauen würden kochen, die Männer das Schatten spendende Zelt aufbauen.

«Wären beide durchgefallen»

Gemeinsam feiern steht aber nicht jede Woche auf dem Programm von Hanspeter Käser und Jemil Yassin. Normalerweise drehen sich ihre Treffen um Alltägliches. Sie sind Teil des Projekts Patenschaften für Migrantinnen und Migranten (Pami). Dieses hat die reformierte Kirche in Burgdorf im vergangenen Sommer initiiert.

«Im Bus den Sitzplatz den älteren Leuten anbieten oder ihnen die schweren Taschen tragen ist in seiner Heimat selbstverständlich.»

Jemil Yassin

Zwölf solche Patenschaften sind seither entstanden. Freiwillige begleiten die Flüchtlinge während einiger Monate, helfen ihnen, sich im Alltag zurechtzufinden. Auch im Strassenverkehr. Beim letzten Treffen haben Jemil Yassin und Hans­peter Käser für die theoretische Fahrprüfung geübt. «Wir wären beide durchgefallen», sagt Käser und lacht. Ansonsten steht meist Deutsch auf dem Plan: konjugieren, deklinieren – die B2-Prüfung kommt näher.

50 Bewerbungen geschrieben

Das Niveau B1, das er braucht, um sich für Lehrstellen zu bewerben, hat der Eritreer abgeschlossen. «50 Bewerbungen habe ich schon geschrieben», sagt er. Als Lagerist, Hauswirtschafter, Strassentransportfachmann und Logistiker hat er Schnupperlehren gemacht. Bislang erfolglos. Doch die Hoffnung gibt er nicht auf. «Wenn es mit der Lehre nicht klappt, mache ich eine Vorlehre.»

Logistiker wäre derzeit sein Traumberuf. «Ich mag handwerkliche Arbeiten.» Vorbereiten auf die Ausbildung tut er sich an der BFF in Bern im Lehrgang Beruf, Praxis und Integration. Und mit seinem Paten verpasst Jemil Yassin seinen Bewerbungsunterlagen den letzten Schliff.

«In unserer überalterten Gesellschaft brauchen wir die jungen Arbeitskräfte», sagt Käser. Gerade motivierten jungen Menschen wie Jemil Yassin sollte eine Ausbildung ermöglicht werden. «Damit sich die Flüchtlinge integrieren können, müssen sie einen Beruf erlernen.»

Die Integration jener Menschen, die in der Schweiz eine Heimat suchen, ist dem Burgdorfer ein grosses Anliegen. Deshalb habe er sich als Pate gemeldet. «Ich arbeite nicht mehr Vollzeit in der Praxis und wollte in der freien Zeit etwas Sinnvolles machen.»

Zudem sei er mit Afrika persönlich verbunden. Als junger Arzt war Käser zweieinhalb Jahre in Zimbabwe und Lesotho. Eine lehrreiche Zeit, in der es immer wieder kulturelle Unterschiede zu überwinden galt.

Respekt vor den Alten

An solche Unterschiede musste sich Jemil Yassin auch in der Schweiz erst gewöhnen, als er vor knapp drei Jahren hier ankam. «Die Jungen haben viel weniger Respekt vor den Alten», sagt er. Im Bus den Sitzplatz den älteren Leuten anbieten oder ihnen die schweren Taschen tragen sei in seiner Heimat selbstverständlich. «Hier sind alle selbstständig und helfen einander nicht», stellt der Eritreer fest. Das sei halt die Kehrseite des Individualismus in der Schweiz, meint Käser.

Die beiden hingegen setzen mehr auf Gemeinschaft und weniger auf Individualismus, so macht es zumindest den Eindruck. «Am Sonntag trifft sich bei uns jeweils die ganze Familie, dazu möchte ich Jemil in Zukunft einladen», sagt Hanspeter Käser.

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