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Marktgeschichten von Kaninchen und Millionären

Peter Mumenthaler kommt seit einem halben Jahrhundert an den Märit. Vieles ist anders geworden in all der Zeit. Nur der Gasthof Bären scheint immer noch der Treffpunkt schlechthin zu sein für die Marktbesucher.

Für Peter Mumenthaler ist der Markt vor allem auch eine Gelegenheit, alte Schulkameraden zu treffen.
Für Peter Mumenthaler ist der Markt vor allem auch eine Gelegenheit, alte Schulkameraden zu treffen.
Thomas Peter

Wie lange er denn schon an den Märit in Langnau gehe? «No nid so lang», sagt Peter Mumenthaler, ein stämmiger Mann mit Nikolausbart, wachen, netten Augen und vom Wesen her ein Ober­emmentaler durch und durch. «No nid so lang», sagt er. «Öppe 50 Jahr.»

Der Treffpunkt dafür, mit ihm über diesen schon fast legendären Markt zu sprechen, ist der Gasthof Bären. Muss er auch sein. Denn die traditionsreiche Beiz neben dem Chüechlihuus war und ist das eigentliche Epizentrum des Langnou-Märit. Das Gerücht macht die Runde, dass der frühere Wirt mit den sechs Marktagen im Jahr genug Umsatz machte, um den Zins zu zahlen.

Am Mittwoch um halb zehn Uhr morgens ist es laut in der Gaststube. Auf den Tischen stehen Flaschen, Chübeli, Stange, Kafi Luz, Kafi fertig. Es wird laut geschnäuzt, mit Papier- und Stofftaschentüchern.

Die Nasen sind oft gross und rot geädert. Die Schnauzbärte oft gelb. Die Mützen haben Zipfel. Die Schuhe sind schwer. Echos tiefer Stimmen donnern durch den Raum. Die Stimmung ist auf eine emmen­talerische Art und Weise ausgelassen. Es poltert.

Handwerker, nicht Künstler

Peter Mumenthaler hat sich noch nicht einmal hingesetzt, schon wird er kurz und laut begrüsst. «Das ist eben jetzt typisch Bären am Märit», sagt er. «Hier treffe ich meine ‹Chember› von früher wieder» und meint damit seine Schulkameraden.

Peter Mumenthaler ist in Frittenbach aufgewachsen. Die Lehre zum Konditor hat er bei der Bäckerei Hofer und Gerber in Langnau gemacht. Dann weitere 15 Jahre auf dem Beruf gearbeitet, davon gut 10 bei Kambly. Aber irgendwann war genug. «Konditoren sind eigentlich Künstler», sagt er. «Ich aber bin ein Handwerker.»

So wechselte er die Branche. Er wurde «Wägchnächt», wie er es nennt: Wegmeister für die Kantonsstrassen. Das blieb er auch fast 30 Jahre lang. Inzwischen ist er pensioniert. Heute ist er 65 Jahre alt und wohnt im letzten Haus auf Langnauer Boden, am Rand zu Frittenbach.

Es ist ein Kommen und Gehen in der Gaststube. Das Servicepersonal hat alle Hände voll zu tun. Draussen strahlt die Sonne, die Temperatur ist immer noch unter null. Die beiden Plätze an unserem Tisch bleiben nicht lange frei. Schon bald kommen zwei Männer dazu, die kurz nicken, ein «Guten Morgen» in ihre Schnäuze husten und sich seufzend, aber zufrieden hinsetzen. Ganz offensichtlich kennt man sich.

Der «billige Jakob»

Die sonst eher schweigsamen Emmentaler kommen jetzt ins Plaudern. Denn Peter Mumen­thaler sollte ja ein bisschen vom Märit erzählen – also von früher. Ein Thema, dem niemand widerstehen kann. Auf den Kaffee folgt Bier, und die Erinnerungen schäumen nur so aus den Männern heraus.

Sogleich kommt das Gespräch auf den «billigen Jakob», offenbar ein Stand an der Ecke Marktgasse/Dorfstrasse, wo es früher alles zu kaufen gab, was das Bauernherz begehrte. Und das zu erschwinglichen Preisen. Und wo es auch mal eine Tafel Schokolade gratis dazugab.

Dann wandern die Erinnerungen in alle Himmelsrichtungen. Anekdoten werden ausgetauscht, Mythen und Legenden erzählt. Etwa jene vom Fleckmittelverkäufer, der seine Produkte jeweils mit theatralischen Vorführungen feilbot. Später, sagt Mumenthaler, habe er denselben Mann einmal im Fernsehen gesehen. «Der ist Millionär geworden!»

1.50 Franken pro Fell

Apropos das liebe Geld. Gleich hinten neben dem Bären konnten früher während des Markts Kaninchenfelle abgegeben werden. Die Diskussion dreht sich sogleich darum, wie viel es damals, so um 1960, noch für ein Fell gegeben hatte.

Man einigt sich auf maximal 1.50 Franken. «Das war ein gutes Sackgeld für uns damals», sagt Mumenthaler. Zumal das Zigarettenpäckchen noch ­weniger als einen Franken gekostet habe.

Heute kosten Zigaretten etwas mehr, und auch das Angebot auf dem Märit hat sich verändert. «Klar», sagt Mumenthaler, «heute gibt es mehr so Chrümscheli-Zeug zu kaufen.» Früher sei es eher ein Bauernmarkt gewesen. Dazumal habe man etwa unten beim Viehmarktplatz auch noch Hühner und Hunde und Säue und Tauben – jawohl, Tauben! – kaufen können.

«Die Männer gingen nur sehr ungern in Läden. Sie kauften ihre Hemden und Hosenträger lieber am Stand.»

Peter Mumenthaler

Das sei heute natürlich undenkbar, sind sich die Männer einig. Es gab aber auch noch mehr Stände mit Werkzeugen, Kleidern und Schuhen. Das war damals wichtig, denn: «Die Männer gingen nur sehr ungern in Läden», sagt Mumenthaler. «Sie kauften ihre Hemden und Hosenträger lieber am Stand.»

Er sei da aber weniger kompliziert gewesen. Und sowieso war für Mumenthaler der Langnau-Märit weniger das Chrämere als viel mehr der Gasthof Bären. Das gemütliche Zusammensitzen mit alten Bekannten und natürlich auch das Jassen.

Früher sassen die Männer im ersten Stock noch Knie an Knie zusammen und ­haben den ganzen Nachmittag durchgespielt. Dieses Angebot gibt es heute nicht mehr. Das stört Peter Mumenthaler nicht besonders. Er spiele heute sowieso kaum mehr. Warum? «Es wurde einfach zu viel beschissen.»

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