Burgdorf

«Internetshopping macht einsam»

BurgdorfChristoph Balmer hat als Geschäftsführer von Pro Burgdorf gekündigt. Acht Jahre lang hat er sich für eine belebte Stadt eingesetzt. Warum er an den Fachhandel vor Ort und nicht an die Zukunft des Onlineshoppings glaubt.

Eine florierende Oberstadt war sein Ziel: Wegen der leer stehenden Geschäfte hat sich Christoph Balmer 2009 auf die Stelle beworben.

Eine florierende Oberstadt war sein Ziel: Wegen der leer stehenden Geschäfte hat sich Christoph Balmer 2009 auf die Stelle beworben. Bild: Thomas Peter

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Per Ende Märze geben Sie Ihre Stelle als Geschäftsführer von Pro Burgdorf nach acht Jahren auf. Weshalb?
Christoph Balmer: Ich habe schon beim Vorstellungsgespräch im 2009 gesagt, dass ich sieben bis acht Jahre bleiben werde. Und jetzt ist es an der Zeit, dass jemand Neues mit neuen Ideen und neuer Energie kommt. Ich werde aber auf Mandatsbasis weiterhin für Pro Burgdorf tätig sein, beispielsweise bei der Belebung der Hofstatt oder der gemeinsamen Vermarktung des umgebauten Schlosses, der Altstadt und des Bahnhofsquartiers.

Es ist also an der Zeit, zurückzublicken. Was konnten Sie in den acht Jahren bewegen?
Die grösste Errungenschaft ist wohl, dass wir die leer stehenden Geschäfte in der Altstadt von 25 auf 3 reduzieren konnten. Die Leerstände waren 2009 auch mit ein Grund, dass ich mich überhaupt auf die Stelle beworben habe. Ich bin in Burgdorf aufgewachsen; mir tat es weh, dass so viel Fläche einfach ungenutzt war. Damit hier etwas ändert, mussten die Leerstände aber erst als Freiräume angesehen werden.

Wie wurde das erreicht?
Das ist Knochenarbeit. Wir verhandeln jeweils mit den Immobilienbesitzern, damit diese mit den Mieten nach unten gehen. 100 Franken pro Quadratmeter haben wir vorgeschlagen. Da sind wir bewusst auch tief reingegangen. Vielerorts wurde das erreicht. Bei den meisten Geschäften, die neu eröffnet haben in den letzten Jahren, konnten wir so Mietpreisreduktionen erreichen. Vielfach haben Leute, die eine Liegenschaft in der Altstadt besitzen, auch ein Interesse am Ort.

Innert zehn Jahren solle sich die Altstadt zum lebendigen Geschäfts- und Erlebnisraum mausern: So lautete das Ziel des damaligen Präsidenten Peter Dübi und Ihnen im 2009. Ist sie das heute?
Das ist sie. Wir haben einen Fachhandel, der funktioniert, bei dem man wirklich eine Beratung bekommt. Der reine Detailhandel ist heute natürlich schwierig. Aber der Detailhandel, gepaart mit Dienstleistungen, funktioniert – dass beispielsweise ein Eisenwarengeschäft auch noch einen Schlüsselservice anbietet oder ein Goldschmied vor Ort Schmuck produziert.

Trotzdem ist es heute schwierig, ein Geschäft gewinnbringend zu betreiben. Wie unterstützt Pro Burgdorf den Detailhandel?
Wir vernetzen die Mitglieder untereinander. Damit sie sich einerseits bei Aufträgen gegenseitig berücksichtigen. Und andererseits am selben Strang ­ziehen, wenn es um gemeinsame Aktionen geht. So haben wir beispielsweise den Shoppingday an Allerheiligen veranstaltet. Die Konsumenten erhielten zehn Prozent Rabatt auf den Produkten der beteiligten Läden. Und Pro Burgdorf hat in Solothurn, wo Allerheiligen ein arbeitsfreier Tag ist, Werbung für den Shoppingday gemacht. Wir bieten unseren Mitgliedern aber auch Workshops an. Beispielsweise zum Thema Onlinemarketing.

Apropos Internet. Der florie­rende Onlinehandel ist wohl die grösste Herausforderung für den Detailhandel.
Das Problem Internet ist sicher vorhanden. Aber ich gehe davon aus, dass sich der Handel vor Ort längerfristig durchsetzen wird. Als Kunde sucht man den persönlichen Kontakt mit der Fachberatung. Internetshopping macht einsam. Für mich macht das nicht wirklich Sinn. Früher konnte man auch schon Waren aus dem Katalog bestellen, aber das war noch recht verpönt. Onlineshopping ist eigentlich dasselbe, einfach ein anderes Medium. Es ist doch viel reizvoller, zum Einkaufen rauszugehen und Leute zu treffen.

Der Trend zum Onlineshopping wird oftmals nur als Problem gesehen. Ist es denn nicht auch eine Chance für die Geschäfte, ihre Produkte ebenfalls im Internet anzubieten?
Es gibt bestimmt die Tendenz, den Laden als Ausstellungsfläche zu nutzen und dann online zu verkaufen. Das muss man im Auge behalten. Aber dass Produkte nur noch vom Sofa aus bestellt werden und die Läden ganz verschwinden, glaube ich nicht.

Die Stadt alimentiert Pro Burgdorf jährlich mit 165'000 Franken. Wofür werden diese Gelder eingesetzt?
Ein Grossteil davon fliesst in die Märkte. Wir haben recht günstige Standpreise, die werden durch die Gelder der Stadt subventioniert. Zudem fliesst das Geld in Veranstaltungen wie etwa die Nachtmärkte, die dreimal im Jahr stattfinden. Und auch in die Gehälter der Angestellten. Einen Teil der Einnahmen erzielen wir aber auch über private Geldgeber sowie die Erlöse aus den Veranstaltungen.

Der Markt solle seine ursprüngliche Funktion wieder erhalten, solle zu einem Ort werden, wo man nicht nur einkaufe, sondern sich treffe und austausche, haben Sie 2009 gesagt.
Dazu haben wir einiges unternommen. Wir haben beispielsweise am samstäglichen Wo­chenmarkt den Märitapéro ­eingeführt, bei dem eine Band für musikalische Unterhaltung sorgt. Mit einem Stand, wo die Kinder malen und basteln können, wollen wir mehr junge Familien an den Markt locken. Mit den Nachtmärkten hingegen wollen wir auch Auswärtige ansprechen.

Erreicht man die Auswärtigen damit tatsächlich?
Es ist natürlich immer schwierig, zu sagen, woher die Leute kommen. Aber wir sehen es an den vollen Parkplätzen. Mehrere Tausend Leute besuchen den Nachtmarkt jeweils. Einige reisen gar mit Cars an. Ziel ist natürlich, dass sie Burgdorf positiv erleben und dann wiederkommen.

Ein anderes Ziel hingegen konnte noch nicht erreicht werden: jenes der einheitlichen Ladenöffnungszeiten.
Da muss man weiterhin dranbleiben. Derzeit haben die Geschäfte noch recht unterschiedliche Öffnungszeiten. Das ist nicht sehr kundenfreundlich. Wir haben den Läden Blockzeiten vorgeschlagen. Dazu zwingen können wir sie aber natürlich nicht.

Auch die Gutscheine, mit welchen bei den Mitgliedern von Pro Burgdorf eingekauft werden kann, wollte man noch mehr unter die Leute bringen. Ist das gelungen?
Jährlich sind jeweils Gutscheine im Wert von rund 200'000 Franken im Umlauf. Das ist etwa stabil geblieben. Im kommenden Herbst soll nun die Burgdorf Card lanciert werden. Eine Geschenkkarte in Form einer Prepaid-Card. Diese kann immer wieder aufgeladen werden. Zudem ist sie sicherer in Sachen Fälschung. Die Geschenkkarte einführen wird dann aber bereits meine Nachfolgerin.

Was werden Sie nach Pro Burgdorf machen?
Ich werde vermehrt wieder im kulturellen Bereich tätig sein. Nicht nur in Burgdorf, auch in Bern und andernorts. Da habe ich bereits verschiedene Angebote. Bis jetzt bin ich schon zu einem Teil selbstständig, da ich bei Pro Burgdorf nur zu 70 Prozent angestellt bin. Und die Erfahrung bei der Zentrumsentwicklung, die ich in Burgdorf gesammelt habe, werde ich bei Projekten in anderen Städten anwenden. Da gibt es mehrere Orte, die Interesse ­haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 06:21 Uhr

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