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«Ich habe schon immer Sachen in die Luft gejagt»

Chemie mit verblüffenden Effekten: Der Burgdorfer Urs Gfeller will mit «Magic Science» Kinder für die Naturwissenschaften begeistern. Ein Geschäftsmodell, das kaum Geld abwirft.

Urs Gfeller will die Kinder mit seiner Show zu Fragen anregen, sagt aber: «Das ist keine Magie, sondern Chemie und Physik.»
Urs Gfeller will die Kinder mit seiner Show zu Fragen anregen, sagt aber: «Das ist keine Magie, sondern Chemie und Physik.»
PD/Michael Huwiler

Hier lässt er eine Flüssigkeit verschwinden, da macht er einen Ton sichtbar. Mit wenigen Handgriffen zaubert Urs Gfeller die unglaublichsten Effekte, macht aus Wasser Wein, lässt es schneien oder eine schaumige Fontäne in die Höhe schiessen. Doch mit Zauberei habe seine «Magic Science Show» nichts zu tun. «Das ist keine Magie, sondern Chemie und Physik», sagt der Burgdorfer.

Das Publikum an der Ostschweizer Frühlingsmesse Offa verzaubert er trotzdem. Besonders mit einem Trick: Wenn Gfeller sein Portemonnaie aufklappt, geht es augenblicklich in Flammen auf. Nach der Show ist er von Kindern umringt, die den heissen Geldbeutel von nahem sehen wollen. «Ist das nicht illegal?», fragt ein kleines Mädchen und macht grosse Augen. «Darfst dich dabei nur nicht erwischen lassen», erwidert Gfeller und schmunzelt.

Putzessig und Alkohol – mehr braucht es nicht für eine «Haushaltskerze». Video: Regina Schneeberger

Es soll cool sein

Die Kinder verblüffen und zu ­Fragen anregen, sei das Ziel von «Magic Science». Dabei müssten sie noch nicht alle Reaktionen von Grund auf verstehen, sagt der Burgdorfer. «Sie sollen die Chemie ganz einfach als etwas Cooles in Erinnerung behalten.» Denn es gebe nach wie vor zu wenige Nachwuchskräfte, die eine naturwissenschaftliche Fachrichtung wählen würden.

Das will der studierte Chemiker ändern – und die Kinder bereits in frühem Alter abholen. Einerseits mit seinen Vorführungen, die er vor ganzen Schulen abhält. Andererseits mit verschiedenen Experimenten, die er als komplettes Paket an die Lehrer verkauft. Etwa ein Set, das alles dafür enthält, eine Badekugel herzustellen: Natriumhydrogencarbonat, Zitronensäure, Maisstärke, Kakaobutter, Olivenöl, Farb- und Duftstoffe. «Die Lehrer haben weder die Zeit noch die Ressourcen, aufwendige Experimente vorzubereiten», sagt ­Gfeller.

Er entwickelt die Versuche, optimiert sie und testet sie im Labor, das er bei sich im Keller eingebaut hat. Dann sucht er die günstigsten Anbieter der Stoffe und der Verpackungen. Dabei gibt es einiges zu beachten. Behälter, Deklarationen und die Entsorgung müssen den gesetzlichen Vorschriften entsprechen. Schliesslich schreibt der Chemiker Anleitungen und stellt Erklärvideos auf Youtube.

Der Bernoulli-Effekt auf spielerische Weise erklärt. Video: Regina Schneeberger

Mehr im Büro als im Labor

Aber damit ist es nicht getan. Denn die Suche nach Sponsoren nimmt ebenfalls viel Zeit in Anspruch. «Ich bin öfters am Computer als im Labor.» Derzeit wird er von «Simplyscience» und der Gebert-Rüf-Stiftung unterstützt. Beide Geldgeber wollen die Naturwissenschaften fördern. Ohne Stiftungsgelder wäre «Magic ­Science» nicht finanzierbar, hält Gfeller fest. Denn die Schulen könnten den vollen Preis nicht bezahlen. 1800 Franken kostet ein stündiger Auftritt, 1000 Franken tragen die Stiftungen, 800 berappen die Schulen.

Die Preise der Experimente-Sets sind ebenfalls nicht gewinnbringend angesetzt. 14 Franken etwa kostet das Kunstschnee-Set, 17 Franken jenes, mit dem Bakterien gezüchtet werden. «Die Verkaufspreise decken knapp die Herstellkosten», sagt Gfeller. Auch mit den Stiftungsgeldern habe er nur einen Stundenlohn einer Hilfskraft. Wie geht denn diese Rechnung auf? «Indem ich ‹Magic Science› selbst quersubventioniere.»

Nebenbei hat der 58-Jährige Mandate als Berater in der Medizinaltechnikindustrie und im Qualitätsmanagement. «Ich habe das grosse Privileg, meine Jobs in dem Umfang zu wählen, wie es mir Freude macht und es die ­finanziellen Verpflichtungen erfordern.» Bevor er sich vor fünf Jahren selbstständig gemach hatte, war Gfeller bei Roche in Burgdorf in der Geschäftsleitung. Als dann der Standort des Pharmakonzerns im Emmental geschlossen wurde, gab es einen lukrativen Sozialplan, der dem Chemiker einen risikoarmen Start in die Selbstständigkeit ermöglichte. So könne er heute sagen: «Ich arbeite jeden Tag mit Freude und bin glücklich, den jungen Leuten etwas weitergeben zu dürfen.»

Hündchen kam dazwischen

Freude an explosiven Reaktionen hatte Gfeller bereits in jungen Jahren. «Ich habe schon immer Sachen in die Luft gejagt», sagt er und lacht. Schnell fällt ihm eine Anekdote ein. «Hmm, das darf man jetzt fast nicht erzählen. Als Schulbuben hätten er und ein Kollege einen Sprengkörper gebastelt. Schwefel, Kohlenstoff, Natriumnitrat: Die Stoffe besorgten sie sich in drei unterschiedlichen Drogerien, um keinen Verdacht zu erwecken. «Wahrscheinlich haben die Drogisten schon gewusst, was wir vorhatten.»

Sie mischten das Schwarzpulver, stopften ein Eisenrohr damit, verschlossen die Enden und brachten eine Zündschnur an. «Im Schachen haben wir den Sprengkörper mit Laub bedeckt und angezündet.» Die Jungs versteckten sich hinter einem Baum, warteten auf den Knall. Doch wie aus dem Nichts kam ein kleines Hündchen an­gerannt, blieb exakt über dem Sprengkörper stehen. Genau in dem Moment explodiert dieser, das Hündchen wurde vom Druck in die Luft gehoben.

«Wie es oben in der Luft weitergerannt ist wie im Trickfilm – dieses Bild vergesse ich nie», sagt Gfeller. Als der Spuk vorbei war, suchten sie alle drei fluchtartig das Weite, das Hündchen und die zwei Lausbuben.

Der Lausbube in Urs Gfeller kommt heute noch hin und wieder zum Vorschein. So etwa am Ende der Show an der Offa. Der Chemiker füllt einen Ballon mit Knallgas. «Gestern kam nach diesem Experiment die Messeleitung angerannt.» Schnell wird klar, warum. Er warnt: «Achtung, Ohren zuhalten.» Und hält ein Feuerzeug an den Ballon. Ein lauter Knall zerreisst die Luft.

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