Burgdorf

Eine Einigung in letzter Minute

BurgdorfEin 60-Jähriger stieg in die Wohnung ­seines Mieters ein, vernagelte die Türe, wechselte alle Schlösser aus und stellte ihm den Strom ab. Bestraft wird er dafür nicht.

Vermieter und Mieter trafen sich für einmal nicht in der Wohnung, sondern vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau in Burgdorf.

Vermieter und Mieter trafen sich für einmal nicht in der Wohnung, sondern vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau in Burgdorf. Bild: Keystone

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Max* zog alle Register, um Mahmud* aus dessen Wohnung bei Burgdorf zu ekeln. Der Orientale war mit der Miete im Rückstand, weshalb der Emmentaler ihn auf die Strasse stellen wollte. Mahmud wandte sich an die Schlichtungsstelle. Diese entschied zu Max’ Verdruss: Mahmud darf drei weitere Monate in der Wohnung bleiben.

Im Sommer letzten Jahres fiel Max auf, dass in Mahmuds Wohnung ständig Fremde ein- und ausgingen. Der Mieter selber schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Dass er gerade in einem Massnahmevollzug steckte, wusste Max nicht.

Der 60-jährige kletterte über eine Leiter auf Mahmuds Balkon. Durch die offene Balkontüre betrat er die Wohnung. Dann vernagelte der gelernte Handwerker die Eingangstüre und stellte den Strom ab.

«Dann spielen wir»

Als Mahmud zurückkehrte, musste er erst die Polizei rufen und das Katzentürchen eintreten, um die Wohnung wieder in Beschlag nehmen zu können. Die Sicherungen schraubte er in ihren ursprünglichen Zustand zurück.

Wenige Tage später drehte Max sie wieder heraus. Und wechselte bei dieser Gelegenheit gleich noch die Schlösser zur Wohnung, zur Waschküche und zum Briefkasten aus.

Mahmud machte das nur mässig Eindruck. Als Max das nächste Mal den Keller betrat, las er auf einem von Mahmud kreierten Plakat: «Wenn du spielen willst, dann spielen wir.»

Max nahm die Herausforderung an: Er schrieb der örtlichen Polizeiwache einen Brief. Darin stand, dass Mahmud in seiner Wohnung Randständige beherberge und mit Drogen versorge. Darüber hinaus liess er durchblicken, dass er Mahmud noch sehr viel Übleres zutrauen würde. Im TV seien schliesslich «jeden Abend Terroranschläge von solchen Typen zu sehen», gab Max zu bedenken.

Damit wurde für Mahmud aus dem Spiel ernst. Er zeigte Max wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Nötigung und übler Nachrede an. Am Dienstag trafen sich die beiden vor dem ­Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

Nicht ganz so kooperativ

Bei seinem Klienten handle es sich um einen Menschen mit einem «ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl», sagte Max’ Anwalt. Nicht bewusst sei ihm, dass es sich bei «Recht» und «Gerechtigkeit» bisweilen um zwei verschiedene Paar Schuhe handle.

Sobald Max eine Ungerechtigkeit wittere, neige er zu «Überreaktionen», führte der Verteidiger aus. Dass die Schlichtungsstelle im Streit mit Mahmud zu seinen Ungunsten entschiede, habe Max schwer getroffen. Und ihn in seinem Glauben bestärkt, von den Behörden «ständig gepeinigt» zu werden.

Bei der Polizei und gegenüber der Staatsanwaltschaft verweigerte der Beschuldigte jegliche Aussagen zur Sache. Auch während der Einvernahme durch Gerichtspräsident Roger Zuber schwieg er sich weitgehend aus.

Ein Querulant sei Max aber nicht, versicherte sein Pflichtverteidiger. Gegenüber Behörden und Ämtern hege sein Mandant von Natur aus ein grosses Misstrauen. Deshalb sei er bisweilen nicht ganz so kooperativ, wie die Mitarbeitenden auf den Behörden und Ämtern sich das wünschen würden.

Kläger sitzt hinter Gittern

Max und Mahmud setzten sich mit ihren Rechtsvertretern und dem Vorsitzenden zu Vergleichsgesprächen zusammen. Nach einer halben Stunde zog Mahmud seine Anzeigen zurück. Roger Zuber stellte die von ihm initiierten Strafverfahren daraufhin ein.

Ganz ungeschoren kam Max trotzdem nicht davon: Weil er in seinem Betrieb jahrelang einen Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis beschäftigt hatte, verurteilte ihn der Richter zu einer bedingten Geldstrafe von 15'600 Franken. Max nahm das Verdikt klaglos zur Kenntnis.

Mahmud bekam das nicht mehr mit: Bei der Urteilseröffnung war er, von zwei Polizisten begleitet und an den Füssen gefesselt, schon auf dem Rückweg nach Witzwil. Wieso er dort hinter Gittern sitzt, war nicht in Erfahrung zu bringen. Anzunehmen ist, dass er für mehr als eine ausstehende Monatsmiete büsst.

* Die Namen sind der Redaktion ­bekannt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 15:05 Uhr

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