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Ein Museum für die Kettensäääääge

Seine bunten Maschinen zu reparieren, ist für René Reist «Wellness» in den Abendstunden. Seit 20 Jahren sammelt er die Werkzeuge und stellt sie in Tannmatt aus. Jedes seiner Stücke hat eine Geschichte und birgt Überraschungen.

René Reist lässt einige seiner Kettensägen aufheulen. Video: Martin Burkhalter.

Eines hat René Reist in den letzten 20 Jahren gelernt: Ketten­sägen sind eine emotionale Angelegenheit. Seit 1997 führt der stämmige Mann mit Oberarmen wie Oberschenkel ein Kettensägenmuseum auf seinem Hof in Tannenmatt ob Wasen. Bevor ihm jeweils jemand seine Säge verkauft, ist da dieses Zögern kurz vor der Übergabe.

Wegen der Erinnerungen, die an dem Werkzeug haften, Erinnerungen an die erste umgesägte Tanne, an die Abenteuer im Wald. Nicht selten schwingt Stolz mit auf die endlosen Kubikmeter an Holz, durch die man sich mit ­seinem Werkzeug in all den Jahren hindurchgesägt hat. «Hinter jeder Säge steht eine Geschichte», sagt Reist. «Das geht nicht ohne Trennungsschmerz.»

Jede Region hat ihre Marke

Mit Kettensägen ist es ähnlich wie mit Autos. Man bleibt seiner Marke treu. «Manchmal geht das über Generationen hinweg», sagt Reist. Im Emmental gab es noch vor fünfzig Jahren pro Tal nur einen Kettensägenvertreter. So hatte jede Region ihre Marke. Das mittlere Emmental etwa die deutsche Solo, das obere die ­norwegische Jobu. Andere Produkte hatten schlichtweg keine Chance. Heute ist das anders, da gibt es noch zwei grosse Player: Husqvarna und Stihl.

Reist nimmt sie alle. Auch Echo, Solo, McCulloch. 150 Stück hat er in einer Art Schuppen angesammelt. Wie bunte Frühlingsblumen liegen sie auf den Regalen, rot wie Mohn, gelb wie Löwenzahn, blau wie Enzian. Es gibt amerikanische Modelle, schwedische, deutsche, Schweizer und sogar, jawohl, sowjetische.

Es gibt die Hunziker-Zweimann­motorsäge aus den 1950er Jahren. «Noch echte Schweizer In­genieurkunst.» Reists ältestes Stück ist eine schwedische Be-Bo, Baujahr 1948, 125 Kubikzenti­meter Hubraum, aus Stahl und ­unglaubliche 25 Kilo schwer. Es gibt Elektrosägen, solche mit Membranvergaser, mit Diesel-, mit Benzin- und mit Zweitakt­motoren.

René Reist mit seiner ältesten Säge: Eine schwedische Be-Bo, Baujahr 1948, 125 Kubikzentimeter Hubraum, aus Stahl und 25 Kilo schwer. Bild: Thomas Peter
René Reist mit seiner ältesten Säge: Eine schwedische Be-Bo, Baujahr 1948, 125 Kubikzentimeter Hubraum, aus Stahl und 25 Kilo schwer. Bild: Thomas Peter

Kaputt, aber komplett

Kürzlich hat Reist zum ersten Mal ein Inserat geschaltet – in der Wochenzeitung: «Suche Motorsägen.» 52 Anrufe habe er bekommen. Die meisten aus der Region. Und obwohl Tannmatt ob Wasen wahrlich hinter den sieben Bergen liegt, empfängt Reist ein halbes Dutzend Besucher pro Monat in seinem Museum. Meistens sind es Leute, die sehen wollen, dass ihr Liebling auch gut aufgehoben ist.

Lediglich eine Bedingung stellt Reist dafür, dass er eine Kettensäge auch annimmt: Alle Teile müssen vorhanden sein. Wenn sie nicht mehr funktioniert, umso besser. «Dann fängt das Wellnessen für mich an», sagt Reist. Was er damit meint: das grosse Tüfteln.

Die Kettensägenbranche hat in den letzten rund 70 Jahren viel durchgemacht. Firmen, Marken, Modelle tauchten auf, gingen Konkurs, verschwanden und wurden wieder neu belebt. Die Folge davon: Tausende von Modellen mit unterschiedlichen Konstruktionen. In jeder Säge steckt eine Überraschung und für Reist sein «Wellness» in den Abendstunden.

Tagsüber ist er freiberuflicher Baggerfahrer. Spezialist für Arbeiten am Hang. Nebenher führt der 43-Jährige den vom Vater geerbten Hof, mit zwei Hektaren Wald. Den «rüstet» er meist selber. Mit modernen Kettensägen. «Je neuer, desto besser», sagt er. Eine gute Kettensäge habe viel Kubik, mit viel Kraft dahinter. Und: einen guten Ton, sodass man höre, wie der Kolben einen Weg zurücklegen müsse. «Ja», sagt der Liebhaber. «Eine Kettensäge muss männlich sein.»

Die Liebe zum Zweitakter

Alles hat mit einer kaputten US-amerikanischen Remington, Modell Super 990, Jahrgang 1964, und einem Unfall angefangen. Reist war Motocross-Fahrer. Vor x Jahren sogar Vize-Schweizer-Meister, bis zu jenem Sturz, der die Karriere beendete. Seither fährt er nur noch zum Spass. Und eines blieb: die Liebe zum Zweitaktmotor.

Einen solchen gab es auch in seiner Remington, die er sich 1997 auf Ricardo ersteigert hatte – für einen Franken. Und dann ging sie kaputt. Reist ist ein Mann, der flickt, was kaputtgeht. Doch das Innenleben seiner Remington war anders, anders als das aller anderen Sägen. Auch der ortsansässige Maschinenbauer schüttelte nur den Kopf. Doch Reist liess nicht locker und brachte sie wieder zum Laufen.

Im Emmental spricht sich so was herum. Lange ging es nicht, bis einer, vielleicht vom Nachbarhof, fragte, ob er, Reist, mit einer Echo, Modell CS-100, Jahrgang 1966, etwas anfangen könne. Die liege bei ihm ja sonst nur rum. Wellness!

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