Ein fortschrittlicher Mann?

Was könnte Jeremias Gotthelf den Frauen von heute mitgeben? Eine brenzlige Frage, die am 19. Bäregg-Frauenforum in Bärau diskutiert wurde. Die Antwort: erstaunlich viel.

Den rund 60 Frauen im Inforama ist Jeremias Gotthelf nah, sehr nah sogar. Gerade wegen seines Engagements für die Familie.

Den rund 60 Frauen im Inforama ist Jeremias Gotthelf nah, sehr nah sogar. Gerade wegen seines Engagements für die Familie.

(Bild: Thomas Peter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es ist ein heisses Eisen, das die Organisatorinnen und Organisatoren des 19. Frauenforums da angefasst haben. Kurz zusammengefasst: Was könnte Jeremias Gotthelf den Frauen von heute so mit auf den Weg geben? Ein Thema also, das heute von Fettnäpfchen nur so wimmelt und in die moderne, aufgeklärte, auch junge Männer immer wieder tappen. Ein Minenfeld, quasi. Ob es da einem Pfarrer, Schriftsteller und Journalisten aus dem Emmental mit Jahrgang 1797 besser ergehen kann?

Fast 60 Frauen haben sich am Mittwochnachmittag im Saal des Inforama in Bärau eingefunden. Altersdurchschnitt: von reif bis betagt – mit Ausnahmen. Und auch zwei Männer haben sich in die Höhle des Löwen gewagt: der eine aus Neugier, der andere der Pflicht gehorchend. Letzterer war Heinrich Schütz, Leiter des Gotthelf-Zentrums in Lützelflüh. Mit Schalk, Witz und prächtiger Vorlesekunst brachte er den Besucherinnen «seinen Gotthelf» näher und zeigte mit aus­gewählten Textpassagen auf, welches Frauenbild dieser umtriebige Emmentaler damals hatte und in seinem ausführlichen Werk auch vermittelte.

Anfang des 19. Jahrhunderts, an der Schwelle von der Agrar- zur Industriegesellschaft, waren 70 Prozent der Bevölkerung noch in der Landwirtschaft tätig. Der Platz der Frau war noch Heim und Herd. Heinrich Schütz zeigte aber auch auf, dass dieser Albert Bitzius, alias Jeremias Gotthelf, nicht nur ein kleiner Schlawiner war, sondern durchaus ein fortschrittlicher Mann. So empfanden das später übrigens auch die Anwesenden.

So war von Heinrich Schütz zu erfahren, dass der junge Gotthelf dem weiblichen Geschlecht durchaus nicht abgeneigt war. Noch bis ins hohe Alter pflegte der gläubige, wenn auch welt­offene Pfarrer schon fast anzüg­liche Briefkontakte zu jungen und auch weniger jungen Verehrerinnen.

«Ja, das Heimchen am Herd hat heute einen schlechten Ruf.»Eine ältere Dame

Zu Hause indes hatte seine Frau, Henriette Zeender, wohl ein bisschen die Hosen an. Sie war zugleich die erste kritische Leserin seiner Texte. Die Frauen­figuren in seinen Büchern sind denn auch meist starke Persönlichkeiten. Resolute, zupackende Frauen, würdevoll gezeichnet: die etwas gehässige, sehr von sich überzeugte Annebäbi Jowäger etwa, die unglückliche, aber eigensinnige Christine in der «Schwarzen Spinne». Es waren Frauen, die noch sagten, wo es langging. Und im Buch «Das Erdbeermareili» wagte Gotthelf sich, obwohl die Forschung sich da alles andere als einig ist, sogar in das Feld der Frauenliebe vor.

Ein aufgeschlossener Mann also, dieser Gotthelf. So überrascht es auch nicht, dass er die Frauen als eigentliches Zentrum einer funktionierenden Gesellschaft verstand. So ist etwa in «Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen» nachzulesen: «Die Wohlfahrt des Landes hängt mehr vom Walten des Weibes ab, als Männer und Regenten sich einbilden.» So richtig in Fahrt brachte die Diskussion aber folgendes Zitat: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»

Würde er noch leben, so tönte es, täte er der heutigen Gesellschaft gut und würde sich für etliches einsetzen, was den Anwesenden offenbar auf dem Magen liegt. Für die Stärkung der Familie, für traditionelle, aber auch christliche Werte. Alles Schlagwörter, die heute mehr und mehr in Vergessenheit gerieten. Zu sehr, und das würde Gotthelf sicher auch kritisieren, meinten sie, stehe heute das Wirtschaftliche im Zentrum und nicht mehr die Familie. Es zeigte sich: Gotthelf ist den Frauen im Saal nah, sehr nah sogar.

Wie solle heute im Hause noch etwas beginnen, sagte eine Votantin, wenn man ständig nur noch unterwegs sein müsse? Bei all den Möglichkeiten, die man heute habe, sagte eine andere, werde es immer schwieriger, sich auf das Wesentliche, auf das Wohl der Familie, konzentrieren zu können. Zu gross sei der Zwang, dass Frauen sich engagieren müssten, beruflich wie politisch. Und dieser Druck komme erstaunlich oft gerade von Frauen. «Ja, das Heimchen am Herd hat heute einen schlechten Ruf», ergänzte eine ältere Dame.

Es brauche wieder mehr Wertschätzung, dafür, dass eine Frau und Mutter eben für Harmonie im Haus sorge und somit auch für Stabilität im Vaterland. Die Anwesenden waren sich auch einig darüber, dass Gotthelf stolz darauf wäre, dass Frauen heute gut ausgebildet seien und somit unabhängiger. Aber im Mass. Denn natürlich müsse Selbstverwirklichung sein, der Ausgleich jedoch müsse stimmen.

Jeremias Gotthelf würde sich heute sicher für die Rechte der Frauen, für Gleichberechtigung, für den Umweltschutz, aber auch für die Landwirte einsetzen, meinte eine Frau. Nur wäre er wohl nicht mehr Pfarrer, weil er damit zu wenig Leute erreichen würde. Wohl eher Blogger und auf allen medialen Kanälen aktiv. Oder er wäre Psychiater. Eine ältere Dame brachte es dann auf den Punkt: «Auch Jeremias Gotthelf könnte das Rad nicht bremsen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt