Sumiswald

Ein Blick in die Dorfseele von heute

Sumiswald Jan Zychlinski, Dozent für soziale Arbeit und leidenschaftlicher Fotograf, ist auf den Spuren von Fredo Meyer-Henn und Walter Studer unterwegs.

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Vorher war das Bild, das sich die Leute landauf, landab vom Emmental machten, ein idyllisches, ja fast schon klischiertes. Dies vor allem wegen der Gotthelf-Filme des Burgdorfer Regisseurs Franz Schnyder.Dann aber kamen 1962 die beiden Berner Fotografen Fredo Meyer-Henn und Walter Studer nach Sumiswald. In mehreren Etappen dokumentierten sie «die Gemeinde im Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie». Das Buch, das daraus hätte entstehen sollen, kam nie zustande. Die umfangreiche Bildersammlung wurde aber 1984 im Nachlass von Fredo Meyer-Henn wiederentdeckt und kam ins Staatsarchiv des Kantons Bern. Es folgten erste Ausstellungen, etwa im Sumiswalder Kirchgemeindehaus im Jahr 2000. Vor zwei Jahren waren sie dann in den Räumlichkeiten des Alterszentrums Sumiswald (Sumia) und im Kornhausforum Bern zu sehen (wir berichteten).

Die Aufnahmen sind mehr als nur dörfliche Impressionen. Sie ermöglichen einen authentischen Blick in die damalige Dorfseele ohne nostalgische Verklärung. Sie zeigen eine Gemeinde im Wandel zwischen landwirtschaftlichem Damals und aufkeimender Industrie von morgen.

Dokument aus unserer Zeit

Auch Jan Zychlinski war tief beeindruckt von diesen stillen, eindringlichen Bildern, als er sie im Kornhausforum das erste Mal sah. So sehr, dass er sich entschied, eine ähnliche Fotoreportage umzusetzen – gut 50 Jahre später. Eine, die den Blick in die heutige Seele Sumiswalds ermöglichen sollte. Ein fotografisches Dokument aus unserer Zeit.

Der gebürtige Deutsche ist 57 Jahre alt, wohnt seit über zehn Jahren in Bern und ist Dozent für soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule. Dort interessiert er sich vor allem für Themen wie sozialer Raum und Stadtentwicklung, Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe und nicht zuletzt eben als auto­didaktischer Fotograf auch für Sozialfotografie.

Zwischen September 2014 und Februar 2015 etwa bereiste er den Kaukasus, um das Leben von Flüchtlingen aus den Konflikten der letzten 25 Jahre fotografisch zu dokumentieren. Die Bilder wurden unter dem Titel «Jenseits der Grenzen – Flüchtlinge im Südkaukasus» als Buch veröffentlicht und ebenfalls im Kornhaus Bern sowie bisher an 15 anderen Orten in der Schweiz, in Deutschland, im Südkaukasus und in den USA gezeigt.

Fortschritt und Tradition

Dann war da aber eben plötzlich das Emmental. Nachdem er seine Idee dem Staatsarchiv und den Sumiswalder Gemeindebehörden präsentiert hatte und dort nur auf Wohlwollen gestossen war, begann er im Frühling 2017 mit seiner Kamera die Gemeinde zu erkunden. 3000 bis 4000 Bilder sind es bis heute geworden. Die Schwarzweissaufnahmen von Märkten, Dorffesten und Alltagssituationen zeigen wiederum ein Sumiswald, wie es eigentlich immer war und wie es sich auch selber gerne sieht: eine Mischung aus Fortschritt und Tradition.

Auch an der letzten Gemeindeversammlung war Zychlinski zugegen und fotografierte, als die Stimmberechtigten etwa über den Abbruch der SpittelhofScheune abzustimmen hatten. Er verbrachte aber auch Zeit mit den Mitgliedern der ansässigen Dead Riders, er sass im Grütli Wasen mit am Stammtisch.

Viel Zeit hat er also in dieser Gemeinde und mit ihren Menschen verbracht. «Obwohl mir viele gesagt haben, für mich als Deutschen und noch dazu mit einer Kamera werde es schwierig, den Zugang zu den Emmentalern zu finden, habe ich das ganz anders erlebt», sagt er. «Ich habe nur bodenständige, humorvolle und offene Menschen kennen gelernt.» Alle hätten seine Idee toll gefunden. «Es gab es keine einzige komische Situation.»

Wie im Erzgebirge

Vielleicht lag es auch daran, dass Jan Zychlinski selber aus einem Gebiet kommt, das dem Emmental wohl nicht unähnlich ist, wie er sagt. Der Gegend um das Erzgebirge nämlich. Auch dort wohne ein ganz eigener Menschenschlag. «In den wenigen Momenten, in denen ich die Gemeinde nun kennen gelernt habe», sagt er, «habe ich das Gefühl bekommen, dass für sehr viele, und über mehrere Generationen hinweg, Sumiswald wirklich Heimat ist.» Er habe die Gemeinde als ruhigen Ort erlebt, in dem aber auf kleinem Raum sehr viel los sei.

Noch ist er nicht fertig. Im Herbst und im Winter will sich Zychlinski auf die Landwirtschaft und dann auf die ansässige Industrie konzentrieren. Da er keinen Auftrag hat und nur in seiner Freizeit daran arbeitet, weiss er nicht, ob vielleicht ein Buch zustande kommt oder wann und wo er die Bilder ein erstes Mal wird zeigen können. In Sumiswald – hoffentlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 06:08 Uhr

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