Diffuse Ängste reichen nicht für eine Schliessung

Burgdorf

Philippe Müller, Leiter Redaktion Emmental, zur Abstimmung über das Asylzentrum Schafhausen.

Philippe Müller

Müssen die Schafhauserinnen und Schafhauser Freude daran haben, dass sie ihr Dorf seit 16 Monaten mit 150 Flüchtlingen teilen müssen? Nein. Müssen sie Freude daran haben, dass ihre Kinder in unmittelbarer Nähe von Menschen aus anderen, fremden Kulturkreisen aufwachsen? Selbstverständlich nicht. Dürfen die einheimischen Dorfbewohner ihre Ängste und Befürchtungen äussern? Natürlich.

Es ist den Schafhauserinnen und Schafhausern?und den Haslerinnen und Haslern auch nicht zu verdenken, dass sie im Herbst 2014 wütend auf den Gemeinderat waren, weil dieser in eigener Kompetenz und ohne vorgängige Information das alte Schulhaus dem Kanton als Asylunterkunft vermietet hatte. Und es ist ihnen nicht zu verübeln, dass sie sich anfangs vor dem Fremden, Unbekannten gefürchtet haben.

Der Herbst 2014 ist aber lange vorbei.?Der Gemeinderat hat damals kommunikative Fehler gemacht, dafür wurde er zur Genüge gerügt. Wer sich heute immer noch hinter diffusen Ängsten versteckt und seine Ablehnung gegen das Durchgangszentrum damit begründet, dass eines Tages vielleicht etwas Schlimmes passieren könnte, sollte sich eines vor Augen führen: Vorgefallen ist in den letzten 16 Monaten im und ums Schulhaus Schafhausen nichts Gravierendes. Einzelne Lärmklagen gibt es auch in anderen Dörfern, wo kein Asylzentrum steht. Die Befürchtungen der Zentrumsgegner haben sich nicht bewahrheitet. Es ist zwar nicht unbedingt ein Miteinander, was sich in Schafhausen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen abspielt, aber zumindest ein einigermassen friedliches Neben­einander.

Dass das auch über längere Zeit so bleiben und funktionieren kann,?zeigt ein Blick ins 15 Kilometer entfernte Schüpbach. Dort wurde 1991 ein Durchgangszentrum eingerichtet. Was damals dort los war, ist sehr gut vergleichbar mit den Reaktionen in Schafhausen vor 16 Monaten: Es gab Widerstand, es war eine latente Angst vor Diebstählen und Übergriffen vorhanden. Auch wenn es anfänglich die eine oder andere Schwierigkeit gab, so sagte der heutige Gemeindepräsident Martin Wyss kürzlich in dieser Zeitung: «Selbst wenn heute immer noch nicht alle Einheimischen Freude am Asylzentrum haben, so hat sich die Bevölkerung mittlerweile doch damit arrangiert.»

Das Beispiel Schüpbach könnte den Einwohnern der Gemeinde Hasle als Vorbild dienen, wenn sie morgen in einer Woche darüber abstimmen, ob sie den Mietvertrag mit dem Kanton für das Schulhaus Schafhausen auflösen wollen oder nicht. Zwingende, objektive Gründe, das Durchgangszentrum zu schliessen, gibt es nicht. Im Gegenteil: Es gibt gute Gründe dafür, den Mietvertrag zu verlängern. Denn der Kanton ist ein zuverlässiger Mieter, der gut zahlt. Die Nettoeinnahmen von jährlich rund 200'000 Franken kommen der finanziell angeschlagenen Gemeinde Hasle wie gerufen und verschonen die Stimmberechtigten zumindest vorübergehend von einer Steuererhöhung. Die Alternative zum Durchgangszentrum wäre ein leer stehendes Schulhaus, das Unterhaltskosten verschlingt und für das sich kein Käufer findet.

Dürfen die Schafhauserinnen und Schafhauser und die Haslerinnen und Hasler am 28. Februar Ja sagen zur Vertragsauflösung und zur damit verbundenen Schliessung des Asylzentrums? Selbstverständlich, das ist ihr gutes Recht. Vernünftig und weltoffen wäre das aber nicht.

Mail: philippe.mueller@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt