Die Enttäuschung hält sich in Grenzen

Schangnau

Beat Feuz fuhr die WM-Abfahrt so, dass unmittelbar nach dem Rennen niemand etwas vom Schangnauer Gemeindepräsidenten wollte. Beat Gerber liess den Korken des bereitgestellten Prosecco trotz Feuz’ 4. Platz knallen.

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Eigentlich könnten Beat und Kathrin Gerber die wichtigsten Rennen von Beat Feuz jeweils zu einem öffentlichen Event machen. Die Werkstatt ihrer Zimmerei ist ein Mehrzweckraum. Am Samstag sind die Maschinen zur Seite gestellt und zwei Tischreihen mit bequemen Stühlen aufgestellt. Denn letzthin haben der Schangnauer Gemeindepräsident und seine Frau wieder eine Besuchergruppe durch ihren Arche-Hof geführt.

Im Winter lassen sie die Gäste ungern lange draussen an der Kälte stehen, um sie über die bei ihnen lebenden und selten gewordenen Tierrassen zu informieren. Deshalb die Tische im geheizten Raum. Deshalb auch der riesige Bildschirm, der jeweils für Powerpoint-Präsentationen dient. Am Samstagmittag läuft er nun aber, weil Beat und Kathrin Gerber ihrem Lokalmatador Beat Feuz mental auf seiner WM-Abfahrt beistehen wollen.

Letztes Jahr, während Olympia, hatte Beat Gerber sich im Bumbacher Gasthof Rosegg unter die dort versammelten Fans gemischt. Aber ob all dem Jubel und Trubel nach dem Rennen verstand er kaum, was der Radiojournalist nach Feuz’ gelungener Fahrt vom Gemeindepräsidenten wissen wollte. «Es dauerte keine Minute, bis das erste Telefon kam.»

Chilbi nicht ohne Feuz

Jetzt sitzen Kathrin und Beat Gerber also mit einer Tasse Kaffee oben am Tisch und warten auf den Startschuss. Doch er verzögert sich. Das Wetter spielt nicht mit. Der Gemeindepräsident erklärt derweil, weshalb es in der Gemeinde kein spontanes Fest geben werde, falls Feuz den WM-Titel verteidigen sollte. Weil eine Chilbi ohne die Hauptperson für die Schangnauer keinen Sinn ergäbe.

«Wir wollen mit ihm zusammen feiern. Beat ist einer, der gerne dabei ist und gerne mit anderen ein Bierli trinkt.» Deshalb haben Fanclub und Gemeinde in der Vergangenheit jeweils im Frühling ein Empfangsfest organisiert. Feuz kann die Antwort auf die Frage, ob es dazu auch dieses Jahr einen Anlass geben wird, vorerst nicht beantworten. Das Rennen startet – wenn überhaupt– eine Stunde später. Beat Gerber nutzt die Wartezeit für Büroarbeiten, Kathrin Gerber geht staubsaugen.

Unbegreiflicher Entscheid

Um 13.30 Uhr sitzen sie an gleicher Stelle. Mit neu gefüllten Tassen, aber weniger Hoffnung. Das Fernsehen zeigt Nebel und dicke Schneeflocken. Trotzdem wird gestartet. Das Ehepaar hätte anders entschieden. «Das schneit ja…, die sehen doch nichts», sagt er kopfschüttelnd, um gleich darauf tröstend zu bemerken: «So können wir dann jedenfalls dem Wetter die Schuld geben. Bei schönem Wetter ist der Fahrer entscheidend. Aber hier?» Kathrin Gerber kann immer weniger begreifen, dass der Start nicht auf Sonntag verschoben wurde. Ihr Mann staunt darüber, dass die Fahrer überhaupt «z Schlag chöme».

Seit er vor drei Jahren das Gemeindepräsidium übernahm, sei er kaum mehr zum Skifahren gekommen, antwortet er auf eine entsprechende Frage. Vorher sei er oft jener gewesen, der auf der Skipiste in Bumbach, wo Feuz aufgewachsen ist, die ersten Spuren in den Schnee gezogen habe. «Ich ging oft schnell eine Stunde Ski fahren.»

Schnell vorbei

Jetzt konzentriert sich Gerber wieder auf das Geschehen am Bildschirm. «So geht das Rennen aber schnell vorbei», sagt er mit Blick auf die kurze Strecke. «Da hat man ja gar nicht Zeit, nervös zu werden.» Carlo Janka fährt – und enttäuscht. «Das habe ich geahnt, dass der bei dem Wetter…», kommentiert Gerber. Dann sinniert er darüber nach, wie gross die Enttäuschung wäre, wenn Feuz nicht erneut gewinnen würde. «Man würde es hinnehmen. Den Titel hat er ja, den kann ihm niemand mehr nehmen.»

Auch Dominik Paris misslingt die Fahrt. «Ich habe schon Bedenken, dass es Beat auch so gehen wird», sagt Gerber. «Ich habe ein ungutes Gefühl. Die Verhältnisse sprechen nicht für Beat.» «Er hat gesagt, er gebe das Beste», ruft sich Kathrin Gerber Feuz’ Versprechen in Erinnerung. Mit den Worten «Wir hoffen es» stellt sie die Tasse auf den Tisch, legt die Hände in den Schoss und schaut gebannt nach vorn. Feuz ist am Start. «Viel Glück, Beat», sagt der Gemeindepräsident. «Äh, die Bedingungen…», lautet sein Kommentar nach der ersten Zwischenzeit.

Als Feuz im Ziel auf dem dritten Platz landet, ist Beat Gerber zufrieden: «Bravo. Wenigstens Dritter. Bravo Beat. Wenigstens heil unten angekommen. Auch ein Grund, den Champagner zu öffnen.» Auf dem Tisch stand von Anfang an eine Flasche Prosecco bereit. Jetzt sei wohl niemand mehr oben, der dem Schangnauer den dritten Podestplatz streitig machen könnte, meint der Gemeindepräsident – und hat die Rechnung ohne Vincent Kriechmayr gemacht.

«Der macht jetzt dann schon noch einen Fehler», hofft Gerber. «Nicht dass der Österreicher noch zum Spielverderber wird…» Als er aber als Dritter ins Ziel fährt, entweicht dem Mund des überlegten Gemeindepräsidenten ein nicht allzu schlimmer, aber doch nicht ganz zitierfähiger Ausdruck. «Schade», kommentiert Kathrin Gerber das Schlussresultat. Doch Lamentieren über Unabänderliches ist nicht ihre Art. «Komm, jetzt öffnen wir den trotzdem», sagt sie und zeigt auf den Prosecco. Ihr Mann zögert nicht und lässt den Korken knallen.

Für Beat Gerber ist aber noch überhaupt nicht entschieden, dass im Frühling kein Feuz-Empfang stattfinden wird. «Es kommt darauf an, wie er im Weltcup abschliesst.» Sein Telefon bleibt an diesem Tag hingegen still.

Berner Zeitung

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