Der Weitblick der Gründer zahlt sich aus

Burgdorf

Mit 75 Schülern und 7 Lehrkräften startete die Musikschule Region Burgdorf 1968. Den Grundstein legte eine reiche Dame mit ihrer Schenkung. Heute werden von gut 60 Lehrern mehr als 1100 Personen unterrichtet.

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Urs Egli

Die Idee, eine Musikschule Region Burgdorf zu gründen, hat­te Sigismund Wilhelm Schmid. Der langjährige Musiklehrer am Gymnasium, Stadtorganist, Kom­ponist und Chorleiter hatte kurz vor seinem Tod 1966 ein sechsköpfiges Initiativkomitee einberufen, das eine Frage beantworten sollte: Entspricht eine Musikschule in der Zähringerstadt einem Bedürfnis?

Einer der Gründerväter, und der einzige, der heute noch lebt, ist Heinz Schibler. Der damals ­27-jährige Lehrer für Geschichte und Geografie am Gymnasium erinnert sich noch gut an die erste Sitzung im Haus von Schmid an der Alpenstrasse: «Als mit Abstand Jüngster im Kreis der erlauchten Herren war ich sofort begeistert von der Idee, eine Musikschule für die Region Burgdorf zu gründen.»

Seine Wahl in dieses Gremium war kein Zufall. Seit 1955 wirkte der junge Schibler als Klarinettist in der Stadtmusik Burgdorf. «Bei weitem nicht alle Instrumente – vor allem im Bereich der Bläser – wurden in unserer Stadt von privaten Musikern gelehrt. Die Schüler mussten deshalb auswärts, meistens in Bern, zum Unterricht», erinnert er sich.

Kein Wunder, sei die allgemeine Musikschule des Konservatoriums ob des Andrangs aus den Regionen aus allen Nähten geplatzt. Deshalb sei die Initiative aus Burgdorf von der Musikhochschule sehr begrüsst worden, so Schibler. Deren Leitung sei sogar bereit gewesen, «Lehrkräfte für eher seltene Instrumente für unsere Schüler zur Verfügung zu stellen».

Der Gemeinderat bot Hand

Die Gründungsversammlung des öffentlich-rechtlichen Vereins fand am 1. März 1967 im Hotel Stadthaus statt. Zum ersten Präsidenten wurde Musikdirektor Kurt Kaspar gewählt. Im Zentrum stand für ihn die Frage: In welchem Gebäude soll die Musikschule Region Burgdorf eingerichtet werden?

Ein halbes Jahr nach der Vereinsgründung zeichnete sich eine Lösung ab. Hierzu bot der Gemeinderat Hand, indem er das Haus an der Pestalozzistrasse 19 zur Verfügung stellte. Jene Villa also, die nach dem Tod von Lily Girardin-Blattner in den Besitz der Stadt übergegangen war. Im Mai 1968 hiess der Stadtrat den zum Umbau nötigen Kredit von 68'000 Franken gut.

Dass das Geld so flott bewilligt wurde, könnte auch mit dem Antrag des Gemeinderates an das Parlament zusammenhängen. Heinz Schib­ler erinnert sich mit einem Schmunzeln an den Antrag: «Der Gemeinderat sieht eine seiner Aufgaben darin, dem Verein nach Möglichkeit in der Erfüllung des gesetzten Zieles an die Hand zu gehen, umso mehr, als beabsichtigt ist, den Betrieb ohne jegliche jährliche Subventionen der öffentlichen Hand zu bestreiten.»

Von der Villa Girardin...

Am 21. Oktober 1968 wurde der Unterricht mit 75 Schülerinnen und Schülern sowie 7 Lehrpersonen aufgenommen. Die Instrumente und das Mobiliar konnten gekauft werden, weil zum einen das Sammeltuch an der Solennität einen ansehnlichen Grundstock geliefert hatte.

Zum anderen ergab ein Bettelbrief an die Burgdorfer Stimmberechtigten sowie an industrielle und gewerbliche Kreise einen schönen Batzen – gut 25'000 Franken. Es gab aber auch Naturalspenden: Der Verein für das Alter (Pro Senectute) schenkte den Steinway-Flügel, der in der Villa gestanden hatte. Die offizielle Eröffnung der Musikschule Region Burgdorf in der umgebauten Villa Girardin folgte dann im März 1969.

«Wir waren – abgesehen von der Stadt Bern – die erste regionale Musikschule im Kanton», betont Heinz Schibler, der damals als Nachfolger des zum Schulleiter gewählten Kurt Kaspar den Verein präsidierte. In der Folge seien etliche regionale Musikschulen gegründet worden, die sich am Burgdorfer Modell orientiert hätten, sagt der heute 78-Jährige stolz.

Lange auf den Lorbeeren ausruhen konnte sich der Vorstand nicht. «Wir erlebten eine so sprunghafte Entwicklung der Schülerzahlen, dass die Villa Girardin schon bald zu klein war. Also mussten wir nach neuen Räumlichkeiten Ausschau halten», erinnert sich Schibler. Erneut zeichnete sich eine glückliche Lösung ab.

... ins alte Waisenhaus

Durch den Wegzug der Kaufmännischen Schule in ein neues Gebäude im Berufsschulzentrum Lindenfeld wurde die stattliche Liegenschaft Bernstrasse 2 am Eingang der Oberstadt frei. Ursprünglich als Waisenhaus gebaut, diente die Liegenschaft nacheinander als Schulgebäude für das Gymnasium, die Mädchensekundarschule und eben für die Kaufmännische Schule.

Wie bereits bei der Villa Girardin sprach der Gemeinderat das 1832 von Robert Roller erbaute Haus 1973 der Musikschule zu. Für den Umbau bewilligte der Stadtrat einen Kredit von 245'000 Franken. Am 17. Oktober 1977 erfolgte der Umzug von der Pestalozzi- an die Bernstrasse.

In den 18 Unterrichtszimmern konnten mit Ausnahme der Orgel sämtliche Instrumente gelehrt werden. Bei wöchentlich einer Lektion zu 40 Minuten betrug das Schulgeld pro Semester damals 370 Franken für Klavier, 350 Franken für alle anderen Instrumente. Heute, 40 Jahre später, wird eine Semestergebühr von 780 Franken erhoben, pro Jahr sind es 1560 Franken. Das Schulgeld kann darum so tief gehalten werden, weil sich die Mitgliedergemeinden des Vereins mit 40 Prozent, der Kanton Bern und die Eltern mit je 30 Prozent an den Gesamtkosten beteiligen.

14 Aussenstandorte

2012 konnte der Verein, dem Burgdorf, Kirchberg, Krauchthal, Oberburg, Heimiswil, Koppigen, Rüdtligen-Alchenflüh, Lyssach, Wynigen und Rüegsau angehören, das 1977 bezogene Haus kaufen und renovieren. «Dank neuer Raumaufteilung und dem Ausbau des Kellergeschosses verfügen wir heute über 25 Unterrichtszimmer», erklärt Armin Bachmann, der die Schule seit 2007 leitet. Hinzu kommen 14 Aussenstandorte in den Gemeinden.

Aktuell werden die mehr als 1100 Schülerinnen und Schüler von gut 60 Lehrkräften unterrichtet. Die beliebtesten Fächer sind Klavier, Gesang, Streichinstrumente und Schlagzeug. «Seit den diversen Casting- und Talentshows ist Singen sehr populär», sagt Bachmann. Entsprechend gross sei die Nachfrage an der Musikschule. Eher schwierig sei die Situation bei den Blasinstrumenten, erklärt der frühere Professor für Posaune an der Hochschule für Musik in Weimar.

Berner Zeitung

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