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Der Wächter der Bäume

Pflanzen und Bäume beobachten, das ist die grosse Leidenschaft von Fritz Zimmermann aus Alchenflüh. Klingt simpel, doch dahinter steckt eine ganze Wissenschaft.

Mit prüfendem Blick unterwegs: Christine und Fritz Zimmermann beobachten die Bäume im Wald bis ins Detail.
Mit prüfendem Blick unterwegs: Christine und Fritz Zimmermann beobachten die Bäume im Wald bis ins Detail.
Beat Mathys
Das Paar ist sich bei der Analyse selten einig.
Das Paar ist sich bei der Analyse selten einig.
Beat Mathys
Ein Handbuch mit Richtlinien der Phänologie erleichtert die Arbeit.
Ein Handbuch mit Richtlinien der Phänologie erleichtert die Arbeit.
Beat Mathys
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Wer im Herbst durch den Wald läuft, denkt: «Oh, wie schön, all die bunten Blätter.» Schreitet Fritz Zimmermann im Herbst durch den Wald, fragt er sich: «Ist mehr als die Hälfte der Blätter eines Baumes verfärbt?» Bedeutung hat die Antwort nicht nur für ihn selbst, sondern für Meteo Schweiz, sprich: die Schweizerische Eidgenossenschaft.

Fritz Zimmermann, 75-jährig, betreut in Alchenflüh eine der 160 Phänologie-Beobachtungsstationen. Zwischen Februar und November trägt er in eine Liste 69 Daten ein, anhand deren er auffällige Wachstums- und Entwicklungserscheinungen an 27 Bäumen, Pflanzen und Kräutern beobachtet. Wann die Blüte beginnt etwa, die Fruchtreife oder der Blattfall.

Zimmermann reiht sich ein in eine lange Tradition. Seit dem Jahr 812 notieren Menschen in Kyoto, Japan, wann die Kirschbäume blühen; in der Schweiz startete die Ökonomische Gesellschaft Bern 1760 erste phänologische Reihen. Seit 1951 liegt die Zuständigkeit bei Meteo Schweiz.

Vom Büro in den Wald

Dass Zimmermann Teil dieser alten Wissenschaft wurde, verdankt er seiner Frau Christine. Sie war es, die vor zwölf Jahren in der «Schweizer Familie» ein Inserat entdeckte, in dem Leute gesucht wurden, welche Stationen betreuen. «Das wäre was», habe er sich gedacht, interessieren ihn doch die Natur und das Wetter – «der Treiber der Phänologie» – seit dem Kindesalter.

Vor der Pensionierung arbeitete er in der Generaldirektion der SBB im Marketing – Naturbezug gleich null. Trotz des fachfremden Berufes akzeptierte Meteo Schweiz Zimmermanns Bewerbung, nahm in auf in die Gilde der Phänologen und schickte ihm das Material.

«Was sonst während dreier Wochen passiert, geschah dieses Jahr in zehn Tagen.»

Besonders wichtig: das Buch «Pflanzen im Wandel der Jahreszeiten», eine Anleitung für phänologische Beobachtungen. Worte, Zeichnungen und Fotos sollen die Augen der Schweizer Phänologen schulen, damit sie alle nach einheitlichen Richtlinien arbeiten.

«Am Anfang musste ich mich ziemlich einarbeiten, alles im Selbststudium», erinnert er sich. Viele Pflanzen kannte er nicht, sichtete Fotos im Internet, deren Entsprechung in der Natur er auf dem Gebiet von Kirchberg und Alchenflüh suchte. «Besonders lange brauchte ich für das Knaulgras, und die Herbstzeitlose fand ich gar nicht erst.»

Der Disput am Baum

Seinen Auftrag erfüllt Zimmermann sehr gewissenhaft: Im April, der Hochsaison der Phäno­logen, besucht er fast jeden Tag die entsprechenden Bäume und Pflanzen. «Die Entwicklung läuft dann derart schnell, dass ich sonst ein wichtiges Stadium verpassen könnte.» Im Herbst reichen etwa drei Prüfgänge pro Woche.

Bis zu zwei Stunden ist Zimmermann jeweils unterwegs, meistens mit dem Fahrrad. «Das ist mein Fitnessprogramm.» Mehr Zeit in Anspruch nimmt die Tour, wenn ihn seine Frau begleitet. «Dann stehen wir jeweils lange vor einem Baum und diskutieren, ob tatsächlich schon die Hälfte der Blüten offen sind. Einig sind wir uns selten.»

Was in diesem Jahr beiden aufgefallen ist: Die Wärme und Trockenheit, «einzigartig», meint Zimmermann. «Was sonst während dreier Wochen passiert, geschah dieses Jahr in zehn Tagen.» So etwas habe er noch nie erlebt. «Phänomenal», dass er das beobachten dürfe.

Für solch spezielle Erkenntnisse nimmt Zimmermann in Kauf, dass er seine Ferien nach dem Fahrplan der Natur richten muss. Zehn Tage im Hochsommer, «wenn die Veränderungen nicht mehr ganz so rasant passieren».

Mehr Mühe macht ihm der Winter, wenn die Natur sich zurückzieht, Anlauf holt für den Frühling. Die Beobachtungen fehlen ihm dann. Denn die Phänologie ist mehr als ein Hobby –«eher wie eine Religion».

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