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Ärzteteam kauft sich seine Freiheit zurück

Die drei Mediziner der Gemeinschaftspraxis im Oberdorf wollen selbstständig arbeiten – und beenden deshalb ihre Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Ärztekasse.

Nicht mehr nur Mieter, sondern Besitzer der Lindenpraxis: Jürg Friedli, Wei Wang und Christophe Bosshart (v. l.).
Nicht mehr nur Mieter, sondern Besitzer der Lindenpraxis: Jürg Friedli, Wei Wang und Christophe Bosshart (v. l.).
Olaf Nörrenberg

In der Hausarztpraxis an der Oberdorfstrasse in Utzenstorf herrscht täglich reger Betrieb. Dutzende Patientinnen und Patienten gehen jeweils ein und aus. Längst nicht alle dürften bemerkt haben, dass die Praxis gerade einen Besitzer- sowie einen Namenswechsel hinter sich hat. Die medizinische Grundversorgung wird seit dem 1. November unter dem Namen Lindenpraxis angeboten. Die drei praktizierenden Allgemeinmediziner Christophe Bosshart, Jürg Friedli und Wei Wang haben die Praxis gekauft.

Alle drei sind bereits seit der Eröffnung im September 2015 hier tätig. So war vielen Patienten wohl nicht bewusst, dass die Praxis bisher gar nicht den Ärzten gehörte, sondern der Genossenschaft Ärztekasse aus dem zürcherischen Urdorf (siehe Kasten).

Ein Sonderfall

Als die Utzenstorfer Hausärzte vor ei­nigen Jahren beschlossen, sich in ei­ner Gemeinschafts­praxis zusammenzuschliessen, suchten sie einen Investor. Dabei kam die Ärztekasse ins Spiel. Man entschied sich für eine Partnerschaft. Im sanierten Bauernhaus an der Oberdorfstrasse wurde eine Gemeinschaftspraxis eingerichtet, die entsprechende Investition wurde von der Ärztekasse getätigt. Sie betrieb die Praxis dann unter dem Namen Xundheitszentrum.

Bosshart, Friedli und Wang praktizierten im Mandatsverhältnis als Hausärzte, wie die drei erklären. Ihr Personal vor Ort war also bei der Ärztekasse angestellt, während die Hausärzte selbstständig blieben. «Für uns war klar, dass wir nicht angestellt sein möchten», erklärt Hausarzt Jürg Friedli. «Wir haben die Infrastruktur von der Ärztekasse gemietet, aber auf eigene Rechnung gearbeitet.» Die administrative Leitung der Praxis lag jedoch bei der Ärztekasse.

Ulrich Riesen, Direktionsmitglied der Ärztekasse, sagt: Die Zusammenarbeit mit den Utzenstorfern sei ein Sonderfall gewesen. Denn in aller Regel stelle die Genossenschaft auch die Ärzte an. Friedli, Bosshart und Wang sagen, ihr Modell sei ein Versuch gewesen, der nun aber nicht wie erhofft funktioniert habe. «Der Anstoss zur Trennung kam denn auch von uns», erklärt Wang. «Wir haben gemerkt, dass es mit diesem Zwischending nicht geht.» Die Ärzte betonen aber, es habe keine Differenzen mit der Ärztekasse gegeben. «Wir haben einfach gemerkt, dass es für beide Seiten effizienter ist, wenn wir uns trennen», so Wang. Es sei eine «Scheidung in gegenseitigem Einvernehmen».

Laut Riesen bedauert die Genossenschaft Ärztekasse den Entscheid der Utzenstorfer Ärzte. Es sei aber auch verständlich, dass sie selbstständig bleiben wollen. «Das ist jedoch nicht unser Konzept.» Letztlich stehe ohnehin die medizinische Grundversorgung an erster Stelle. Und die sei in Utzenstorf weiter gewährleistet, so Riesen.

Anderer Rechnungssteller

Bosshart, Friedli und Wang haben der Ärztekasse die Praxis nun abgekauft, wobei das vor allem das Mobiliar betrifft – und nicht das Gebäude an der Oberdorfstrasse selbst. Dort sind sie eingemietet. Der Kauf der Praxis bedeutet auch, dass die medizinischen Praxisassistentinnen nicht mehr bei der Ärztekasse angestellt sind, sondern direkt bei den drei Ärzten. Sieben Assistentinnen und zwei Lernende arbeiten in der Lindenpraxis. «Für unsere Angestellten, die im Übrigen alle seit langem bei uns arbeiten, ändert sich mit der Praxisübernahme also nichts», erklärt Bosshart. Auch für die Patientinnen und Patienten werde fast alles gleich bleiben. «Ausser dass die Praxis einen anderen Namen hat und sie die Rechnung von jemand anderem erhalten, werden sie nichts merken», sagt er. Das Rechnungswesen lief bisher über die Ärztekasse. Nun haben die drei Ärzte eine andere Firma damit beauftragt.

Neue Ärztin ab Mai

Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden, so Friedli. Er sagt nur: «Es ist eine stolze Summe.» Dass Jürg Friedli sich an der Investition überhaupt beteiligt hat, ist nicht selbstverständlich. Er ist 65 Jahre alt und könnte sich pensionieren lassen. Sein Alter habe aber keinen Einfluss auf den Entscheid gehabt, beim Kauf mitzuhelfen. «Ich werde weiter arbeiten, allerdings mit reduziertem Pensum.» Christophe Bosshart, der nächstes Jahr 60 wird, will sein Pensum ebenfalls reduzieren. Wei Wang ist 52-jährig und arbeitet Vollzeit.

Dazu kommt bald eine weitere Ärztin: Im Mai tritt Amelia Garcia in die Lindenpraxis ein. Die Spanierin sei seit fünf Jahren in der Schweiz als Ärztin tätig, sagt Friedli. Garcia werde Vollzeit arbeiten und sich auch finanziell an der Praxis beteiligen. Zudem wäre die Infrastruktur für weitere Ärzte vorhanden. Doch es sei nicht so einfach, geeignete Leute zu finden, sagt Bosshart. Denn wichtig sei, dass Hausärzte eine Beziehung zu ihren Patienten aufbauen könnten. «Dafür ist ein langfristiges Interesse an einer Praxis nötig und eine finanzielle Bindung von Vorteil.» Genau das sei die Schwierigkeit bei der Suche nach jungen Ärzten.

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