Wohnmobile als Hoffnungsschimmer

Der Tourismus im Emmental und im Oberaargau könnte von einem «Pionierbonus» profitieren. Nämlich dann, wenn ein attraktives Angebot an Standplätzen für Wohnmobile aufgebaut würde.

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Susanne Graf

Christoph Hostettler sprach von einem «Pionierprojekt». Er kann beurteilen, welchen Wert die Arbeit hat, die von der Regionalkonferenz Emmental und der Region Oberaargau geleistet wurde. Hostettler ist Präsident des Schweizerischen Caravan­Gewerbeverbands und weiss, dass in keiner andern Region der Schweiz die gesetzlichen Grundlagen zur Schaffung von Stellplätzen für Wohnmobile fundiert erarbeitet worden sind.

Zusammen mit Tourismus Emmental und Oberaargau Tourismus präsentierten die beiden Regionen an einem Anlass in Wynigen ein ­gemeinsam verfasstes Merkblatt zu den baurechtlichen Voraussetzungen und einen Leitfaden für Wohnmobilstellplätze.

Willkommen heissen

«Bekanntlich fehlt es hier an ­guten touristischen Angeboten», sagte Christian Kopp. Der Gemeindepräsident von Trachselwald leitet das Ressort regionale Entwicklung in der Regional­konferenz Emmental. Weil die Schweiz in Sachen Stellplätze den Nachbarländern hinterherhinke, solle dieses Angebot nun im Emmental und im Oberaargau ge­fördert werden, sagte er.

Theoretisch können Wohnmobilisten laut Hostettler mit ihren Fahrzeugen zwar auf jedem öffentlichen Platz parkieren und dort die Nacht verbringen. Mit Dusche und WC ausgestattet, sind sie nicht auf sanitäre Anlagen angewiesen und benötigen deshalb die Infrastruktur eines Campingplatzes nicht zwingend. Dennoch würden sie offiziell angeschriebene Stellplätze vorziehen, sagte Hostettler. «Wenn sie wissen, dass sie willkommen sind, übernachten sie mit einem besseren Gefühl, als wenn sie befürchten müssen, dass morgens um 4 Uhr ein Polizist anklopft und Ausweise sehen will.»

Mit der Landschaft punkten

Laut der Regionalkonferenz ­Emmental und der Region Oberaargau gibt es aktuell in ihren Gebieten lediglich fünf Plätze, die für Wohnmobile reserviert sind, ein fünfter ist in Planung (siehe Karte, rote Punkte). Adriano Miceli, stellvertretender Geschäftsführer der Regionalkonferenz Emmental, berichtete von einer Analyse, die zeige, dass in Europa ein deutlicher Trend hin zum Reisen mit dem Wohnmobil spürbar sei. Die Schweiz stecke beim Aufbau von Stellplätzen in den Anfängen. «Jetzt könnten wir vorpreschen und uns von anderen Regionen abheben», sagte er.

Hostettler, ein Ostschweizer, doppelte nach: «Das Emmental hat alles, was es braucht: einen bekannten ­Namen und eine tolle Landschaft.» Zudem würden Wohnmobilisten zum sanften Tourismus der beiden Regionen passen, fuhr Miceli fort.

Mit Stellplätzen könne eine neue Zielgruppe aus der ganzen Schweiz und den umliegenden Ländern angesprochen werden, nannte Miceli weitere Chancen, die das neue Beherbergungs­angebot bieten würde. Christoph Hostettler stiess ins gleiche Horn, als er sagte: «Momentan machen die Mobilfahrenden einen grossen Bogen um die Schweiz, weil sie wissen, dass es hier keine Stellplätze hat.»

Hostettler räumte auch mit Vorurteilen auf: Wohnmobilisten seien keine «Billigtouristen», die sich aus mitgeführten Raviolidosen ernährten und keine Wertschöpfung in die Regionen brächten. Es handle sich dabei im Gegenteil um eine kaufkräftige Zielgruppe, die sich für die Region und ihre Angebote interessiere. «Ihr müsst ihnen nur noch zeigen, was ihr zu bieten habt», sagte der Fachmann. Auch die Angst, dass Fahrende die Stellplätze belegen könnte, zerstreute er. Diese würden viel grössere Plätze anpeilen.

Andreas Scherrer, der als erfahrener Wohnmobilist am Konzept der Regionen mitgearbeitet hat, äusserte sich zu den Anforderungen, die ein Stellplatz erfüllen müsse. Im Minimum genüge ein einfaches Schild, das den Campingbus auf dem Platz willkommen heisst. «Super» sei es, wenn Ver- und Entsorgungseinrichtungen für Frischwasser, Abwasser, WC und Abfall oder gar sanitäre Einrichtungen und Stromanschluss geboten würden. Je nach Ausstattung dürfe selbstverständlich eine Gebühr erhoben werden, sagte Scherrer.

Nicht ohne Baubewilligung

Das heisst nun aber nicht, dass bald auf jeder freien Ecke im ­Emmental und im Oberaargau fahrbare Ferienhäuschen stehen werden. «Ein gewerbsmässiges Zurverfügungstellen von Wohnmobilstellplätzen ist in jedem Fall baubewilligungspflichtig», hielt Murielle Quaile, stellvertretende Geschäftsführerin der Region Oberaargau, fest. Da spiele es keine Rolle, ob es sich um einen einfachen Kiesplatz oder einen ­Luxusstellplatz handle.

Entscheidend für eine Bewilligung ist die Frage der Zonenkonformität. Liegt das Grundstück in der Landwirtschaftszone, bedarf es einer Ausnahmebewilligung. Diese gibt es nur, wenn der Landwirt einen «engen sachlichen Zusammenhang mit dem Betriebskonzept» nachweisen kann. Laut Murielle Quaile kann dies etwa erfüllt sein, wenn der Betrieb im Agrotourismus tätig ist und zum Beispiel Bauernhof-Olympiaden anbietet oder einen Hofladen betreibt. Sie empfahl, sich in jedem Fall vor dem ersten Planungsschritt auf der Gemeinde nach den baurechtlichen Voraussetzungen zu erkundigen.

Berner Zeitung

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