Hindelbank

Der von der Improvisation lebt

HindelbankRené Schmid (54) steht seit seiner Kindheit als Volksmusiker auf der Bühne. Übte er früher stundenlang, so spielt das Mitglied der Swiss Ländler Gamblers heute lieber spontan.

Falsches Bild: Seine Instrumente holt René Schmid dem Fotografen zuliebe hervor. In seiner Wohnung in ­Hindelbank, in der er seit zehn Jahren lebt, hat er noch nie gespielt.

Falsches Bild: Seine Instrumente holt René Schmid dem Fotografen zuliebe hervor. In seiner Wohnung in ­Hindelbank, in der er seit zehn Jahren lebt, hat er noch nie gespielt. Bild: Marcel Bieri

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Ein kräftiger Händedruck, ein breites Lachen. Betritt René Schmid einen Raum, ist er präsent: ein Showman durch und durch. Von Kindesbeinen an steht er als Volksmusiker auf der Bühne. Besucht man ihn in seinem Zuhause in Hindelbank, deutet erst aber wenig auf den Vollblutmusiker hin. Keine Notenblätter, keine Instrumente, keine eingerahmten Schallplatten.

Einzig das Wandtattoo «Dont worry be happy» weist darauf hin, dass ihn auch im Alltag das positive Lebensgefühl begleitet, das man von Konzerten mit Francine Jordi, Oesch’s den Dritten und Co. kennt.

Das Schwyzerörgeli und die Klarinette holt er für den Fototermin extra hervor. «Das gibt aber ein verfälschtes Bild ab», sagt der 54-Jährige. Denn in der Wohnung habe er in den mittlerweile zehn Jahren, die er hier ­lebe, noch nie gespielt. «Ich übe nicht», sagt er.

Das mag erstaunen, spielt René Schmid ja nicht bei irgendeiner unbekannten Ländlerkapelle. Er ist Klarinettist bei den Swiss Ländler Gamblers. Sie waren für den Prix Walo nominiert, gewannen den Titel Swiss Ländlerstars, treten regelmässig an Grossveranstaltungen, auf Kreuzfahrten, in Radio und Fernsehen auf.

«Als Kind habe ich eine Passage oft mehrere Stunden geübt.»René Schmid

«Unsere Auftritte leben von der Improvisation», sagt Schmid. So spielen die Volksmusiker nach Gefühl und nicht nach Noten. Ganz so leicht, wie es klingt, ist es aber nicht. Hart erarbeitet hat sich René Schmid seine Improvisationskünste. «Als Kind habe ich eine Passage oft mehrere Stunden geübt.»

Lampenfieber kennt er nicht

Denn die Töne mussten schon früh sitzen. Mit seiner Familie trat er im Alter von elf Jahren erstmals auf. Die Familienkapelle Schmid – das waren der Vater und die Schwester mit dem Schwyzerörgeli, René mit der Klarinette und die Mutter mit der Bassgeige. War der Vater schon lange ein aktiver Volksmusiker – er war Mitglied der Bärner Ländlerfründe und führte in Bern ein Örgelibaugeschäft –, musste die Mutter ihr Instrument erst lernen.

Bald machte sich die Familienkapelle einen Namen. Beim ersten Auftritt im Schweizer Fernsehen war René Schmid dreizehn Jahre alt. War das nicht ein riesiger Druck für ihn? «Ich habe das Ausmass damals gar nicht richtig begriffen», sagt er. Zu jung sei er gewesen. Doch das habe auch seine positiven Seiten gehabt. «Lampenfieber kannte ich nicht.»

Skeptiker für sich gewinnen

Erst viele Jahre später lernte er das Gefühl der fiebrigen Nervosität kennen. Damals traten die Ländler Gamblers an den Jazztagen auf der Rigi auf. Schmid wusste nicht, ob sie den Geschmack der Leute treffen würden. Einem Publikum gerecht werden, das lieber den melancholischen Jazzklängen lauscht, als munter schunkelnd zu den sonnigen Melodien der Ländlermusik feiert. «Zum Glück kamen wir gut an.»

«Es gab schon Traditionalisten, die skeptisch waren.»René Schmid

Die Ländler Gamblers machen keine Volksmusik im herkömm­lichen Sinn. Sie mischen traditionelle Melodien mit Dixie- und Jazzelementen. Als sie Ende der Neunzigerjahre ihre ersten Auftritte hatten, stiess diese Mischung nicht nur auf Anklang. «Es gab schon Traditionalisten, die skeptisch waren.» Gemerkt habe man das an einigen kritischen Gesichtern im Publikum. «Schliesslich haben sie aber trotzdem unter dem Tisch mit dem Bein im Takt gewippt», sagt Schmid und lacht.

Musik ist kein Haupterwerb

Kritische Stimmen brachten die Musiker denn auch nie aus dem Konzept. «Wir machen, was uns gefällt.» Und genau deshalb seien sie erfolgreich. Von der Musik leben könnten die Ländler Gamblers aber trotzdem nicht. Alle arbeiten hauptberuflich in einer anderen Branche. Auch René Schmid.

Er übte schon die verschiedensten Berufe aus, war Elektriker, arbeitete als Sicherheitsinstruktor, war Taxifahrer, Lehrer, Pilot, Gastwirt und Schulleiter. Derzeit treibt er seine eigene Firma voran. Schmid hat die sogenannte Sparringsmethode entwickelt. Ein Trainingsprinzip zur Persönlichkeits- und Teamentwicklung, das auf dem Boxsport beruht.

Denn das Boxen ist nebst der Musik seine zweite Leidenschaft. War der Boxsport auch im Freundeskreis stets Thema, machte er um seine Erfolge in der Musik früher hingegen keinen grossen Wirbel. «In der Schule sprach ich nicht gern darüber», sagt er. Die Jugendlichen in der Stadt Bern hätten dafür kein Verständnis gehabt, befürchtete er. Volksmusik habe damals als rückständig und ländlich gegolten, sei nicht angesagt gewesen.

Heute sei das anders, meint René Schmid. «Die jungen Leute hören wieder Ländler.» Das merke er an den Konzerten. Nur der Paartanz sei noch nicht wieder in Mode gekommen. «Dabei ist es doch viel schöner, zusammen zu tanzen, als allein wie in der ­Disco.»

Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich bereits am Samstag. Dann nämlich treten die Ländler Gamblers bei der Samstagabendliveshow «SRF bi de Lüt» auf dem Burgdorfer Kronenplatz auf. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.05.2017, 19:27 Uhr

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