«Beim Schwingen und Jodeln gibt es keinen Röstigraben»

Wenn Melanie Oesch ihren schnellen Jodel vorträgt, ist das Publikum nicht mehr zu halten. Nächstes Wochenende tritt sie mit Oesch’s die Dritten am Eidgenössischen Schwingfest auf.

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Melanie Oesch, wie sieht Ihr Traummann aus? Melanie Oesch: Das Bild vom Traummann gibt es bei mir nicht. Ich will mich da auch nicht festlegen – es kommt, wie es muss.

Muss er stark sein? Das kann ich nicht beantworten. Es passt, oder es passt nicht.

In Burgdorf werden die stärksten Schwinger gegeneinander antreten. Sie werden reichlich Auswahl haben. Ja, die Schwinger faszinieren mich tatsächlich. Das sind für mich Spitzenathleten, die Grossartiges leisten und zwar nicht nur sportlich, sondern auch in der Gesellschaft. Ihr Stellenwert ist in den letzten Jahren ständig gestiegen – auch aus Anerkennung für ihre Einstellungen, die man überall zeigen kann, will und darf.

Was begeistert Sie am Schwingen selber? Einerseits ist es halt etwas, was nur wir Schweizer haben. Es ist eine Tradition, die sehr viele Menschen verbindet. Im Schwingsport gibt es wie bei uns in der Volksmusik auch keinen Röstigraben. Und es gibt keine Trennung der Generationen: An einem Schwingfest sieht man die alten Kenner, die schon seit 40 Jahren dabei sind; und es gibt die Jungen, die ebenfalls Teil dieser Magie sein wollen. Dieses Verbindende ist das Schöne.

Hat Schwingen für eine junge Frau wie Sie eine erotische Ausstrahlung? Jein. Natürlich ist es attraktiv, diesen super durchtrainierten Männern zuzusehen. Aber das steht nicht im Vordergrund. Es geht um gewisse Werte, welche die Menschen verkörpern, die diesen Sport ausüben.

An welche Werte denken Sie? Vor allem an die Bodenständigkeit, die nicht nur vorgeführt, sondern wirklich gelebt wird.

Die guten Schwinger sind die «Bösen». Das tönt nach martialischen Werten. Mit solchen Begriffen weiss man genau, was gemeint ist. Sagt man Leuten, die vom Schwingen keine Ahnung haben, das seien jetzt die «Bösen», ist denen alles klar. Das ist schon cool!

Können Sie sich die Begeisterung für den Schwingsport erklären? Absolut. In den vergangenen drei, vier Jahren hat ein Wandel stattgefunden, das merken auch wir an unseren Konzerten: Der Trend geht wieder zurück zu den Wurzeln. Es gibt dieses schöne, für mich treffende Sprichwort: Ohne Wurzeln keine Flügel. Man will einerseits wissen, woher man kommt und steht zu dieser Herkunft. Andererseits möchte man die Traditionen in die heutige, rasant vorwärtsdrängende Zeit mitnehmen. Diesen Spagat zu schaffen, ist schwierig und in der Musik wie im Sport ähnlich.

Die Euphorie fürs Schwingen kann sich nicht jedermann leisten: Der Durchschnittspreis für einen Eintritt in Burgdorf beträgt 190 Franken. Das ist wahr. Die hohen Preise haben uns auch schon beschäftigt. Viele Fans haben uns angesprochen, sie könnten nicht kommen, weil sie sich die Eintritte nicht leisten könnten. Aber ich sehe nicht hinter die Kulissen, also steht es mir nicht zu, dies zu beurteilen. Zudem: Es ist eben das «Eidgenössische» und nicht irgendein Fest.

Allerdings. Es werden 250'000 bis 300'000 Zuschauer erwartet. Ist Ihnen noch wohl an einem solchen Megaevent? Wir werden ja nicht mitten in diesen Tausenden von Leuten sein. Wir werden am Freitagabend im Festzelt auftreten und am Samstag und Sonntag jeweils in der Muniarena. Ich lasse mich überraschen! Die grossen Events sind für uns natürlich spannend, aber ich möchte auch die kleinen nicht missen.

Im Schlussgang herrscht jeweils konzentrierte Stille. Das deutet auf ein fachkundiges Publikum hin. Ja, und das strahlt ebenfalls diese Faszination aus: Da sitzen Leute im Publikum, die seit Jahrzehnten von Schwingfest zu Schwingfest reisen. Die eignen sich ein riesiges Wissen an, das sie jedoch zum Teil gar nicht weitergeben, sondern für sich behalten wollen.

Gewaltsame Auseinandersetzungen unter Fans gibt es an einem Schwingfest nicht. Warum? Vermutlich weil die Leute eben noch Wert auf Werte legen wie Bodenständigkeit und Respekt dem Gegner gegenüber. Und gegenüber dem Sitznachbarn: Es würde niemandem in den Sinn kommen, einen Regenschirm aufzuspannen. Ein Schwingfest hat viel mit Gemeinsamem zu tun. Darum geht es, und das ist sein Erfolgsgeheimnis.

Der Sieger wischt dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken ab. Als Zeichen der Erniedrigung oder der Fairness? Der Fairness! Der Schwingsport lebt ja von Gesten: Man gibt sich zuerst die Hand, sieht sich in die Augen, ein Verlierer wird nie ausgepfiffen, sondern erhält auch Applaus, und unter den Zuschauern herrscht Ruhe. Da ist er wieder, dieser Respekt, diese Achtung vor dem anderen Menschen – und dennoch der Ehrgeiz, einen Kampf zu gewinnen. Es geht ja nicht um irgendein Spiel, sondern es geht wirklich um die Wurst.

Spitzenschwinger können heute gutes Geld verdienen. Die Kommerzialisierung macht auch vor der Schwingerarena nicht halt. Es ist doch überall so: Wird etwas beliebt, kommt sofort die Frage des Kommerzes. Es muss jeder für sich ausmachen, ob er sich ein Stück weit verkaufen will oder nicht. Es braucht auch die Puristen, die jeweils etwas Zündstoff in die Diskussion einbringen. Resultieren wird daraus sowieso ein Kompromiss. Und es gibt ein Auf und Ab im Bekanntheitsgrad wie in der Mode. Da darf man sich nicht zu sehr verkrampfen: Es kommt, wie es muss.

Gegenwärtig nimmt die Bedeutung von Volkssport und Volkskultur in der Schweiz eher zu. Wie erklären Sie sich den Trend? Wir leben heute in einer totalen Luxusgesellschaft. Vielen Leuten ist überhaupt nicht bewusst, was wir alles haben. Die Wertschätzung ist oft gering oder gar nicht mehr vorhanden. Manchmal folgt dann ein Aufwachen und auch ein Erschrecken, bei dem einem bewusst wird, um was es eigentlich geht im Leben.

Nämlich? Es geht um das Einfache, das uns Menschen verbindet.

Braucht die Schweiz deswegen ein neues Selbstbewusstsein? Neu muss es nicht sein. Es ist wiederum der Mix aus beiden Bewegungen: Stehenbleiben ist ein Rückschritt. Aber man darf auch nicht nur vorwärtsdrängen und alles dahinter vergessen – denn das ist doch die Basis von allem.

In einem Ihrer Lieder singen Sie «Mon amour c’est la Suisse». Das grenzt an patriotischen Kitsch. Den braucht es auch ein bisschen. Denn wir dürfen wirklich stolz sein, hier zu leben. Schon nur die Aussicht in die Landschaften, wie sie sich ineinanderfügen, mit den Bergen, den Seen und den Städten – alles auf kleinem Raum. Wir haben es wirklich schön hier. Bei uns gibt es super Essen, nicht vergleichbar mit dem Rest der Welt. Und wir haben verschiedenste Kulturen, die Platz bieten für fast alles. Oft sucht man viel zu weit!

Ist das Schweizer Brauchtum durch die Migration bedroht? Nein, das glaube ich nicht.

Wie viele Ausländer verträgt die Schweiz? Das kann ich nicht beurteilen. Politisch habe ich überhaupt keinen Plan.

Fühlten Sie sich als junge Schweizerin auch schon bedroht? Nein, überhaupt nicht.

Sie treten in einer Tracht auf. Haben Sie Verständnis für Frauen mit Kopftüchern? Unsere Tracht ist eine Eigenkreation, die mit einer traditionellen Tracht nichts zu tun hat. Ein Urteil über Kopftücher steht mir nicht zu. Aber eigentlich ist es doch schade, wenn alles vorgegeben werden muss, nur weil es sich nicht von selbst regelt.

Also wäre einfach mehr Respekt gegenüber den anderen Menschen angebracht – wie beim Schwingen? Auf jeden Fall! Aber man darf auch nicht vergessen, dass es verschiedene Kulturen gibt auf dieser Welt – und das hat sehr viel mit den Menschen zu tun, die dort leben, mit ihren Traditionen und mit den Eigenheiten des jeweiligen Landes. Das soll auch so bleiben. Man darf seine Wurzeln nicht vergessen, sonst wird man entwurzelt.

Sie sind die Lead-Sängerin, Ihre Mutter ist die treibende Kraft hinter Oesch’s die Dritten. Da sind starke Frauen am Ruder. Wir haben uns super aufgeteilt. Mein Vater ist der Kreative. Mit ihm zusammen entstehen alle Ideen, sei es für Bühnenelemente, Kompositionen oder für die Texte. Unsere ganze Philosophie wird von ihm getragen. Meine Mutter ist die Rationelle. Wenn es darauf ankommt, dann geht bei ihr etwas. Ich finde es total cool, dass wir alles nach unseren Stärken aufteilen konnten.

Sie sind überaus erfolgreich. Brauchen die Schweizer Frauen mehr Anerkennung? Nein, die Anerkennung kommt von selbst.

Sie treten stets als fröhliche Familie auf, wohnen im selben Haus, die Banden sind eng. Das tönt nach purer Idylle. Das klingt tatsächlich nach Idylle – und ist es manchmal auch.

Haben Sie nie das Bedürfnis auszubrechen? Doch, natürlich. Das machen wir ja auch. Wir haben unsere Freiräume, wo wir uns wenig bis gar nicht sehen. Jeder hat für sich seinen Freundeskreis, seine Hobbys und seine Freiheiten. Die sind zwar nicht sehr grosszügig, aber sie sind da. Man muss diese Freiräume halt auch für sich zu nutzen wissen.

Was halten Sie von einem heilsamen Gewitter? Wir versuchen, immer ehrlich zueinander zu sein – auch wenn das manchmal hart ist. Es gibt auch Streit, weil jeder dem anderen sagt, was er denkt. Aber so muss es sein.

Sie erscheinen als ewige Strahlefrau. Was stimmt Sie nachdenklich? Ich bin ein Mensch, der viel nachdenkt, manchmal grübelt und hinterfragt, ob etwas richtig sei. Ich mach mir sehr viele Gedanken und schreibe die manchmal auch auf, in Liedern oder in Gedichten.

Was bringt Sie denn ins Grübeln? Ein Beispiel: Es gibt Menschen, die unsere Auftritte und unsere Musik kritisieren; nur kommt diese Kritik nicht direkt zu mir, sondern auf Umwegen. Das nervt mich. Denn einerseits halte ich das für feige, andererseits möchte ich mit diesen Menschen persönlich reden, um zu erfahren, was sie stört. Das fuchst mich!

Sie führen ein Leben im Rampenlicht. Das kann auch blenden. Auf jeden Fall, es heisst nicht von ungefähr Showbusiness. Da gibt es einerseits das, was das Publikum von dir verlangt, andererseits muss man sich selber darin auch finden. Für mich ist es ein Glück, dass wir als Team unterwegs sein dürfen.

Sie sind ständig auf Achse, legen für Ihre Auftritte bis zu 60'000 Kilometer im Jahr zurück. Macht das wirklich Spass? Für mich schon. Würde ich nicht Musik machen, wäre ich sonst so viel unterwegs. Reisen ist für mich total faszinierend – und dann komme ich auch wieder gerne heim. Ich bin ein neugieriger Mensch und erlebe gerne etwas.

Für 2015 planen Sie eine USA-Tournee. Mit dem Muni-Song «Dada Muh»? Keine Ahnung, vielleicht ist er uns bis dann etwas verleidet.

Der Song ist weder vom Text noch von der Melodie her etwas Besonderes. Dennoch hat er das Zeug zum Ohrwurm. Mein Vater hat wie kaum ein anderer Mensch ein Näschen für Sachen, die den Leuten sofort ins Ohr gehen. Das muss auch keineswegs kompliziert sein. Zudem darf man einen Muni-Song sehr wohl auch mit einem Augenzwinkern nehmen, denn schliesslich ist er ein Gag.

Was macht einen Song zum Hit? Er muss gespielt, gespielt und gespielt werden. Er muss den Weg ins Publikum finden.

Seit sechs Jahren sind Sie mit Oesch’s die Dritten erfolgreich unterwegs. Wie ist Ihr Rezept? Es gibt eigentlich kein Rezept. Es ist, wie wenn man Orangensaft presst: Der Applaus, die Euphorie im Publikum, die Komplimente – das sind die Früchte, aus denen wir dann wieder frischen Saft machen.

Bisher haben Sie Ausstiegsszenarien immer dementiert. Gibt es wirklich keinen Plan B in Ihrem Leben? Doch, den gibt es schon. Aber ausser mir braucht den ja niemand zu wissen.

Und wenn Sie am Schwingfest Ihren Traummann finden? On verra...

Berner Zeitung

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