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Eine Geschichte gegen das Vergessen

Burgdorf In einem Haus auf dem Gsteig kam ein Manuskript zum Vorschein. Es ist ein Märchen, geschrieben von Una Christina Rickenbacher. Sie starb 1958 mit 17 Jahren an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Doch wer war die Verfasserin dieser Geschichte?

Dies ist eine besondere Geschichte. Eine Geschichte der Erinnerungen. Vom Tod zwar, aber dennoch voller Leben. Una Rickenbacher war 17 Jahre alt, als sie starb. Geblieben sind von ihr ein Manuskript und Tagebücher. Das Manuskript erzählt das Märchen von Mäni und der Eule (siehe Zweittext). Das Schriftstück tauchte im Nachlass der Mutter auf und gelang so in die Hände von Montserrat Brünisholz, Alleinerbin des Nachlasses. Die Mutter Elsa Rickenbacher starb 2002 im Alter von 90 Jahren in Burgdorf. Heute wohnt die Familie Brünisholz im gleichen Haus auf dem Gsteig. Der grosse Wunsch von Elsa Rickenbacher, das Märchen der Tochter zu publizieren, wurde nie erfüllt. Una Rickenbacher wollte nicht in Vergessenheit geraten, wie sie selbst in ihrem Tagebuch um 1955 mehrmals schreibt. Dies ist auch der Grund, warum Montserrat Brünisholz die Lebensgeschichte des toten Mädchens bei einem Treffen ausführlich schildert. Sie hat Una nicht persönlich gekannt, erst 1981 lernte sie Mutter Elsa kennen. Die beiden verband trotz des grosses Altersunterschieds eine innige Freundschaft. Im Laufe der Jahre erzählte die ehemalige Journalistin und Lebenskünstlerin Elsa Rickenbacher der Freundin ihr Schicksal, vom Tod von Tochter Una und von Ehemann Hans. Kampf gegen die Krankheit Una Christina Rickenbacher wurde am 19.August 1941 geboren. Zeit ihres Lebens litt sie an einer Lungenkrankheit. Die sogenannte cystische Fibrose ist eine angeborene Störung des Stoffwechsels, vor allem in den Lungen und der Bauchspeicheldrüse bildet sich zäher Schleim, der die normale Funktion dieser Organe einschränkt. Die Ärzte standen damals vor einem Rätsel, die Untersuchungen im Beau-Site Bern brachten lange keine Ergebnisse. «Doch die Mutter wollte die Hoffnung nie aufgeben, dass Una wieder gesund wird», erinnert sich Montserrat Brünisholz. Und Una wollte leben. Wenn es ihr gut ging, war sie eine freche, aufgeweckte junge Frau. Brünisholz blättert im Fotoalbum und zeigt auf die Bilder, die Una in den Ferien zeigen, an der Solätte, beim Lesen in Haus und Garten. Opfer des Zweiten Weltkriegs Unas Vater und Onkel kamen beide bei Flugzeugabstürzen ums Leben. Vater Hans Rickenbacher war Ingenieur und Militärpilot im Zweiten Weltkrieg. 1945 verunglückte der Oberleutnant bei einem militärischen Übungsflug mit seiner Maschine über dem Neuenburgersee. Er wurde am 8.Mai 1945 beigesetzt, dem Tag, an dem Krieg in Europa zu Ende ging. Es war der zweite herbe Schicksalsschlag für die Familie Rickenbacher, eine Doktorsfamilie aus Gutenburg-Lotzwil. Rudolf Rickenbacher, der jüngere Bruder, war schon Anfang Juni 1940 bei Gefechten zwischen der deutschen und schweizerischen Luftwaffe über dem Jura getroffen worden und abgestürzt. Nach dem Tod von Hans Rickenbacher kehrte Elsa Rickenbacher-Vogt mit Tochter Una von Zürich nach Burgdorf zurück, wo sie aufgewachsen war. Das Leben, der Tod und die Eule Una lebte fortan mit Grossmutter und Mutter zusammen im Haus an der Alpenstrasse. Sie ging in Burgdorf ins Gymnasium. Dort fand sie viele Freundinnen, von ihnen berichtet sie auch in den Tagebüchern. In diesen Tagebüchern schreibt sie von den Sorgen eines ganz normalen Teenagers. Von der Sehnsucht nach der grossen Liebe. Von den guten und schlechten Noten in der Schule. Vom Zoff mit der Mutter. Von Gerüchten und Geheimnissen. Von Träumen. Unas Hobbys waren Reiten, Basteln, Zeichnen, Schreiben und Lesen – immer wieder Lesen. Einmal im Jahr reiste sie mit der Mutter für drei Monate nach Mallorca in die Kur, weil die milde Luft den Lungen guttat. Bald beherrschte sie neben Italienisch und Französisch auch die spanische Sprache. «Und», fügt Monserrat Brünisholz an, «sie hat die Liebe erfahren.» Am Ende ihres Lebens verliebte sie sich in einen jungen Assistenzarzt. Doch die Krankheit wurde immer schlimmer. «Zwar gab es Zeiten, wo es ihr besser ging. Sie magerte aber ab und bekam zu wenig Sauerstoff», erzählt Brünisholz. Mit der Flasche musste sie sich Sauerstoff zuführen. Die Chemotherapie wirkte nicht. Angst vor dem Tod schien Una nicht zu haben, wohl aber vor dem Sterben. «Sie hat der Mutter gesagt: Mama, wenn ich sterben muss, dann will ich bitte nicht ersticken.» Una starb im September 1958 an Herzversagen, eines Morgens lag sie zu Hause tot im Bett. Die Mutter setzte die Urne in ihrem Garten bei, als Grabstein liess sie eine Eule anfertigen, Unas Lieblingstier. Was zurückbleibt, sind ein Märchen, Tagebücher und Erinnerungen. Was bleibt, ist die Geschichte von Una Rickenbacher. Nadja Noldin >

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