Zum Hauptinhalt springen

Ein gutes Stück in den Händen

Komödie«Die Herbstzeitlosen» waren gestern. Jetzt zeigt das Berner Stadttheater die Bühnenversion des Kino-hits. Das Publikum feierte den «Altweiberfrühling» mit stehenden Ovationen und beklatschte, was man an etablierten Häusern sonst kaum erlebt: Mundartvolkstheater.

Man ist geneigt, bei der Besprechung dieses Stücks zu jutzen. Judihui. Zum einen, weil es unter anderem um ein Chor- und Jodelfest geht. Zum anderen, weil es so gut, lustig und rührend ist. Man stelle sich vor: Das Berner Stadttheater macht Dialekttheater. Professionelles Volkstheater hat auf einer etablierten Bühne Seltenheitswert. Das Ensemble genoss an der Premiere Standing Ovations. Der Film «Die Herbstzeitlosen» von Bettina Oberli kam 2006 ins Kino und war überaus erfolgreich. Die Bühnenversion zeigten die Theater ab 2009, unter anderem im Vorarlbergischen und in Norddeutschland auf Plattdeutsch. Das Berner Stadttheater bringt als besonderen Vorzug zwei Schauspielerinnen vors Publikum, die bereits im Film in den gleichen Rollen zu sehen waren: Heidi Maria Glössner und Monica Gubser. Wirkungsvoll gestrickt Vier alte Frauen möchten irgendwo in Hintertüpfligen einen Dessousladen eröffnen. Zwei bodenböse Biedermänner wollen dies verhindern. Erst sind die Kotzbrocken erfolgreich, dann triumphiert das Damenquartett. Höhepunkt ist ein Gesangsfest, bei dem die alten Weiber den Frühling spüren. Die Geschichte um Höschen und Rüschen ist einfach gestrickt, aber wirkungsvoll. Stefan Vögel hat die Bühnenversion des Films geschrieben. Stefan Huber hat den Text bearbeitet. Das hiesige Publikum kennt Huber von seinen Musicalinszenierungen am Stadttheater her. Der 50-Jährige ist ein gefragter Mann. Er wird im ganzen deutschsprachigen Raum als Garant für publikumswirksame Produktionen herumgereicht. Eine solch gelungene solide Arbeit liefert er auch mit seiner aktuellen Produktion. Huber lässt jede der vier Darstellerinnen einen Ohrwurm singen und stellt den Schauspielerinnen dabei einen virtuosen Akkordeonisten (Antonello Messina) zur Seite. Die Songs geben dem sonst quirligen Treiben Tiefe und sind in gutem Sinn emotional. Im Film fehlten solche Lieder. Im Übrigen ist die Berner Bühnenfassung über weite Teile nahe bei der Kinoversion. Der Aufbau und viele Dialoge sind gleich. Die Bühnenfassung endet anders als im Kino: stiller und sehr ergreifend. Freude bereitet das Wiedersehen mit Heidi Maria Glössner als Lisi und Monica Gubser als Hanni Bieri. Glössner beeindruckt als Amerika-begeisterte Saftwurzel und als ewig-junge attraktive Dessousträgerin. Gubser rührt als Bäuerin, die ihrem unausstehlichen Sohn endlich zeigt, wo Bartli den Most holt. Suzanne Thommen ist als Frieda Eggenschwyler reich und trotzdem charmant. Jünger und aufmüpfiger Sibylle Brunner hat sich als Lingerienäherin Martha Jost dem Vergleich mit Stephanie Glaser zu stellen. Sie ist jünger und etwas aufmüpfiger als die Mitte Januar verstorbene berühmte Schauspielerin. Brunner und Glaser: Beide berühren, beiden fliegen die Herzen zu. Stefano Wenk ist als Fritz Bieri ein vergnüglicher Bösewicht. Ernst C. Sigrist hat als bigotter Pfarrer Walter Jost ein höllisch gutes Gespür fürs Widerwärtige. Michael Frei hat packende Schauspielmusik geschrieben. Stephan Prattes gut funktionierende Ausstattung illustriert mit einer leicht schrägen Bühne, dass sich die dörfliche Idylle dem Ende zuneigt. Bei einem Dessousstück will man wissen, wer die Fäden in der Hand hält: Beldona war verantwortlich fürs Drunter, Heike Seidler fürs Drüber. Beides überzeugte. Peter Steiger Nächste Vorstellung am 13.Februar. Weitere Aufführungen bis 20.Mai. Telefon 031 3295252. >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch