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Ein Augenblick, lang wie die Ewigkeit

peter wenger

Wie oft radle ich mit dem Velo durch die Fussgängerzone, schiele kurz nach rechts, ob sich nicht ein Streifenwagen in die Unionsgasse verirrt hat. Ein Blick noch auf die Bahnhofsuhr am Holzhaus des letzten echten Uhrenmachers – zehn nach zwei, ich bin wieder einmal später dran, als ich wahrhaben will. Im Kopf spult mein Nachmittagsprogramm ab. Ob ich dieses heute schaffen werde? Wie so oft habe ich mir viel zu viel vorgenommen. Das Telefon hätte ich, kurz bevor ich aus dem Haus wollte, nicht mehr abnehmen sollen. Doch die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, hinderte mich daran, die unbekannte Nummer weckte meine Neugier. Jetzt fehlt nur noch, dass ich mir einrede, ein wenig Stress halte einen gesund, besonders wenn man pensioniert sei. Jetzt noch volle Konzentration, der Höheweg, ein Bus verdeckt die Sicht. Ein Taxi fährt seine eigene Geschwindigkeit in der Dreissigerzone. Ich schlängle mich an einer Gruppe Inder vorbei, und schon biege ich trotz Gegenverkehr in die Harderstrasse ein. Geschafft! Doch was soll das, ein schwarzer Wagen steht quer auf der Strasse. Ein «Velotöffli» – man sieht sie heute selten – liegt auf der Strasse, ein paar Passanten kümmern sich um einen Mann am Boden. Das Moped, den Helm, die weissen Haare, das kann, das muss Noldi sein. Eine Sekunde lang bleibt die Zeit stehen. Wie im Traum steige ich vom Velo, weit genug vom Unfallort entfernt, dass ich nicht als Gaffer auffalle. Fast mechanisch checke ich die Situation ab: Die Polizei ist da, das Unfallopfer liegt in Seitenlage, seine Augen bewegen sich, zwei Passanten betreuen den Patienten, der Verkehr ist geregelt. Etwas weiter ein gut gekleideter Mann, das Handy am Ohr – er wird sich wohl verspäten. Ein Unfall, wie er überall und jederzeit vorkommen kann. Fast eine Normalsituation, kaum einer Erwähnung in der Zeitung wert. Doch es ist Noldi, der da liegt. Ich kenne ihn schon lange, seine Witze, sein «Wengendeutsch», seine schelmischen Augen, seine herzensgute Art. Auf einen Schlag spielt die Zeit keine Rolle mehr. Das überladene Programm rückt in den Hintergrund, plötzlich hat man Zeit. Ich weiss nicht, wie es geschehen konnte, wer wem die Vorfahrt genommen hat, wer die Schuld trägt. Beschämt und etwas hilflos mache ich kehrt, ich kann hier nicht helfen. Es vergeht ein Weile, bis ich wieder auf mein Velo steige. Erst bei der Barriere in der Marktgasse – ein ICE quält sich seinem Endbahnhof entgegen – wird mir bewusst, was ich in den letzten paar Minuten erlebt habe. Fast etwas wie Schuldgefühl kommt auf. Der Gedanke, dass ich in keiner Weise beteiligt war, macht es nicht besser. Die Ohnmacht, nicht helfen zu können, wird mich noch lange begleiten. Nur einen Augenblick, eine kurze Abwesenheit, und das gewohnte Leben verändert sich schlagartig. Erst wenn es einen Menschen trifft, den man gut kennt, den man gern hat, wird man sich bewusst, was dies bedeutet. Nichts läuft mehr nach Programm, der Terminkalender wird zu Altpapier, das Notebook zu Elektroschrott. Man ist nicht mehr Herr seiner Zeit. Andere Uhren, langsamere, bestimmen das Leben. Wie oft hätte ich selber im Strassengraben liegen können, und erst noch ohne Helm – meiner Frisur zuliebe habe ich bis jetzt darauf verzichtet. Wie oft beugt sich der Zeitdruck über meine Lenkstange, wie oft drückt eine Verspätung auf das Gaspedal. Ist es nur Glück, dass immer die andern die Bussenzettel im Briefkasten haben, oder schlicht und einfach Dummheit, zu glauben, man sei unverletzbar? An der Barriere stehe ich an vorderster Stelle, das Schlusslicht des weissen Treibwagens rauscht vorbei. Schnell noch die Gangschaltung einen Zacken zurückdrehen und los gehts, kaum hat der rot-weisse Balken an Höhe gewonnen. Der Erste sein, wenn es über die Aarebrücke geht, freie Fahrt durch die Spielmatte, das ist das Ziel. Wenger, Wenger, bist du schon wieder auf Feld Nummer 1 zurückgefallen, hat dich das Spiel der Zeit schon wieder eingeholt? Nein, heute nicht, im Stadthaus schenken sie einen guten Roten in Flaschenqualität als «Einerli» aus. Heute ist Ruhetag. Na was solls, im Café Treff gibts einen guten Cappuccino mit einem «Cacoherzli». In Gedanken bin ich bei Noldi, was wohl mit ihm geschieht, wie seine Zukunft aussehen mag, frag ich mich. Aus meiner schwarzen Mappe meldet sich mit leisen Tönen sachte das Telefon. So lange habe ich dieser Melodie noch nie zugehört. P.S. Den Namen meines Bekannten habe ich verändert und schwarze Autos liegen im Trend E-Mail: peter.wenger@quicknet.ch redaktion-bo@bom.ch>

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