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Die Medikamentenpreise basieren auf fragwürdiger Berechnung

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hantiert laut Krankenversicherern mit falschen Zahlen, wenn es die Preise für kassenpflichtige Medikamente bestimmt. Nichts ändern möchte die Pharmaindustrie. Doch das BAG kündigt an, das System zu überprüfen.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) legt die Schweizer Medikamentenpreise aufgrund eines internationalen Preisvergleichs fest (siehe Kasten). Doch der Vergleich hinkt, und zwar zum Nachteil der Schweizer Krankenversicherer und Prämienzahler: Beim wichtigen Markt Deutschland werden nicht die tatsächlich bezahlten Preise verwendet, sondern höhere. Ein staatlich verordneter Rabatt von 16 Prozent berücksichtigt das BAG nicht. Zu den Gründen gibt das BAG keine konkrete Auskunft. «Wir sind daran, das ganze System zu prüfen, dabei berücksichtigen wir alle Interessen», sagen zuständige Experten, die nicht namentlich zitiert werden wollen. Das Problem sei erkannt. Weitere Details gibt das BAG jedoch nicht bekannt, «da intern noch kein Entscheid getroffen ist». Überraschende Kehrtwende Dem Vernehmen nach ist das aber nicht die ganze Wahrheit. So soll das BAG im vergangenen November per Mail ausgewählte Kreise informiert haben, dass die 16 Prozent im Ländervergleich neu auch berücksichtigt werden sollen. Schon kurze Zeit später, im Dezember, folgte jedoch die Kehrtwende: In einem zweiten Mail revidierte das Bundesamt seinen Entscheid vom November und teilte mit, die 16 Prozent würden nun doch nicht berücksichtigt. In einer weiteren schriftlichen Stellungnahme bestätigt das BAG die Kehrtwende: «Die ursprüngliche Absicht war, den Rabatt in Deutschland zu berücksichtigen.» Dieser Entscheid sei aber zurückgestellt worden «zugunsten einer generellen Diskussion über die Berücksichtigung der Preise im Ausland bei der Bestimmung der Preise auf der Spezialitätenliste». Diese Diskussion sei noch im Gange. Weiterhin nicht infrage kommt aber ein Vergleich von Publikumspreisen (siehe Zweittext) – so viel liessen die Experten des BAG im Gespräch durchblicken. Insider vermuten, dass der überraschende Meinungsumschwung beim BAG auf ein erfolgreiches Lobbying der Pharmaindustrie zurückzuführen sei. «Systematischer Fehler» In klareren Worten als das BAG äussern sich die Krankenversicherer. So ist die Visana der Ansicht, «dass sowohl bei den Originalmedikamenten als auch bei den Generika Luft für weitere Preissenkungen besteht». Das sagt Visana-Kommunikationschef Christian Beusch. Claudia Wyss, Sprecherin bei der Helsana, wehrt sich entschieden gegen die Berechnungsgrundlage des BAG: «Um für die Schweiz seriöse Preise zu berechnen, müssten die 16 Prozent berücksichtigt werden.» Und Stefan Kaufmann, Direktor des Krankenversichererverbands Santésuisse, ergänzt: «Aus unserer Sicht muss dieser Rabatt beim Auslandspreisvergleich berücksichtigt werden, da sonst ein systematischer Fehler gemacht wird.» Eine andere Haltung vertritt der Interessenverband Interpharma, der mit weiteren Interessenverbänden einen separaten Ländervergleich (siehe Zweittext) nach denselben Kriterien wie das BAG durchführt. Interpharma-Sprecher Roland Schlumpf weist die Forderung der Krankenversicherer zurück: Die 16 Prozent Rabatt in Deutschland seien «vor dem länderspezifischen Hintergrund und der finanziellen Situation im deutschen Gesundheitswesen zu sehen und mit der Situation in der Schweiz nicht vergleichbar», wendet er ein. Politischer Entscheid Die Differenz ist durch einen politischen Entscheid zustande gekommen: Der deutsche Bundestag hat der Pharmaindustrie im eigenen Land einen Zwangsrabatt von 16 Prozent auf allen verschreibungspflichtigen Medikamenten verordnet. Dieser Entscheid ist vorläufig bis Ende 2013 befristet. Zudem sollen die Preise in diesem Zeitraum rückwirkend auf dem Stand vom 1.August 2009 eingefroren werden. Das soll im Jahr 2011 zu Einsparungen im Umfang von 1,15 Milliarden Euro führen. Trotz einer Frist bis Ende 2013 geht es hier möglicherweise um ein Providurium. Denn schon seit 2005 gibt es in Deutschland einen staatlich verordneten Rabatt von 6 Prozent. Und 2004 betrug der Zwangsrabatt gar schon einmal 16 Prozent. Die Rabatte beziehen sich stets auf Fabrikabgabepreise, die für das BAG massgeblich sind. In der Auseinandersetzung um die Berechnung der Medikamentenpreise in der Schweiz wird es schon bald wieder hart auf hart gehen: In der kommenden Woche treffen sich Vertreter des BAG mit Playern des Gesundheitsmarkts, um das weitere Vorgehen zu diskutieren. Ins richtige Licht gerückt Wie viele Kosten liessen sich im Schweizer Gesundheitswesen einsparen, wenn das BAG für den Preisvergleich die tatsächlich in Deutschland bezahlten Preise verwenden würde? Zu viele Faktoren spielen bei der Preisfestlegung eine Rolle, um darauf eine eindeutige Antwort geben zu können (siehe Kasten). Unter dem Strich dürfte es zumindest finanziell nicht stark ins Gewicht fallen. Bezogen auf die gesamten Gesundheitskosten, geht es dabei also eher um eines von mehreren Mosaiksteinchen, welche auf umstrittene Weise zur Preisbildung beitragen. Es kann aber durchaus bedeutend sein, die 16 Prozent Rabatt nicht zu berücksichtigen. Denn so lassen sich die Schweizer Preise besonders im Direktvergleich mit Deutschland in ein gutes Licht zu rücken. Bernhard Kislig>

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