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Die Demokratie im Kleinen

Bernd Schildger

«Bisloch», Bern, Sonntag gegen 14 Uhr. Trotz bedeckten Himmels ist das Zentrum Paul Klee im Hintergrund erkennbar. Am oberen Ende der etwa fünfzig Meter langen Strecke stehen Bobs, Schlitten und Plastikrutscher mit ihren Besitzerinnen und Besitzern zur Abfahrt bereit. Alter – der Eigentümer – zwischen 3 und 50 Jahren. Keine Hektik, kein Gezänk um die besten Startplätze und keine abschätzigen Blicke auf das vielleicht weniger renommierte Rutschgefährt. Die Blicke sind nach unten gerichtet, und ein jeder, eine jede wartet ruhig, bis die Bahn frei ist. Keine bellenden Befehle, die Bahn zu räumen, und kein Wehklagen über die «langen Wartezeiten» bis zur Abfahrt. Der Bob rechts verliert die Richtung, schwankt um die Längsachse und kippt schliesslich seitlich um, befreit von seiner kleinen Last rast er nach unten. Direkt in den ausgestreckten Fuss eines Erwachsenen, der ihn dankenswerterweise aufhält. Der Vater hilft dem lachenden Passagier des führerlosen Bootes auf die Füsse, und beide laufen freudestrahlend nach unten, um ihr Fahrzeug in Empfang zu nehmen und den Berg wieder raufzuziehen für den nächsten Versuch. Die «Reiterin» des schnellen roten Gefährtes, geschätzte 30 Jahre und offenhörlich abstammungsmässig aus dem nördlichen Grosskanton, rast auf die kleine selbst gebaute Schanze aus Schnee zu. Mit Hilfe der stimmlichen Unterstützung von gefühlten 50 Prozent der Anwesenden gelingt ihr der Sprung über den dahinterliegenden kleinen Bachlauf. Anerkennende Worte finden auch die unter 10 Jahre alten kleinen Profis, denen das Kunststück vorgängig zirka drei Dutzend Mal gelungen war. Ein ungefähr 4-jähriger Junge, visuell asiatisch-indischer Abstammung, rast auf dieselbe Schanze zu, verliert aber an Fahrt und kippt an der Absprungkante nach vorne, direkt ins Wasser. Blitzschnell ist einer der zuschauenden Erwachsenen, rasant und stimmgewaltig wie ein Berner Bär, bei dem Unglücklichen und zieht ihn aus dem Wasser, bevor die Stiefel volllaufen können. Die Sonne scheint zwischen den Wolkenblöcken und versetzt die Schlittelkünstler an der weiter oben modellierten Schanze in einen wahren Sprungrausch. Und wieder das eigenartige Phänomen der zufriedenen Abstimmung untereinander, der geteilten Freude an der weissen Pracht, ohne provinziellen Neid, aber mit sportlichem Ehrgeiz und unter wachsamen Blicken der stets zum Schutz der Kleinen bereiten Erwachsenen. Eine Enklave mitten in der Stadt; in der geborgenen Sicherheit einer zufälligen Gesellschaft geniessen die Kinder wie auch die Erwachsenen das Schlittelvergnügen. Vermutlich wie vor hundert oder mehr Jahren. Bern als Beispiel, dass die republikanischen Ideen der Gesellschaftsphilosophen mit der Prämisse der den Menschen innewohnenden Fähigkeit zum Zusammenleben ihre Berechtigung haben? Vielleicht ist Bern als erste Stadt reif genug für ein Wahlrecht der 12-Jährigen. stadtbern@bernerzeitung.ch>

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