Zum Hauptinhalt springen

Der Vanilleduft aus der Magerwiese

Im botanischen Alpengarten Schynige Platte blühen gegenwärtig elf Orchideenarten. Mit intensiven Düften und Farben locken sie Insekten an, die sie

«Gegenwärtig blühen 11 der 13 Orchideenarten im Alpengarten – sogar das Grosse Zweiblatt, das vor einiger Zeit spontan eingewandert ist und das ich bisher noch nie mit Blüten gesehen habe», freut sich Anita Bandi, die das Gartenteam auf 2000 Metern über Meer leitet. Die Gärtnerin liebt zwar Orchideen nicht mehr als andere Pflanzen. «Aber zusammen mit den übrigen Blumen geben sie schon ein sehr schönes Bild ab», meint sie auf dem Weg durch die Rostseggenhalde, auf deren magerem Boden rosa Kugelorchis zusammen mit blauem Alpenlein, blassgelben Straussglockenblumen und vielen kleinen Blüten und feinen Gräsern einen «Tausendblumenteppich» weben. «Ausserdem ist der intensive Duft der Orchideen schon etwas Besonderes», meint Bandis Arbeitskollegin Jasmin Senn. «Und auch die Gäste erkundigen sich oft nach unseren Orchideen und nach ihren Standorten.» Nicht lange suchen muss man nach dem Männertreu. Der Duft, der manche an Vanille, andere eher an Schokolade erinnert, zieht die Besucher schnell zu den dunkelroten, beinahe schwarzen Blütenköpfchen – auch wenn er nicht die Menschen, sondern Bestäuber anlocken soll. Listige Blumen «Alle Orchideen ziehen Insekten mit Farbe, Form und Duft an», sagt Samuel Sprunger von der Schweizer Orchideen-Stiftung. Den Nektar, den die Bienen, Hummeln, Fliegen, Schmetterlinge oder Käfer sonst in attraktiven Blüten finden, produzieren aber nur einzelne Orchideenarten. Das Männertreu gehört nicht dazu. Es ist eine «Nektartäuschblume». Wenn ein Bestäuber – beim Männertreu meist ein Schmetterling – der Quelle des süssen Dufts auf den Grund gehen will, findet er nichts. Weil er aber seinen Kopf in die Blüte gesteckt hat, konnte ihm die Orchidee ein klebriges Pollenpaket an die Stirn kleben, in dem der Blütenstaub so gut verpackt ist, dass ihn die meisten Insekten nicht fressen können. Damit bestäubt der getäuschte Nektarsucher die nächste Orchidee. Gelehrige Insekten «Manche Orchideen imitieren relativ genau besonders ergiebige Nektarpflanzen», sagt der Berner Botaniker Adrian Möhl und nennt als Beispiel die Kugelorchis. «Stehen an einer Stelle allerdings allzu viele nektarlose Orchideen, fliegen die Insekten anderswohin – denn Bienen und andere Nektarsucher lernen schnell.» Im Alpengarten, wo gleichzeitig mit den Orchideen unzählige andere Arten blühen, ist diese Gefahr allerdings eher gering. Im Alpengarten kommt die langspornige Handwurz, eine nahe Verwandte des Männertreus, in unterschiedlichen Pflanzengemeinschaften vor; an manchen Stellen stehen sogar ganze Gruppen ihrer lila Blütenähren dicht beisammen. «Solche Gruppen weisen möglicherweise auf einen starken Mykorrhiza-Pilz im Boden hin», sagt Samuel Sprunger. Denn damit ihre winzigen Samen keimen können, brauchen Orchideen bestimmte Bodenpilze, die sie ernähren, bis sie sich mit ihren grünen Blättern selbst versorgen können. Im Gegenzug liefert eine erwachsene Orchidee ihrem Pilz Zucker. So kann sich ein grosses Pilzgeflecht (Mycel) im Boden entwickeln – auf dem wiederum neue Orchideen keimen. Weil die Pilze Wasser speichern, werden Orchideen auch recht gut mit Trockenperioden fertig – ähnlich wie viele andere Landpflanzen, die ebenfalls in Gemeinschaft mit Bodenpilzen leben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzen kommen Orchideen aber nicht ohne ihre Pilze aus. Und weil zu viel Stickstoff den Bodenpilzen den Garaus macht, verschwinden auf stark gedüngten Flächen auch die Orchideen. Sibylle Hunziker >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch