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Der gute Banker von Bern

Als Retter der Kartonfabrik Deisswil macht der Berner Banker und Unternehmer Hans-Ulrich Müller die für ihn normalste Sache der Welt. Er geht als Investor millionenschwere Risiken ein und steht dazu. Das macht ihn aussergewöhnlich.

Wenn man ihn zum ersten Mal trifft, dauert es ungefähr 30 Sekunden – und dann fasst man zu Hans-Ulrich Müller Vertrauen. Das ist vielleicht sein unberechenbarstes Risikokapital. Unmöglich, sich in Müllers Gegenwart nicht zu entspannen und optimistisch zu werden. Der 60-Jährige gehört als Leiter Region Mittelland zum Schweizer Top-Kader der Grossbank Credit Suisse (CS), aber im Small Talk schafft er sofort eine Vertrautheit, als würde man für morgen eine Bergtour abmachen. Und man ginge mit, wie alle, die gerade um Müller herumstehen. Seine auffallend hohe, stets etwas heiser klingende Stimme überträgt eine Energie, der man sich schwer entziehen kann. Hans-Ulrich und Hans-Ueli Es ist zu spüren, dass er viel vom Gastgeber-Gen seiner Eltern mitbekommen hat, die das Flughafenhotel im Belpmoos führten. Er ist gerne der leutselige Hans-Ueli Müller, der kraftvoll Hände schüttelt, der einen aufmunternd beim Ärmel packt, er liebt es, Leute um sich zu haben und mitzureissen. Nie vergisst er, zu erwähnen, wie sehr er an seinen drei Kindern und bis jetzt drei Enkelkindern hängt und an «meiner starken Frau, die alles mitträgt, aktiv mitdenkt und mich ab und zu auch kritisiert». Es ist vielleicht die Rolle des umsichtigen Vaters, die Müller am besten beschreibt. Denn als Banker und Unternehmer sorgt er sich um die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Welt der finanziellen Risiken, als wären sie seine Kinder. Dass die CS nun neu 100 Millionen Franken als Risikokapital für Jungunternehmen und bestehende KMU zur Verfügung stellt, nimmt sich aus wie eine gigantische Kinderzulage für Müllers KMU-Familie. Die grosse Familie Strahlend federt Hans-Ulrich Müller jetzt auf die ausgeleuchtete Bühne der BEA-Halle. Es ist Mittwoch, 9.Juni, sein jährlicher grosser Auftritt in Bern. Als Präsident des von ihm zum KMU-Innovationsnetzwerk getrimmten Swiss Venture Clubs, den er auch zum strategischen Partner bei der Verteilung der KMU-Millionen der CS gemacht hat, verleiht er die Unternehmerpreise 2010 Espace Mittelland. Er verliert nur wenige Worte. Aber er gibt den 2300 Anwesenden zu spüren, dass alle irgendwie zu Müllers grosser Community gehören. Hinterher sagt er im privaten Gespräch, wie begeistert er sei, «dass so viele junge Leute und so viele Frauen gekommen sind». Er hätte auch sagen können: Wie glücklich er sei, dass seine Familie gedeiht. Dass es menschliche Wärme ist, die ihn auch als Investor antreibt – man getraut sich kaum, es zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein. Absurderweise ist es genau das, wofür sich Müller ständig rechtfertigen muss. Besonders jetzt, da er sich mit der Kartonfabrik Deisswil in aller Öffentlichkeit exponiert, in einer Rolle, die er schon oft spielte, aber noch nie so spektakulär. Wenn es keine Bank mehr tut, engagiert sich Müller mit privatem Geld für taumelnde Firmen als Unternehmer – sozusagen als Hobby neben seinem Volljob als Banker. «Die CS verlangt zu Recht von mir, dass meine unternehmerischen Engagements meine Aufgaben als Banker nicht tangieren», hält Müller zu seinem Doppelleben fest. Was passiert, wenn er als Unternehmer einmal grandios scheitert? «Ich bin mir bewusst, dass ich das persönlich zu verantworten habe», sagt Müller. Müller entwirft seine unternehmerischen Ideen am Wochenende, und es gefällt ihm, wenn er mit Vertrauten unkonventionelle Ideen entwickelt. «Wer wagt es schon, Leuten einen Job zu garantieren, noch ehe die Arbeit da ist?», fragt er selber. Genau das tut er in Deisswil – mit der Vision eines Industrieparks, in dem die entlassenen Mitarbeiter der Kartonfabrik in noch nicht bestimmten neuen Firmen arbeiten sollen. Lichtgestalt für Bern «Dass man mich deswegen als Retter von Deisswil bezeichnet, widerstrebt mir», sagt Müller aber jetzt. Denn im engeren Sinn habe er noch gar nichts geleistet – ausser privatem Geld, das er investiere. «Man muss die Leute an ihren Taten messen, nicht an ihren Worten, das gilt auch für mich», betont er, und es ist, als spüre er, dass das Vertrauen, das ihm entgegenströmt, auch zu gross werden könnte. Besonders in Bern, wo man sich gerne über fehlenden Unternehmergeist beklagt, wirkt er wie eine Lichtgestalt: «Nicht, dass unternehmerisches Denken wie eine La-Ola-Welle durch den Kanton rasen würde. Aber dass der Unternehmergeist in Bern spärlicher vorhanden sein soll als anderswo, ist mir neu», entgegnet er. Ein Problem sei vielleicht, dass viele potenzielle Unternehmer von den attraktiven Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst angezogen würden, sagt Risikokapitalist Müller. Drohende Messias-Gefahr Es gibt Leute, die Müller, der vor zehn Jahren als SVP-Regierungsratskandidat im Gespräch war, schon mit Werner K.Rey vergleichen, dem Investoren in den Achtzigerjahren alles zutrauten und ihm besinnungslos Geld anvertrauten, das sie nie mehr wiedersahen. «Vertrauensseligkeit» sagt Müller, « ist nie gut.» Er tue sich nur mit Partnern zusammen, die kompetent seien, sich ihr Bild eines Projekts zu machen. «Skepsis, auch mir gegenüber, ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig», beugt er der Gefahr vor, zum Messias zu werden. Er selber würde sich, sagt er, als Zeitungsleser fragen, ob dieser Müller wirklich Arbeitsplätze retten – und am Ende auf dem Areal nicht einfach lukrative Wohnungen bauen wolle. «Ich kann nur sagen: Mir geht es um die Arbeitsplätze. Daran soll man mich dereinst messen.» Selbstverständlich habe er als Unternehmer «nichts dagegen, wenn meine Firmen an Wert gewinnen». Das sichert die Arbeitsplätze – und bringt ihm das «persönliche Geld», das er wie jetzt in Deisswil investiert. Gescheitert – oder nicht? Gerne wird dem erfolgreichen Müller der Aktienkursrückgang bei der Risikokapitalgesellschaft Bern Venture (die heute von Ernst Balmer präsidierte BV Group) vorgehalten, die er 1997 gründete. Einige Investments schlugen fehl, es gab Totalabschreiber, und Investoren verloren Geld. «Für mich», sagt Müller, «sind Kursausschläge normal. Viele Investments waren erfolgreich, etwa in die Ziemer Group. Volkswirtschaftlich gesehen war es richtig und wichtig, was wir machten, weil wir Hunderte von Arbeitsplätzen erhalten oder aufgebaut haben.» Zum Investieren gehöre, dass man verlieren könne – und dazu fehle uns gelegentlich die Lockerheit. Wenn er angesichts einer viel versprechenden Firma interessierten Risikokapitalisten predige, ja nur so viel Geld zu investieren, wie sie auch als Verlust verschmerzen könnten, schüttle man den Kopf über ihn. Aber es sei eben eine Tatsache: Ein Risiko eingehen mache nur Freude, wenn man die Niederlage verkraften könne. Mit Körper und Geist In Deisswil hat Müller Leute überzeugt, die ihm sehr kritisch gegenüberstanden. Sie vertrauen ihm jetzt. Man kann sich fragen, wie er das macht. In seinem Gesicht hat das Leben Spuren hinterlassen, aber keine Zeichen der Erschöpfung. Wenn er konzentriert redet, bilden sich über seiner Nasenwurzel feine Stirnfalten, und sie verraten etwas über seine Körperspannung. Jeden Morgen geht der frühere Kunstturner ein paar Mal in den Handstand, ehe er sein Haus in Muri verlässt. Dann sei er gelöst, aber voll da, mit Körper und Geist. Das macht vielleicht seine Präsenz aus, und auf einmal scheinen auch seine nach hinten gekämmten Haare voll zu seiner Persönlichkeit zu passen. Er scheue sich nicht, vorauszugehen, die Fahne zu tragen, im Wind zu stehen. «Eigentlich», sagt er, «mache ich nichts anderes als Tausende Investoren und KMU-Unternehmer in diesem Land auch. Ich bin nichts Besonderes.» Das ist vielleicht das Einzige, das man Hans-Ulrich Müller nicht ganz abnehmen kann. Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch >

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