Zum Hauptinhalt springen

Der flinke Mech aus Madagaskar

Letztes Jahr hat Titi aus Madagaskar Oberried

Titi kennen viele, seinen richtigen Namen kaum jemand. Titi ist ein simpler und unkomplizierter Mensch. Joelilala Hary Tiana ist Madagasse, 22-jährig, 168 Zentimeter gross, 60 Kilo schwer, also keine imposante Erscheinung. Seine Spuren, die er letzten Sommer im Bernbiet hinterlassen hat, sind es dafür umso mehr. Auf seiner Heimatinsel Madagaskar lebt Titi in der Hauptstadt Antananarivo mit seiner Schwester und seiner Mutter in einer Hütte ohne Strom, ohne Wasser. Titi flickt Seit zwanzig Jahren reist Bea Fischli aus dem Glarnerland zweimal jährlich nach Madagaskar, um Schweizer Touristen eines der ärmsten, aber sicher auch schönsten Länder näherzubringen – per Velo. Auf zwei Rädern lassen sich Land und Leute, Geräusche und Gerüche näher erkunden als auf vier Rädern hinter getönten Scheiben. Dieses Erlebnis kann Fischli den Reisenden vor allem auch dank einheimischer Begleitung bieten. Dazu gehört auch Titi, der trosseigene Velomechaniker. Auf den Reisen beeindruckt er die Schweizer mit Charme, Können und Improvisation. Wenn einer frühmorgens um sieben ohne passendes Werkzeug in fünf Minuten eine Speiche wechselt, dann lässt eine Frage nicht lange auf sich warten: «Titi, warum kannst du das? Und möchtest du das mal bei uns in der Schweiz tun?» Er wollte. Letzten Sommer reiste Titi von Madagaskar ins bernische Oberried bei Niederscherli und tauschte eine Handvoll bescheidener Instrumente gegen eine Hightechwerkstatt – Titi war drei Monate Stagiaire bei Thömus Veloshop. Titi rührt Der kleine Madagasse hinterliess grosse Wirkung, bei seinem Abschied gab es neben Tränen auch viele Geschenke. Unten in Madagaskar, in Antananarivo, lebt Titi zwar immer noch sehr bescheiden, aber nun mit Wasser und Strom. Ein Berner Velohändler schenkte Titi seine wegen Geschäftsaufgabe überflüssig gewordene Werkstatt, sodass Titi auch in Madagaskar seine Lieblingsbeschäftigung zum Beruf machen kann: Velos flicken. Allerdings sind die schweren Stücke der Ausrüstung immer noch in Bern. Der Transport und vor allem der Zoll «wiegen» einiges mehr als der Wert des Materials. Titi kehrt zurück Nun, ein Jahr später, ist Titi nach Oberried zurückgekehrt und hat seine wichtigste madagassische Entourage mitgebracht: seinen Onkel und Ziehvater Tulu, dessen Bruder Joshua und Hanta. Sie alle sorgen auf den Bikereisen von Bea Fischli für das Wohl der Teilnehmer. Nun dürfen sie für einmal die Seiten wechseln und sich in der Schweiz herumführen lassen. Bea Fischli: «Sie staunen hier nicht weniger als wir in Madagaskar.» Die Fotosujets sind dieselben: Fischlis Vortrag über die Insel zeigt den Tisch am Strassenrand mit dem Mocken Fleisch, Tulus Bilder seiner Schweizer Reise zeigen vornehmlich die opulenten Auslagen unserer Metzgereien. Mit dem Handy filmte der 59-jährige Tulu auch sämtliche Autobahntunnels, das habe er in seinem Leben eben noch nie gesehen, erklärte er seiner erstaunten Reiseleiterin. Titi vernetzt Titi weiss, dass Thömus Hightechbikes in Madagaskar einen beschränkten Markt finden. In einem der ärmsten Länder der Welt, wo zudem politische Dauerkrise herrscht, sorgen sich die Leute um den Reis der nächsten Mahlzeit und nicht um Freizeitspass. Doch das Velo ist auch in Madagaskar das günstigste und vernünftigste Transportmittel. Titi, Tulu und Co. möchten deshalb so bald als möglich mit «Gump- und Drahtesel» aus dem Berner Liebefeld zusammenspannen und Schweizer Occasionen nach Madagaskar importieren. Seit fünfzehn Jahren betreibt Paolo Richter mit Arbeitslosen mehrere Velowerkstätten, macht alte Velos wieder fahrbar und schenkt ihnen eine zweite, meist dauerhaftere Karriere in Afrika. Titi hofft «Madagaskar wäre eine sehr sinnvolle Destination für uns», würdigt Richter Titis Pläne. Doch noch ist Madagaskar zu unstabil. Die Gefahr, dass das Militär einen Container mit 500 fahrbaren Velos kurzerhand stiehlt, ist zu gross. So hofft Titi nach seiner Rückkehr in die Heimat Ende August auf ruhigere Zeiten und macht vorderhand in bescheidenem Rahmen weiter. Moritz Marthaler >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch