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Der Biograf im Labyrinth namens Dürrenmatt

PETER RÜEDIDer Journalist sieht endlich Licht am Ende des Tunnels. Ein Teil seiner Biografie über Autor Friedrich Dürrenmatt soll 2011 erscheinen. Seit 19 Jahren arbeitet Rüedi am Monsterprojekt. Vor Dürrenmatts 20.Todestag gewährt er kurz Einblick.

Wieder hat Peter Rüedi ein rundes Datum verpasst. Seine lang erwartete Biografie über Friedrich Dürrenmatt, den weltbekannten Schweizer Schriftsteller, wird nicht auf dessen 20.Todestag am kommenden Dienstag erscheinen. Auch am 5.Januar 2011, wenn Dürrenmatt 90 Jahre alt geworden wäre, wird das Werk nicht fertig sein. Was solls. Rüedi hat schon Dürrenmatts 10.Todestag und 80.Geburtstag verfehlt. Seit 19 Jahren beschäftigt ihn sein Gegenstand. Aber er ist in guter Gesellschaft. Auch die Biografen von Franz Kafka, Max Frisch oder Samuel Beckett waren jahrelang an der Arbeit. Rüedi hat Dürrenmatt mal «einen Zombie» genannt, von dem er «besetzt» sei. «Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich mich auf das nicht ungefährliche Unternehmen hätte einlassen sollen», sagt er lachend am Telefon. Gefangen in einem Labyrinth Eigentlich gibt Rüedi keine Interviews über das Projekt. Sonst verzögert es sich noch mehr. Der Zürcher Diogenes-Verlag kündigt jetzt kühn auf Herbst 2011 die Publikation eines ersten Teils der Dürrenmatt-Biografie an. Mit dieser Zeitung spricht Rüedi dann doch über sein Werk. Weil er das schon mal getan hat, vor 12 Jahren, während einer vergnüglichen Zugfahrt von Zürich nach Bern. Damals erklärte Rüedi erfrischend ehrlich mit einer Lieblingsmetapher von Dürrenmatt: «Ich bin in einem Labyrinth und muss mich bemühen, vor lauter Detailhuberei die grossen Linien von Dürrenmatts Person und Werk nicht zu verlieren.» Woher rührt die Verzögerung? Der 67-jährige Journalist, Jazz- und Weinkritiker und einstige Theaterdramaturg muss etwas ausholen. Er sei, von grösseren Unterbrüchen abgesehen, neben der Biografie immer auch noch mit anderem beschäftigt gewesen. Und: «Wie jeder Journalist bin ich eher Kurz- oder Mittelstreckenläufer. Auf der Marathonstrecke fühle ich mich weniger zu Hause.» Dürrenmatt war vielseitig. Er schrieb, malte, beobachtete die Sterne, dachte über Religion und Politik nach. Und er hatte eine labyrinthische Arbeitsweise. «Im späten Prosawerk ‹Stoffe› hat er in immer neuen Anläufen über das schon Vorhandene thematische Stollen weitergetrieben. So kam ich mir mitunter selber vor», berichtet Rüedi. «Dürrenmatts Interesse war ungeheuer breit, sein Werk hat mehrere Kerne. Ich suche nach dem, was Dürrenmatt und sein Werk im Inneren zusammenhält.» So etwas, begreift man, kann schon dauern. Am Anfang war eine Serie Rüedis Dürrenmatt-Obsession begann vor fast 20 Jahren. Er war damals Redaktor der «Weltwoche» und traf Dürrenmatt im Herbst 1990, hoch über Neuenburg in dessen Domizil, während einer Woche zu einem langen Gespräch. Es sollte als Serie zu Dürrenmatts 70.Geburtstag erscheinen. «Mir schwebte eine Art amerikanische Form vor: ‹biography as told to› – die Biografie vom Autor selber erzählt», erinnert sich Rüedi. Als Dürrenmatt kurz vor seinem 70.Geburtstag starb, wurde aus Rüedis Vorhaben ein Nachruf. Es uferte aus in 13 «Weltwoche»-Folgen. Diogenes-Verleger Daniel Keel fragte an, ob er die Serie als Buch herausbringen könne. «Unvorsichtigerweise erwiderte ich: Das geht nicht, das ist zu unvollständig, wenn schon muss man eine richtige Biografie schreiben», erzählt Rüedi. Der Diogenes-Verleger gab ihm den entsprechenden Auftrag. Schweiz und finsteres Bern Mittlerweile lichtet sich der Nebel über Rüedis Dürrenmatt-Labyrinth. Er kann skizzieren, wie sein Werk strukturiert ist. Es werde einen chronologischen Teil geben, der Dürrenmatts Leben bis zum Weltruhm nach der Uraufführung des Theaterstücks «Der Besuch der Alten Dame» (1956) nachzeichnet. Dazwischen seien thematische Kapitel geschoben, die den ganzen Dürrenmatt beträfen. «Dürrenmatt und die Schweiz» etwa. Letzteres wird die in ihrer Identität erschütterte Nation interessieren. «Dürrenmatt war gerne Schweizer, aber ohne patriotische Anwandlungen», erzählt Rüedi, «die Armee etwa hat für ihn zwar zur Schweiz gehört, aber er sah sie bei aller Kritik nicht ohne Humor, als folkloristisches Element.» Die Schweiz als Nation sei für Dürrenmatt eine pragmatische Kategorie gewesen. Das Bernerland aber, mit dem der in Konolfingen aufgewachsene Autor vertraut war, habe er als eigentlichen Gegenpol zur Nation gesehen. «Bern kommt in meiner Biografie in mehrfacher Hinsicht vor», verrät Rüedi noch, bevor er sich in seinem Tessiner Domizil wieder an den Schreibtisch zurückzieht. Das Bernische sei für Dürrenmatt eine «Heimatkategorie» gewesen, das Berndeutsche die vertraute Muttersprache. Und an der Stadt Bern, in der er von 1935 bis 1945 lebte, habe sich Dürrenmatt zeitlebens gerieben. «Er hatte ein ambivalentes Bild von Bern, wie die Stadt für ihn überhaupt Inbegriff des Labyrinthischen war.» Stefan von BergenSiehe auch Dürrenmatt-Gespräch, «Zeitpunkt» Seite 35+36 >

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