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Das Herz gebrochen, der Wille intakt

New YorkDer 11.September 2001 hat in New York nicht nur vordergründig Spuren hinterlassen. Es war auch ein Angriff auf die Seele dieser Stadt. Und obwohl 9/11 die Bewohner nachhaltig geprägt hat, gelähmt wurden sie dadurch nicht. Im Gegenteil.

Eigentlich deutet nichts auf den kommenden Gedenktag hin, an diesem schwülen Spätsommertag in New York. Und auch die 24-stündige Unterbrechung des Alltags, als sich Hurrikan Irene ankündigte, hat das rege Treiben in dieser Stadt nicht bremsen können. Zum Unmut vieler Bewohnern verstopfen die Touristen die Hauptschlagadern der Stadt: Broadway, Times Square, Soho, East Village. Der Dollar ist schwach, und die Gäste aus aller Welt haben keine Musse, um kurz vor dem 10.Jahrestag von 9/11 sich und der Stadt eine Atempause zu gönnen. Vollbepackt mit Shoppingbags, reicht es noch für ein schnelles Foto von Ground Zero, um daheim stolz melden zu können: «Sieh mal, ich war da!» Mehr als eine Stadt Durch die mediale Aufarbeitung eines Ereignisses wird die Anwesenheit wichtiger als die Reflektion. Noch heute, eine Dekade später, wird immer dieselbe Frage gestellt: «Hast du den 11.September miterlebt?» Obwohl das «Und was kam danach?» viel relevanter wäre. Auch wenn man als Tourist die Folgen des 11.September nicht spüren kann, es hat sich etwas verändert. Etwas Unterschwelliges, das sich nur fassen lässt, wenn man das Vordergründige beiseite schiebt. Für die meisten Aussenstehenden ist der Big Apple Sinnbild des westlichen Kapitalismus, die in Stein gehauene amerikanische Idee von Macht, Freiheit und Konsum. Grundsätzlich mag das stimmen, doch ist es nur die halbe Wahrheit. New York ist mehr als eine Stadt. Sie ist eine Idee. Seit dem 17.Jahrhundert ist sie das Tor zur neuen Welt, eine Art schwarzes Loch, das die Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen von Millionen von Menschen aufgesogen hat. «City of the World» nennt sie sich, und für die Bewohnerinnen und Bewohner ist das Label «The greatest City on Earth» nicht bloss Werbeslogan, sondern schlicht Fakt. Auch wenn hier, wie anderswo auch, der Alltag für viele Menschen steinig ist, der Stolz, New Yorker zu sein, ist ungebrochen. Da konnten auch die unzähligen Terrorwarnungen, die von der Administration Bush immer wieder die Angst hätten schüren sollen, nichts ändern. Schrecksekunden New Yorker fallen hin, stehen auf, gehen weiter. Und seit 9/11 tun sie dies bewusster. Das Zusammengehörigkeitsgefühl hat sich verstärkt: New Yorker zu sein, ist mehr denn je ein Statement, eine Lebenshaltung. Vorgelebt durch eine gigantische Skulptur, die aus achteinhalb Millionen Mosaiksteinchen besteht und sich laufend verändert, sich den Gegebenheiten anpasst. Natürlich gibt es sie, die Schrecksekunden, in denen das Wort «Terror» kollektiv durch die Köpfe rauscht. Etwa als 2006 Cory Lidle, ein ehemaliger Baseballspieler der New York Yankees, mit seinem Sportflugzeug in ein Apartmenthaus an der Upper East Side raste. Oder im Januar 2009, als Captain Sully Sullenberger mit einem Airbus A320 auf dem Hudson River notlanden musste. Und dass die Polizeipräsenz massiv hochgeschraubt wurde, ist erst zu erkennen, wenn jemand einen herrenlosen Gegenstand meldet. «If you see something, say something» lautet die Kampagne. Eine liegen gelassene Plastiktasche führt innert Minuten zum Grossaufmarsch. 10566 mal geschah dies alleine im letzten Jahr. 800 Sprachen, eine Stadt Aber was ist das schon in einer Stadt, in der Hunderte von Völkern aus aller Welt zusammenleben. In der man sich seit über 300 Jahren respektiert und den «Anderen» toleriert. In der Palästinenser und Juden in derselben Strasse ihr Geschäfte führen, Chinesen auf Italiener, Iren auf Griechen, Koreaner auf Puerto Ricaner treffen. Aus wie vielen Völkern die Stadt besteht, weiss keiner ganz genau. Auf jeden Fall beschäftigt die Stadt Übersetzer für 163 Sprachen, gemäss der New York University sollen rund 800 Sprachen gesprochen werden. Dass gemeinsam mit den Twin Towers auch dieser Turm zu Babel hätte einstürzen sollen, war wohl einer der Pläne der Terroristen. Doch die Solidarität, das stille, selten ausgesprochene, aber doch täglich vorgelebte Zusammengehörigkeitsgefühl der New Yorkerinnen und New Yorker macht diese weltweit einmalige Skulptur unverwüstlich. Fremde geben sich die Hand Auch wenn am 11.September 2001 das Herz der Stadt gebrochen wurde, so spürt man doch jenseits der Schnäppchenjagd und Glitzerfassaden beim Innehalten ihre Seele. Am 10.September wollen die New Yorkerinnen und New Yorker dies unterstreichen, in dem sie – den Hudson entlang – vom südlichsten Zipfel Manhattans bis an die Nordspitze eine Menschenkette bilden. Laut Organisatorin Julie Menin symbolisiert der Anlass die Haltung dieser Stadt seit 9/11: «Fremde geben sich die Hand. That’s what New York is all about.» Rudolf Amstutz, New York Der Autor Der Bieler Rudolf Amstutz ist Kulturjournalist und lebt seit elf Jahren in New York City.>

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