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Zwischen Lachen und Leiden

Am Mittwoch kann ­Kroatien im Halbfinal Geschichte schreiben. Bei den Fans ist die Zuversicht gross. Ihre Nerven sind nach den Penaltykrimis im Achtel- und im Viertelfinale allerdings strapaziert.

Nach den Krimis die Kür? Zarko Sokcevic hofft, dass es Kroatien ins Finale schafft – für einmal aber ohne Penaltyschiessen.
Nach den Krimis die Kür? Zarko Sokcevic hofft, dass es Kroatien ins Finale schafft – für einmal aber ohne Penaltyschiessen.
Nicole Philipp

Wie er die letzten Spiele von Kroatien miterlebt habe? Die Frage lässt Zarko Sokcevic zuerst seufzen, dann lachen. «Herzstillstand», sagt er und zieht an seiner Marlboro Rot. Es ist Montagabend, Sokcevic sitzt in Zollikofen im Vereinslokal des SV Sla­vonija Bern, eines kroatischen Fussballclubs aus der Region, von dem er Präsident ist.

Christoph AlbrechtKeine 48 Stunden ist es her, da hat die Fussballnationalmannschaft Kroatiens in einem nervenaufreibenden WM-Viertelfinal Gast­geber Russland besiegt – im Penaltyschiessen, wie dies schon ein paar Tage zuvor im Achtel­final gegen Dänemark der Fall war. «Ich habe mich immer noch nicht erholt», sagt der 54-Jährige aus Lengnau. So nervös sei er gewesen.

Verfrühter Heimaturlaub

Wie Zarko Sokcevic dürfte es ­derzeit vielen Kroaten gehen. Das kleine Land, das an der WM schon jetzt Grosses erreicht hat, ist spätestens seit letztem ­Wochenende im Ausnahmezustand. In Zagrebs Strassen feierten den Halbfinaleinzug Zehntausende Menschen. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic machte derweil in Russland auf der Stadiontribüne Freudentänze, sang später in der Kabine zusammen mit dem Team ausgelassen Lieder und umarmte jeden einzelnen Spieler.

Die Bilder und Videos, die ak­tuell vom kroatischen Freudentaumel kursieren, hat natürlich auch Zarko Sokcevic gesehen. «Es ist unbeschreiblich, was abgeht», sagt der Gebäudereiniger, «einfach schön.» Längst hat die ­Euphorie rund um die «Feurigen», wie die Landesauswahl genannt wird, auch die hiesige Diaspora erreicht. Er kenne Leute, die ihre geplanten Kroatien-Ferien nun schon ein paar Tage früher antreten wollten – um einen allfälligen Final in der Heimat mitzuerleben.

Nur die Frau darf mitschauen

Für Sokcevic, der seit 32 Jahren hier lebt und mit einer Schweizerin verheiratet ist, ist das jedoch kein Thema. Schon nur im Vereinslokal zusammen mit seinen Kollegen einen Match zu verfolgen, komme selten vor. «Die Spiele schaue ich wenn immer möglich allein zu Hause», sagt er. Schlicht zu angespannt sei er ­jeweils. Da habe er keine Nerven für die vielen Kommentare und die oftmals lebhaften Diskussionen rundherum. «Nur meine Frau ertrage ich dann neben mir.»

Kaum auszudenken, wie gross die Nervosität bei Sokcevic am Mittwochabend sein wird, wenn die Kroaten gegen England um den Finaleinzug kämpfen: Ein solcher ­wäre der grösste Erfolg in Kroatiens Fussballgeschichte und würde selbst den sensationellen 3. Platz an der WM 1998 in den Schatten stellen. Trotz historischer Ausgangslage sieht Zarko Sokcevic dem grossen Spiel überraschend gelassen entgegen. «England liegt uns», sagt er und verweist auf das Jahr 2007. Damals besiegte Kroatien die Engländer im Wembley-Stadion 3:2 und vereitelte den Briten damit die Teilnahme an der EM 2008.

Ja kein Penaltyschiessen!

Noch wichtiger als der Gegner sei aber die Tatsache, dass es Kroatien nun schon sicher unter die ersten vier geschafft hat – und damit so weit wie die grosse 1998er-Generation, mit der das Team ständig verglichen werde. «Der psychische Druck ist jetzt erledigt», glaubt Sokcevic. Deshalb werde auch er diesmal nicht mehr so nervös sein müssen, hofft er. «Ausser, es gibt schon wieder ein Penaltyschiessen.»

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