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Zwei Stunden und 280 Liter Müll

Müll aufsammeln ist zum viralen Trend geworden. Was auf der ganzen Welt zelebriert wird, macht eine Gruppe Berner schon seit einem Jahr. Unterwegs mit den Trash Heroes.

53 Freiwillige sammelten am Samstag in der Stadt Bern 40 Glas-, 101 PET-Flaschen, 180 Aludosen und 6107 Zigarettenstummel ein.
53 Freiwillige sammelten am Samstag in der Stadt Bern 40 Glas-, 101 PET-Flaschen, 180 Aludosen und 6107 Zigarettenstummel ein.
Enrique Muñoz García
Die Trash Heroes erkennt man an ihren gelben Shirts. In der Mitte: Hauptverantwortlicher Michel Bühler.
Die Trash Heroes erkennt man an ihren gelben Shirts. In der Mitte: Hauptverantwortlicher Michel Bühler.
Enrique Muñoz García
Einmal pro Monat nehmen die Trash Heroes sich einen Ort in der Stadt vor, rüsten sich mit Müllbeuteln und Handschuhen aus und sammeln ein, was nicht auf den Boden gehört.
Einmal pro Monat nehmen die Trash Heroes sich einen Ort in der Stadt vor, rüsten sich mit Müllbeuteln und Handschuhen aus und sammeln ein, was nicht auf den Boden gehört.
Enrique Muñoz García
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Ein junger Mann mit dichtem Bart sitzt auf einem Stuhl, mitten auf einer Wiese, umgeben von Müll. Auf dem nächsten Bild sitzt er am selben Ort, in derselben Haltung. Nur liegt der Müll jetzt nicht mehr verstreut herum, sondern ordentlich in Tüten verpackt zu seinen Füssen. Solche Bildergeschichten kursieren zurzeit haufenweise im Internet. Auf den sozialen Medien wie Facebook und Instagram ist die sogenannte Trashtag-Challenge hoch im Kurs; Menschen nominieren ihre Freunde und Bekannte und fordern diese auf, einen Tag lang einen beliebigen Ort von herumliegendem Müll zu befreien. Ist die Aufgabe erfüllt, wird diese an die nächste Person weitergegeben.

Szenenwechsel. Eine junge Frau kauert vor einer Treppe in der Nähe des Berner Europaplatzes und murmelt leise vor sich hin. «Zwei, vier, sechs, acht, zehn. Zwei, vier, sechs, acht, zwanzig.» Immer zwei Zigarettenstummel auf einmal nimmt sie aus dem Plastikbecher und legt sie auf einen Haufen. Hundert Stück werden hier am Schluss liegen. Hundert von insgesamt 6081 weggeworfenen Zigaretten, die in den letzten Stunden zusammengesammelt wurden.

Zigaretten sammeln: Der eingesammelte Ghüder wird sortiert. Video: Sheila Matti

Jeder einzelne Stummel

Die junge Frau gehört zu einer Gruppe Menschen, die am Samstag loszogen, um Bern vom Müll zu befreien – ohne dass sie vorher nominiert worden sind. Was im Internet die Runde macht, haben die sogenannten Trash Heroes, zu Deutsch «Müllhelden», schon längst für sich entdeckt. Einmal pro Monat nehmen sie sich einen Ort in der Stadt vor, rüsten sich mit Müllbeuteln und Handschuhen aus und sammeln ein, was nicht auf den Boden gehört. Im Nachhinein werden alle Beutel ausgeleert, rezyklierbare Materialien wie PET, Glas und Metall aussortiert – und, zur zusätzlichen Verdeutlichung des Problems, jeder einzelne Zigarettenstummel gezählt.

Auf jedem Häufchen befinden sich 100 Zigistummel. Video: Sheila Matti

Abgeholt wird der gesammelte Müll anschliessend von Angestellten des städtischen Tiefbauamtes. «Die Zusammenarbeit mit der Stadt Bern ist enorm wichtig», erklärt Michel Bühler, Hauptverantwortlicher der Berner Trash Heroes. Noch bevor der erste Anlass letztes Jahr im März stattfand, hat er sich mit den Behörden in Verbindung gesetzt, gefragt, ob das freiwillige Engagement überhaupt gewollt ist, und sichergestellt, dass sie dafür nicht etwa noch gebüsst werden.

Jene Helden, die sich am Samstag des nördlichen Endes des Könizbergwaldes annahmen, stammen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. Von engagierten Jugendlichen über geschäftstüchtige Erwachsene bis hin zu jungen Müttern mit ihren Kindern – alle dürfen beim kollektiven Müllaufsammeln dabei sein. «Wir versuchen die Anlässe so familienfreundlich wie möglich zu gestalten», erklärt Bühler.

«Eins, zwei, drei, ausleeren!»: Die Trash Heroes haben eine beeindruckende Menge Abfall gesammelt. Video: Sheila Matti

Mehr als nur ein Trend

Für die Trash Heroes ist das Aufsammeln von Müll mehr als nur ein Trend. Das merkt man im Gespräch mit den Teilnehmenden schnell: Alle versuchen stets umweltbewusst zu leben, manche engagieren sich auch anderweitig freiwillig. Und viele nahmen erst am Vortag an der Klimademo in Bern teil.

Mit den Absolventen der viralen Trashtag-Challenge haben die Berner Helden vor allem eins gemeinsam: Die sozialen Medien nehmen auch für sie eine wichtige Rolle ein. Über Facebook organisieren sich die Trash Heroes, veröffentlichen die Daten der nächsten Aufräumaktion und posten haufenweise Bilder ihrer Erfolge. Und auch am Samstag lautete die Anweisung der Organisatoren: «Macht Fotos und Videos und teilt diese auf Instagram und Facebook. So erreichen wir immer mehr Leute.»

Dennoch verfolgt Michel Bühler die virale Trashtag-Challenge mit Skepsis. «Eigentlich ist es ja eine gute Sache», sinniert er, während er ein Stück Plastik aus einem Busch fischt, «aber die Gefahr ist gross, dass die Menschen nach der Challenge wieder in ihr altes Muster zurück verfallen.» Eigentlich sei auch die Arbeit der Helden nur eine Symptombehandlung, gibt Bühler zu. «Wenn man aber mal den halben Tag Müll zusammensammelt, führt das schnell zu einem Umdenken.» Das bestätigten am Samstag auch die zahlreichen Neulinge. So schnell werden sie sicherlich keinen Zigarettenstummel mehr auf den Boden werfen.

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