«YB war Regisseur, wir hielten nur die Kamera drauf»

Am Sonntag wird im Westside der YB-Meisterfilm gezeigt. Die Macher freuen sich über die Vorschusslorbeeren wegen der ausverkauften Shows, sind aber gespannt, ob sie den Nerv treffen.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Am Sonntag können Fans des BSC Young Boys das Meisterjahr noch einmal erleben: Im Ciné Pathé im Westside wird der YB-Meisterfilm gezeigt. Während 58 emotionalen Minuten und in fünf Akten wird das gelb-schwarze Märchen des Schweizer Meistertitels noch einmal erzählt. «Wir sind gespannt, wie er ankommen wird», sagt Gabriel Haldimann, der beim Fanradio Radio Gelb-Schwarz (RGS) kommentiert und bei Newsroom Communication arbeitet.

Letzterer ist der Multimediapartner von YB und war damit betraut, wichtige Momente eines möglichen Meisterjahres für die Nachwelt festzuhalten. «Wir entschieden uns dagegen, mit der Kamera in die Kabine zu gehen und so zusätzlich Druck aufzubauen», sagt Haldimann. Auch auf eine Off-Stimme verzichteten sie, einzig die Kommentatoren von RGS bekommen ihren verdienten Auftritt. «Auch ein Drehbuch mussten wir nicht schreiben, die Mannschaft war Regisseur, wir hielten nur mit den Kameras drauf», sagt er.

Bei der entscheidenden Partie gegen den FC Luzern am 28. April dieses Jahres waren fünf Kameramänner unterwegs, die gegen 30 Stunden Rohmaterial zusammentrugen. «Ich musste mich erst emotional erholen, um die Bilder professionell verarbeiten zu können», erklärt Haldimann. Das heisse nicht, dass ihm nicht auch später noch Tränen gekommen seien. «Der emotionalste Moment beim Schneiden war für mich, als der Pokal zum ersten Mal zur Fankurve getragen wurde», verrät er. Ungefähr drei Wochen lang brauchten sie für die Sichtung des 90-stündigen Materials und den Schnitt.

Brot und Spiele

Sie waren nicht die ersten Filmemacher, die YB in der zweiten Hälfte der Saison begleiteten. Im Jahr 2010, als YB in der Winterpause mit sieben Punkten Vorsprung die Tabelle anführte, wurden ­Norbert Wiedmer und Enrique Ros mit einem Dokumentarfilm betraut. Eigentlich waren sie an Dreharbeiten über das Stade de Suisse und zum Thema, wie Clubs aus dem Mittelmass versuchen, Geld zu verdienen. «Brot und Spiele» hätte er geheissen, die YB-Spieler hätten die Gladiatoren dargestellt. «Wir wurden vom damaligen YB-CEO Stefan Niedermaier angefragt, ob wir die Dreharbeiten zum Team nicht vorziehen könnten», erinnert sich Norbert Wiedmer. Die beiden Filmemacher willigten ein, als YB ihnen eine Zahlung von 200 000 Franken zusprach. «Ein solches Angebot habe ich in meiner 30-jährigen Filmkarriere nur einmal bekommen, sonst musste ich immer um die Finanzierung kämpfen», so der heute 65-Jährige.

Aus filmischer Sicht sei es natürlich toll gewesen, dass YB damals scheiterte. «Aber ich bin selber auch YB-Fan», sagt er. Da habe auch die Kamera als emotionaler Sichtschutz nicht geholfen. Dazu kam, dass das Scheitern von YB auch aus verkaufstechnischer Sicht nicht zuträglich war. Nur wenige Fans wollten sich in diesen traurigen Momenten suhlen, der Fussballblog «Zum Runden Leder» taufte den Film «Meisterträume» kurzerhand in «Meistertrauma» um.

Hans und Henä

Auch Wiedmer setzte damals keine Off-Stimme und keine Interviews ein. «Man muss das dem Zuschauer auch ohne Kommentare rüberbringen können», sagt er. Zugang hatte er zu den Büros und der Kabine, wo der Zuschauer viele persönliche Gespräche miterlebte und die damaligen Spieler von anderen Seiten kennen lernte. Oder im Auto der beiden Materialwarte Hans Imboden und Henä Minder, als Letzterer die Hoffnung praktisch verloren hatte. «Sie waren meine liebsten Nebenrollen. Für solche Szenen arbeite ich natürlich, man hangelt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt», so Wiedmer. Henä Minder kommt auch im aktuellen Meisterfilm vor, wo er vor der Fankurve steht und weint. Ein herzzerreissender Moment.

Wiedmer studierte Film in Paris und München. «Meisterträume» ist einer von 20 Filmen, die er realisierte. Er lief während sieben Wochen in den Kinos. Was er denn davon halte, wenn nun ein neuer Film kommt? «Ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber er dürfte primär von den Emotionen und der Nostalgie leben», sagt er. Mit einem grossen Kassenschlager rechnet er nicht.

Vom goldenen Ding gepackt

Damit rechnet wohl auch YB nicht: Tatsächlich sei nicht geplant, dass der Meisterfilm im regulären Kinoprogramm gezeigt werde, bestätigt Haldimann. Eventuell werde man einen weiteren Kinotag veranstalten, geplant ist ebenso, dass er auf dem Youtube-Kanal von YB veröffentlicht wird. Den Film als DVD zu veröffentlichen hingegen, findet Haldimann unnötig und altbacken.

Zur Machart meint er: «Wir sind Greenhorns und messen uns nicht mit den professionellen Filmemachern.» Den Film «Meisterträume» sah er sich im Kino Rex an, als er kürzlich wieder gezeigt wurde. «Wir haben nicht diesen ästethischen Anspruch, bei uns sind die Bilder nicht perfekt», zieht er den Vergleich. Doch: «Wir mögen es sowieso lieber schnell und dreckig. Es gibt nur wenige Themen, die uns emotional so lange fesseln können wie dieses goldene Ding.»

Berner Zeitung

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