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«Will mich nicht einmischen»

Ein stärkerer Fokus auf die Spitzen- und die Altersmedizin: Das erhofft sich SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg von Uwe E. Jocham als Verwaltungsratspräsident der Insel-Gruppe.

Pierre Alain Schnegg verlangt eine Neu­positionierung des Inselspitals.
Pierre Alain Schnegg verlangt eine Neu­positionierung des Inselspitals.
Nicole Philipp

Herr Schnegg, im Juni sagten Sie, dass es mit der Insel-Gruppe in die richtige Richtung geht. Nun drängte der Regierungsrat Verwaltungsratspräsident ­Joseph Rohrer zum Rücktritt. Was ist geschehen?Pierre Alain Schnegg: Die Insel-Gruppe hat verschiedene Etappen durchlaufen. Vor einigen Jahren wurde entschieden, das Inselspital und die ehemalige Spital Netz Bern AG zusammenzuführen. Anschliessend folgte der Fusionsprozess, der sehr viel Staub aufgewirbelt hat. Noch sind zwar nicht alle Probleme ­gelöst, aber diese Phase liegt nun zum grössten Teil hinter uns. Jetzt geht es um den nächsten Schritt: Wo wollen wir in zehn bis fünfzehn Jahren stehen? Diesbezüglich hatten Herr Rohrer und ich teilweise unterschiedliche Auffassungen.

Wo war dies der Fall?Ich will diese nicht in einem breiten Rahmen diskutieren. Wenn wir sie veröffentlichen möchten, hätten wir das in der Medienmitteilung getan. Aber wenn Vorstellungen zu weit auseinanderlaufen, dann muss man handeln.

Damals nannten Sie als Beispiel die Spitzenmedizin.Die Spitzenmedizin ist ein sehr wichtiges Thema. Es herrscht ein harter Wettbewerb zwischen den Unispitälern, der sich noch verstärken wird. Das Inselspital muss hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Das dürfte auch Herrn Rohrer klar sein.Ja. Aber es gibt immer verschiedene Wege, etwas zu erreichen.

Für Sie führt der Weg über mehr Kooperationen. Bereits heute existieren aber über 400 solcher Zusammenarbeiten. Ist noch Potenzial vorhanden?Ja. Das Inselspital muss noch ­enger mit anderen Forschungsinstitutionen oder Gesundheitsdienstleistern kooperieren. Dasselbe gilt für Firmen, die medi­zinische Produkte entwickeln. Natürlich geschieht dies schon heute. Die Insel ist sehr aktiv. Aber wir müssen immer daran arbeiten, morgen noch besser zu sein als heute.

Hat sich Herr Rohrer gegen neue Kooperationen gewehrt?Nein, überhaupt nicht. Es ist aber normal, dass man in der Entwicklung einer Institution ab und zu einen Wechsel an der Spitze vornimmt. Das erlaubt auch, auf ­gewisse Unzufriedenheiten beispielsweise beim Personal zu reagieren – etwa solche, die im Rahmen der Fusion aufgekommen sind. Aber Herr Rohrer hat sich sehr stark für das Inselspital engagiert und gute Resultate in verschiedenen Gebieten erreicht.

Wo hat er keine guten Resultate erreicht?Uns geht es jetzt um die Zukunft. Die Frage ist, wie sich die Insel positionieren will.

Ist das Inselspital bei der ­Spitzenmedizin gut aufgestellt?In vielen Gebieten ist es sehr gut positioniert, beispielsweise in der Herzchirurgie oder der Neurologie. Aber wenn wir uns nicht verbessern, wird es die Konkurrenz tun. Ich erwarte nicht, dass das Inselspital in allen Fachgebieten die Nummer eins ist. Aber in gewissen gut gewählten Disziplinen muss das Beste erreicht werden.

Wo ist das noch nicht der Fall?Ich bin nicht für die Strategie des Inselspitals verantwortlich, dafür gibt es den Verwaltungsrat.

Sie knüpfen den Personalwechsel aber an die Erwartung einer strategischen Neupositionierung und fordern mehr Kooperationen.Der neue Verwaltungsrat wird diesbezüglich sicher eine sehr gute Arbeit machen. Die Politik hat die ihre nun gemacht: Wir haben hundert zusätzliche Studienplätze in der Medizin geschaffen, werden dem Weiterbildungskonkordat beitreten und haben Spitzenleute wie Uwe E. Jocham für uns gewonnen. Das war unser Beitrag, jetzt ist der Verwaltungsrat gefragt. Er wird diejenigen Bereiche identifizieren, die weiterentwickelt werden müssen.

Aber Sie haben bestimmt ­gewisse Vorstellungen.Die Bevölkerung wird immer älter. Also kann man sich beispielsweise fragen, welche Beiträge das Inselspital in der Altersmedizin leisten könnte.

Im Zuge der Fusion von Insel­spital und Spital Netz Bern AG sind viele Geriater zur privaten Konkurrenz gewechselt. Hat man hier einen schlechten Job gemacht?Wenn man Schlüsselpersonen verliert, sind die Gründe zu analysieren. Personalwechsel können aber auch Chancen bieten.

Spielte bei der Absetzung von Herrn Rohrer die Umsetzung der Fusion eine Rolle?Die Zusammenführung wurde von der Politik beschlossen, und die zuständigen Personen haben seither das Beste daraus gemacht.

Holger Baumann, CEO der Insel-Gruppe, ist ein enger Weggefährte von Joseph Rohrer. Sollte er das Unternehmen ebenfalls verlassen?Das muss der Verwaltungsrat entscheiden.

«Ich erwarte nicht, dass das Inselspital in allen Fach­gebieten die ­Nummer eins ist.»

Aber sind Sie mit seiner Arbeit zufrieden?Ich will mich nicht einmischen.

Der zentrale Punkt der Unternehmensstrategie ist das abgestufte Versorgungsmodell. Die Landspitäler behandeln einfache Fälle, das Inselspital komplexe. In der Praxis funktioniert dies nicht reibungslos. Glauben Sie noch an dieses Modell?(zögert) Die Grundidee ist richtig. Das Hauptproblem im Gesundheitswesen ist sicher nicht die Anzahl Spitäler oder deren Standorte, sondern die Frage, was in welchem Spital angeboten wird. Es kann nicht sein, dass wir überall kleine Inselspitäler haben. Genauso wenig darf es sein, dass es überall nur Gesundheitszentren gibt.

Bei der Umsetzung dieser Idee hapert es. Die teure Insel behandelt immer mehr einfache Fälle.Es ist sicher nicht richtig, die Grundversorgung am Unispital zu vergrössern, nur damit man mehr Patienten generiert. Die Ärzte, die Spitaldirektoren oder die Verwaltungsräte sind jedoch auch nur Menschen. Da ist es verständlich, wenn man versucht, einige Fälle mehr zu generieren als die Konkurrenz. Trotzdem glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Auch Rohrers Nachfolger Uwe E. Jocham ist nur ein Mensch.Natürlich. Aber Herr Jocham bringt andere Erfahrungen mit und hat deshalb auch eine andere Perspektive. Er hat ein grosses Unternehmen geführt mit grossen Bauprojekten und viel Forschung. Diese Erfahrung wird für die Zukunft des Inselspitals hilfreich sein.

Mit Herrn Jocham wird eine Person an die Spitze des grössten Schweizer Spitals gehievt, die keine Erfahrung in diesem Gebiet hat. Gehen Sie damit nicht ein zu grosses Risiko ein?Uwe E. Jocham wurde nicht in die operative, sondern in die strategische Leitung gewählt. Zudem kommt er aus der Pharmazie, die eine grosse Nähe zu Spitälern aufweist. Schliesslich werden die Spitäler der Zukunft auch nicht mehr gleich aussehen wie heute. Entsprechend ist es wichtig, auch beim Führungspersonal mit der Zeit zu gehen. Es schadet sicher nicht, wenn neue Sichtweisen eingebracht werden. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Risiken kleiner sind als die Chancen.

Könnte unter der neuen Leitung allenfalls sogar die Fusion rückgängig gemacht werden?Nein, dieser Zug ist abgefahren. Jetzt geht es um die Feinjus­tierung.

Zur aktuellen Richtung des Inselspitals gehört auch die ­Sanierung der Frauenklinik für 100 Millionen Franken. Was halten Sie von diesem Entscheid?Ich bin nicht genug in dieser Materie bewandert, um das zu beurteilen. Falls sich der Kanton an den Kosten beteiligen sollte, ist aber wichtig, dass eine nachhal­tige Sanierung auch tatsächlich möglich ist. Dieser Nachweis muss erbracht werden.

Gab es andere Kandidaten für das Verwaltungsratspräsidium?Wir haben mit Herrn Jocham diskutiert.

Wie hoch wird seine Entschädigung sein?Diese ist in der Eigentümerstrategie festgelegt und bleibt unverändert.

Bei Rohrer betrug die Entschädigung zwischen 180 000 und 220 000 Franken. Uwe E. Jocham dürfte sich aus der Privatwirtschaft mehr gewohnt sein.Die konkreten Zahlen werden ­jeweils im Vergütungsbericht der Insel veröffentlicht. Mit dem Führungswechsel gibt es keine Änderung bei der Entschädigung.

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