Weder Skatepark noch Schwulendisco

Bern

Weil es in Bern zu viele Kirchen und zu wenige Kirchenmitglieder gibt, müssen einige Gotteshäuser umgenutzt werden. Während eines Podiums wurde nun diskutiert, welche das sein sollten und wie sie verwendet werden könnten.

Das Münster ist für viele der «heiligste» Ort in Bern.

Das Münster ist für viele der «heiligste» Ort in Bern.

(Bild: Keystone)

Christian Häderli@ChriguHaederli

Die Stadtberner Kirchen haben ein finanzielles Problem. Diese Tatsache bildete die Grundlage der Podiumsdiskussion, die am Donnerstagabend in der Aula des Progr stattfand. «Unsere Infrastruktur ist ausgerichtet auf 150'000 Leute, wir zählen aktuell noch 50'000 Kirchenmitglieder. Wir können den Unterhalt aller Gebäude mittelfristig nicht mehr finanzieren», stellte Eugen Marbach, Mitglied des Kleinen Kirchenrates der Evangelisch-reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern, zu Beginn der Debatte klar.

Fakt ist: Während im Jahr 1850 noch 94 Prozent aller Einwohner der Stadt Bern reformiert gewesen sind, so waren es um die Jahrtausendwende noch 47 Prozent – Tendenz weiterhin sinkend.Bei der Katholischen Kirche bestehe zwar aktuell kein direkter Spardruck, betonte Bernhard Waldmüller, Dekanatsleiter der Katholischen Kirche Region Bern. Aber: Die Annahme der Unternehmenssteuerreform III würde auch die Katholische Kirche finanziell unter Druck setzen.

Mittelfristig werden Berns Kirchen nicht darum herumkommen, einige ihrer Gebäude umzunutzen. Bloss: Welche sollen das sein? Und wie sollen Kirchenräume künftig genutzt werden? Wie schwierig es sein wird, auf diese Fragen Antworten zu finden, zeigte sich etwa, als die Diskussionsteilnehmer dazu aufgefordert wurden, den für sie heiligsten Ort in Bern zu nennen.

Während Nationalrätin Regula Rytz (Grüne) ohne Zögern das Münster nannte, erklärte Rahel Ruch (Grünes Bündnis), Räume seien für sie dann heilig, wenn Menschen darin zusammenkämen, um etwas zu teilen. So ein Raum sei für sie beispielsweise die Reitschule. So unterschiedlich die Meinungen zum heiligsten Ort in Bern ausfielen, so vielschichtig und aus verschiedenen Sichtweisen heraus wurde bei der Diskussion um Kirchenumnutzungen argumentiert.

Quartierkirchen im Fokus

Von der Perspektive des Denkmalschutzes aus ist es naheliegend, die ehrwürdigen Altstadtkirchen beizubehalten und Quartierkirchen abzustossen. Architekturhistoriker Dieter Schnell warnte aber davor, so zu argumentieren: «Was Vater gemacht hat, ist ziemlich hässlich, was Grossvater gemacht hat, ist schon wieder ziemlich schön.» Schnell erinnerte daran, dass die Denkmalpflege in der Vergangenheit gerade in Bern schon Fehlentscheide getroffen habe.

Trotzdem: Kommt es zu Kirchenumnutzungen, stehen die Quartierkirchen mehr im Fokus als die Altstadtkirchen. Katholike Waldmüller forderte, sich von der Fixierung auf die Gebäude ein Stück weit zu lösen: «Wir können in Bümpliz auch Kirche sein, ohne dieses Gebäude zu haben. Wir gehen dadurch als Kirche nicht unter.» Die Aufgabe der Kirche sei nicht primär, Gebäude zu erhalten, sondern die frohe Botschaft zu verkünden.

Kirchen umzunutzen, die mitten in einer Stadt mit wenig freien Räumen stehen, könnte für Immobiliengesellschaften, aber auch für die Kirchgemeinden selber ein lukratives Geschäft darstellen. Regula Rytz forderte deshalb, man müsse die Kirchen vor Kommerzialisierung schützen. Umnutzungen müssten eng mit der Stadt zusammen geplant ­werden. Mehrmals machte Rytz deutlich, für welchen Zweck sie Kirchen am liebsten umnutzen würde: Sie sieht darin deshalb eine gute Möglichkeit, der gegenwärtigen Knappheit an Schul­räumen in der Stadt entgegenzuwirken.

Das Ausland als Vorbild

Links-Grün-Politikerin Rahel Ruch erklärte, sie habe sich im Vorfeld der Diskussion bei jungen Leuten umgehört. Kirchenumnutzung sei da ein positives Thema. Viele hätten vom Ausland geschwärmt, wo Kirchen etwa als Skaterpark oder als Schwulendisco genutzt würden. Aus der Sicht von Dieter Schnell wäre eine Nutzung als Disco, Ausgehlokal oder Bar «pietätslos».

Zum Schluss wies Schnell auf ein Dilemma hin, das ihm aufgefallen sei: «Der Auftrag der Kirchen richtet sich noch immer an 100 Prozent der Bevölkerung, obwohl nur noch 47 Prozent dafür bezahlen.» Marbach veranschaulichte diese Aussage am Beispiel des Münsters. Bern Tourismus werbe prominent mit der Kirche und locke damit Touristen in die Berner Altstadt. «Aber äs Füfi zahle? Nüt!»

Auch Regula Rytz teilte die Ansicht von Schnell und forderte: «Die öffentliche Hand müsste für die Leistungen bezahlen, die die Kirche erbringt.» Für diese Aussage erntete sie Spontanapplaus aus dem Saal.

Berner Zeitung

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