Zum Hauptinhalt springen

Versicherungsbetrug – oder ein «entwickeltes Wahnsystem»?

Ein 57-jähriger Familienvater wurde von der Invalidenversicherung observiert. Nun steht er vor Gericht, weil er seine Beschwerden vorgespielt oder extrem übertrieben habe.

Zehn Monate lang liess die IV einen verdächtigen Bezüger observieren (Symbolbild/Keystone).
Zehn Monate lang liess die IV einen verdächtigen Bezüger observieren (Symbolbild/Keystone).

Als die Invalidenversicherung (IV) vor fünf Jahren bei einem damals 52-jährigen Familienvater aus der Stadt Bern abklärte, ob er immer noch zu Recht eine Rente von monatlich 1800 Franken bezog, liess dieser keine Zweifel darüber offen: Er werde von seiner Frau betreut, könne nicht einmal selber seine Hosen, Socken und Schuhe anziehen. Ausser Haus müsse er immer begleitet und unterstützt werden. Deshalb verbringe er den Tag vor allem daheim, mit Liegen, Sitzen, Fernsehen und Rauchen. Dazu kämen seltene Spaziergänge und kleine Einkäufe mit der Ehefrau.

Die IV misstraute dem Mann und liess ihn während zehn Monaten observieren. Die an siebzehn Tagen verdeckt gefilmten Aufnahmen zeigten ein ganz anderes Bild, wie die Richterin am Montag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland feststellte. Der Angeklagte brauchte keinerlei Betreuung, man sah ihn lachen, schwatzen – und einmal sogar einen schweren Staubsauger vom Einkauf heimtragen.

Für den Psychiater des heute 57-jährigen Angeklagten passen solche scheinbaren Widersprüche zu dessen Krankheit. Er habe ein «voll entwickeltes Wahnsystem» und sei «völlig von der Realität abgekoppelt», erläuterte dieser seine Diagnose: chronische paranoide Schizophrenie. Wie er darauf gekommen sei, konnte er vor Gericht nicht immer plausibel darlegen. Aufgrund seiner «atmosphärischen Ausstrahlung» und unzähliger Gespräche sei er zu diesem Schluss gelangt, erklärte er unter anderem. Doch plötzlich zeigte sich, dass sich der Psychiater und der Patient kaum verstanden haben dürften. Der Patient spricht nach eigenen Angaben nur wenig Deutsch. Und der Psychiater kein Albanisch.

Täglich andere Störungen

Im Verlauf der Zeugenaussagen tauchten weitere Ungereimtheiten auf: Als die Invalidenversicherung dem Angeklagten die Observierungsvideos vorspielte, habe dieser Deutsch gesprochen, gab der zuständige IV-Angestellte zu Protokoll. So habe er unter anderem «Scheissstaubsauger» gesagt, als er sich im Film mit dem Einkauf in der Hand gesehen habe.

Der Hausarzt des Angeklagten war bei seiner Einvernahme sichtlich bemüht, seinen Patienten nicht zusätzlich zu belasten. Auf die Frage, wie er ihn bei seinen monatlichen Konsultationen eingeschätzt habe, antwortete er ausweichend: «Sein körperlicher Zustand war eigenartig.» Er berief sich auf die Diagnose eines Neurochirurgen, der Verengungen an Hals- und Lendenwirbelsäule festgestellt habe. Das könne zu Störungen führen, die von Tag zu Tag völlig anders seien.

Über seinen psychischen Zustand sagt er nur, dieser sei «speziell» gewesen. Patienten wie der Mann könnten ihre Schmerzen nicht zeigen und würden darauf ausweichen, ihre Schmerzen akzentuiert darzustellen. «Eine IV-Rente ist in solchen Fällen lebenserhaltend.»

Beihilfe der Familie?

Wieweit der 28-jährige Sohn und die 58-jährige Ehefrau dem Angeklagten allenfalls geholfen haben, die «akzentuierte Darstellung» seiner Schmerzen zu un­terstützen, war für das Gericht schwierig herauszufinden. Der Sohn verweigerte strikt alle Aussagen zum Fall.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte während fast zweier Jahre unrechtmässig eine Invalidenrente von insgesamt 40'000 Franken be­zogen hatte und – wenn er nicht observiert worden wäre – weitere fünf Jahre diese Rente und zusätzlich noch eine Hilflosenunterstützung von 230'000 Franken bezogen hätte. Sowohl die Ehefrau als auch der Sohn hätten dem Angeklagten Beihilfe bei seinem gewerbsmässigen Betrug geleistet, lautet die Anklage.

Nach weiteren Einvernahmen heute Dienstag wird das Gericht voraussichtlich morgen Mittwoch ein Urteil fällen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch