Summer in the City

Soundcheck

Die neuen Betreiber der Campo-Bar im Liebefeld-Park haben gezeigt, dass sie es ernst meinen: die Old-School-Rapper Delinquent Habits gaben ein Gratis-Konzert - vor 2000 Leuten.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Die Szenerie ist äusserst vielversprechend: Vorort-Beschaulichkeit, etwas Banlieu-Renitenz und ein Schuss Gurtenfestival-Stimmung. Es gibt Bier aus Bechern an drei Ständen. Das Getränk des Abends aber sind mitgebrachte Desperados aus der Büchse. Dieses süss-säuerliche Bier mit Tequilla-Geschmack. Apropos: auch der Duft des Abends, der da in Rauchschwaden durch die Menschenmassen hindurchwabert, ist ein süss-säuerlicher.

Seit Anfang Monat ist im Liebefeld-Park mit dem malerischen Teich und der modernen Wohnsiedlung drumherum wieder etwas los. Michele Graniello, Besitzer der Piazza-Bar am Hirschengraben und Andreas Krüger, der vorher das Restaurant Krone geführt hatte, haben die beliebte Campo-Bar übernommen und sie in «Raum und Zeit» umgetauft.

Am Donnerstagabend haben sie schon mal gezeigt, dass sie es ernst meinen mit ihrem Engagement und eine Sause sondergleichen steigen lassen. Ein Gratiskonzert der Delinquent Habits stand auf dem Programm. Das ist Old-School-Hip-Hop aus East Los Angeles. Latino-Rap vom allerfeinsten. Delinquent Habits waren mit Cypress Hill die Pioniere des sogenannten Spanglish—Raps und sind heute wahre Legenden des Genres.

Ihr erstes Album von 1996 «Tres Delinquentes» gilt als Meilenstein der Hip-Hop-Geschichte. Seit 2013 sind zwei der drei aus der Originalbesetzung wieder unterwegs. Ives Irie und Kemo The Blaxican lassen es neu mit DJ Invincible als Produzent krachen. Auch die letzte Scheibe von 2017 erfreut sich grösster Beliebtheit.

Eine Band, die in Bern freilich eine riesige Fangemeinde hat. Das sah man im Vorfeld auch auf Facebook, als der Event angekündigt wurde: 1500 Leute zeigten sich zumindest interessiert. Und ja, sie kamen dann auch. Schon um 18 Uhr sind es 500 Leute, die um den Teich herum im Gras fläzen. Bis zum Konzert eine Stunde später sind es dann fast 2000.

Und herausgeputzt haben sich die Bernerinnen und Berner. Fast so als seien schon Sommerferien – alle sind in prächtiger Festivallaune. Elegante Sommerkleider mit Turnschuhen, grelle, bunte, verspiegelte Sonnenbrillen, Tanktops und Baseball-Caps, sogar Flip-Flops sind zu sehen. Nur ein paar Dutzend Einhorn-Gummi-Boote fehlen noch, um das Berner-Sommer-Gefühl perfekt zu machen.

«Jump around!»: Delinquent Habits gaben auch den einen oder anderen Cypress Hill-Hit zum besten. Video: Martin Burkhalter

Die Sonne hängt tief und alles leuchtet golden. Dann endlich, endlich lässt DJ Invicible die ersten Mariachi-Trompeten durch die Boxen klingen, gefolgt von den eingängigen Old-School-Beats. Ives Irie und Kemo The Blaxican betreten die Bühne, Hände gehen in die Höhe und die Party beginnt. Delinquent Habits schöpfen aus dem Vollen, bringen alles was das Rap-Herz begehrt: ihre Klassiker wie «Here Come The Horns», «Tres Delinquentes», «Return of the Tres», neue Songs und natürlich darf auch der eine oder andere Cypress-Hill-Hit nicht fehlen.

Dazwischen loben die beiden Rapper immer wieder die tolle Stimmung und die Berner Friedfertigkeit, das Wort Weed fällt in jedem dritten Satz. Die Handys filmen, Körper bouncen, die Desperado-Büchsen leeren sich und 2000 Menschen träumen gemeinsam von einem langen, heissen und geilen Sommer.

Irgendwann gibt es zwar noch Bier, aber keine Becher mehr, dann heisst es, jetzt sei gerade das letzte Fass aufgemacht, beziehungsweise, angestochen, also angezapft worden. Dann um 22:30 ungefähr, machen die Gastrowagen dicht.

Es wird immer dunkler und dunkler am Liebefeld-Teich. Hunderte Menschen besteigen nach und nach ihre Fahrräder, Taxis fahren vor und wieder ab und riesige Gruppen von Menschen schlendern festivaltrunken über einen feuchten mit Abfall übersäten Rasen in Richtung Bushaltestelle.

Dort warten sie dann zu hunderten, neben überfüllten Mülleimern und zerknüllten Bierdosen auf den 10er-Bus, der immer erst in 11 Minuten zu kommen scheint. Die Nacht ist lau. Das Wochenende lang. Die Festival-Saison hat begonnen.

Berner Zeitung

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