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Betrug in Millionenhöhe: Beizer und Geschäftsmann verurteilt

Ein Zürcher Beizer und sein Berner Geschäftspartner brachten Investoren mit angeblich wertvollen Gemälden um rund acht Millionen Franken. Beide wurden am Mittwoch zu langen Freiheitsstrafen verurteilt.

Die Verurteilten sahen sich in der Opferrolle, doch das Gericht sah es anders.(Symbolbild/iStock)
Die Verurteilten sahen sich in der Opferrolle, doch das Gericht sah es anders.(Symbolbild/iStock)

Da sassen sie also. Links, der grossgewachsene Berner Geschäftsmann im Anzug. Rechts, der kleingewachsene Zürcher Beizer in seiner Freizeitjacke. Ihre Blicke waren auf Gerichtspräsidentin Barbara Lips gerichtet, als diese das Verdikt des Kantonalen Wirtschaftsstrafgerichts verlas. Zwei Stunden sollte sie dafür benötigen und es fiel vernichtend aus.

Das Gericht verurteilte den Barbetreiber, der lange Zeit eine bekannte Kontaktbar im Zürcher Kreis 4 geführt hatte, wegen qualifizierten Betrugs, Geldwäscherei sowie Urkundenfälschung zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 9 Monaten. Dazu kommt eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 30 Franken. Der Geschäftsmann wurde zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt.

Eine gute Geschichte

Damit endete am Mittwochnachmittag im Saal 220 des Berner Amtshauses der aufwändige Prozess gegen die Verantwortlichen hinter dem Betrugsfall, dessen Plot auch aus einem Kurs für Drehbuchautoren stammen könnte.

Angefangen hatte alles mit einer guten Geschichte. Sie handelte von einem Schnäppchen, einem Gemälde vom grossen Meister Tizian höchstpersönlich. Er habe das Bild einem gealterten Kunstkenner zum Spottpreis abgekauft. Dieser habe ihm auch gleich noch einen verschollenen «Rembrandt» geschenkt. Die Bilder würden sich für das x-fache verkaufen lassen. Und ein solcher Deal stehe kurz bevor. Alles, was er dazu benötige, sei ein wenig Geld, um die letzten Modalitäten klären zu können.

Diese Geschichte erzählte der Beizer in all den Jahren Dutzenden Geldgebern. Nicht wenige bissen an. Nicht wenige kannten den Beizer und den Geschäftsmann seit Jahren. Man verkehrte auch privat miteinander, pflegte zuweilen gar Freundschaften. Ja, man mochte sich. Ein Umstand, der den gesamten Prozess eigenartiger machte, als er ohnehin schon war.

Jedenfalls bezahlten all diese Menschen insgesamt rund acht Millionen Franken. Das Geld übergaben sie jeweils in kleinen Tranchen, fast ausschliesslich in bar und ohne je einen Beleg zu erhalten. Siebeneinhalb Jahre lang floss Cash in das Fass ohne Boden.

Wenn Zweifel aufkamen, dann hatte der Beizer Antworten parat. Mal zog er Röntgenaufnahmen hervor, welche die Echtheit und damit den Wert der Werke bestätigten. Mal lieferte er Dokumente der Liechtensteinischen Landesbank, die die Bonität angeblicher Interessenten bewiesen. Er hatte einen Eigentumsschein mit einem Stempel drauf. Führte vor den Augen der Investoren Telefongespräche mit Treuhändern, die es nicht gab.

Der mögliche Gewinn zu hoch. Das investierte Geld irgendwann zu viel, als dass die Investoren noch ein Scheitern in Betracht ziehen wollten. Es musste einfach stimmen! Die Geschichte, sie war zu gut.

Jedem seine Rolle

Auch der Berner Geschäftsmann verfiel ihr wohl ursprünglich. Zumindest sagte er das so vor Gericht: Er sei selbst Getäuschter, ein Opfer, das viel Geld verloren habe. Tatsächlich investierten einige seiner Familienangehörigen und Bekannten Geld in das faule Geschäft mit den Bildern. Dass er nun ebenfalls verurteilt werde, bezeichnete er im Anschluss an die Verhandlung als «unglaublich». Er kündigte ohne Umschweife Berufung gegen das Urteil an.

Fakt ist aber auch: Der Mann ist seit Jahren überschuldet. Und er ist einschlägig vorbestraft – wegen Betrugs. Zudem hatte ihm der Beizer immer wieder kleinere Beträge ausbezahlt. Dieses Geld habe er für seine Mühen entgegengenommen, weil er den Deal doch noch über die Ziellinie habe bringen wollen, hatte der Berner bei seiner Einvernahme gesagt. In den Augen des Gerichts aber habe er gewusst, dass es nie einen Deal gab. Viel mehr wirkten die beiden Männer als Team, in dem jeder seine Rolle spielte. Der Berner lieferte die Investoren, der Zürcher kümmerte sich um die Zahlungen.

Auch der Geschäftsmann zeigte sich bis zuletzt – wie der Beizer – von der Authentizität der Werke überzeugt. Beide offenbarten im Rahmen des Verfahrens aber, dass sie von der Malerei wie auch vom Kunsthandel wenig bis gar nichts verstehen. Und das Gutachten, auf das sich das Gericht stützte, kam zum Schluss: Der vermeintliche Rembrandt? Ist ein «Non-valeur». Der Tizian? Wurde bestenfalls in der Werkstatt des Meisters und von einem Gehilfen angefertigt.

Verirrt

«Wenn Wunsch und Wirklichkeit auseinander klaffen.» Der vorliegende Fall, er sei ein Exempel dafür, fasste Gerichtspräsidentin Lips die Sache zusammen. Den Beizer, bei dem die Geschichte über all die Jahre immer zusammengelaufen war, bezeichnete sie als «begnadeten Geschichtenerzähler», als einen «Einwickler». Dem Berner attestierte das Gericht eine «manipulative Persönlichkeit mit übersteigertem Selbstbewusstsein».

Irgendwann allerdings verirrten sich die Männer im Gebilde, das sie sich aus all den kleinen und grossen Lügen zusammengezimmert hatten. Aus immer neuen Gründen wurde der Kauf der beiden Bilder hinausgezögert. Statt der fetten Profite, sahen die Geldgeber immer wieder nur die ausgestreckte Hand. Wohin ihr Geld ging, ist nicht restlos geklärt. Fest steht nur, dass ein beträchtlicher Teil nach Brasilien zur damaligen Freundin des Beizers floss.

Der Knackpunkt des deliktischen Betrugs ist die Arglist. Vereinfacht gesagt, kann nur derjenige betrogen werden, der ein Mindestmass an Vorsicht an den Tag legt. Steckt ein Gläubiger hingegen völlig naiv und blauäugig Geld in ein Geschäft, ohne sich zu informieren und minimale Vorkehrungen zu treffen, kann er später nicht von Betrug sprechen. Im Einzelfall ist das Tatbestandsmerkmal immer wieder Gegenstand komplizierter Auslegungen. Weshalb sich Richterin Lips viel Zeit nahm, die Opfermitverantwortung im vorliegenden Fall auszuschliessen.

Auch sie fragte: «Warum haben die Opfer die Notbremse nicht viel früher gezogen?» Eine Antwort darauf lieferte dem Gericht einer der Geschädigten, der letzte Woche im Saal befragt wurde. Der Mann zeigte dabei weder Groll noch Rachegelüste. Stattdessen hoffte er, dass die Sache «ein gutes Ende» nehmen würde.

Der Mann pflege offensichtlich ein «ganz anderes Menschenbild als all die skeptischen Strafrechtler», konstatierte das Gericht. Also ein durchwegs positives, optimistisches. Leute wie ihn habe das das Duo hinters Licht geführt, nicht irgendwelche Finanzinstitute oder Grossunternehmen.

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