Sparen mit Privatschulen

Bern

Ein Winterthurer Stadtrat behauptet, dass die Stadt pro Jahr 10 Millionen Franken wegen Privatschulen spart. Kann die Volksschule in Bern auch so viel sparen? «Nein», findet die Leiterin des städtischen Schulamts.

Iréne Hänsenberger ist Leiterin des Schulamts Bern.

Iréne Hänsenberger ist Leiterin des Schulamts Bern.

«Stadt spart dank Privatschulen 10 Millionen Franken pro Jahr» betitelte die Winterthurer Zeitung «Der Landbote» eine ­Hintergrundgeschichte zum Schulsystem. Auf Winterthurer Boden stehen 10 Privatschulen. Diese würden den städtischen Haushalt erheblich entlasten, sagt der Winterthurer Stadtrat und Vorsteher des ­Departements Schule und Sport Stefan Fritschi (FDP). Und das gleich um 10 Millionen Franken. Es scheint ein schier unvor­stellbarer Betrag. Ist das realistisch? Und wenn ja, kann Bern ebenfalls so viel sparen? In der Hauptstadt hat es schliesslich auch mehrere Privatschulen.

Gemäss Angaben der Erziehungsdirektion drücken 3313 Kinder und Jugendliche die Schulbank in einer Privatschule im Kanton Bern. 790 dieser Schülerinnen und Schüler haben als Wohnsitz die Gemeinde Bern und sollten durch ihre Ab­wesenheit in den städtischen Volksschulen die Stadtkasse entlasten. Bern profitiert von den Privatschulen aber nicht so, wie es in Winterthur anscheinend der Fall ist.

18'000 Franken pro Kind

Ob und wie viel Bern tatsächlich wegen Privatschülern spart, könne nicht genau beziffert werden, sagt Irène Hänsenberger, Leiterin Schulamt der Stadt Bern. Wie also kommt Stefan Fritschi auf diesen Betrag? Das Mitglied der Winterthurer Exe­kutive stellt folgende Rechnung auf: Die durchschnittlichen Kosten, die bei der Stadt Winterthur für ein Kind im öffentlichen Schul­system anfallen, betragen 18'000 Franken. Bei 584 Schülerinnen und Schülern, die eine Privatschule anstelle der Volksschule besuchen, ergäbe das einen ­Betrag von rund 10 Millionen Franken, welchen die Stadt ­jährlich spare.

Für die Bernerin Irène Hänsenberger geht diese Rechnung nicht auf: Mit einer simplen Vollkostenrechnung lasse sich ein solcher Betrag nicht rechtfertigen. Zu den Vollkosten gehören beispielsweise ein Teil der Lehrerlöhne, Infrastrukturkosten von Gebäuden bis zu EDV-Ausrichtungen, die Entlöhnung des Hauswartes oder Reinigungskosten. So kann eine Stadt in ihrer Buchhaltung ausweisen, wie viel ein Kind das städtische Schulsystem kostet.

«Eine Fehlüberlegung»

Die Stadt Bern rechnet mit rund 10'000 Franken Vollkosten pro Schüler, sagt Irène Hänsenberger. Geht man von diesem Betrag aus, könnte die Stadt Bern wegen der Privatschulen ungefähr 7,9 Millionen Franken sparen. «Da bin ich nun sicher, dass dem nicht so ist», betont Hänsenberger. Rein hypothetisch stimmten diese Kosten pro Schüler. In der Realität könne aber nicht einfach so gesagt werden, dass die 790 Privatschüler die Stadtkasse um einen gewissen Betrag entlasteten.

Aus ihrer Sicht macht man in Winterthur eine Fehlüberlegung: Die Schüler aus den Privatschulen würden, besuchten sie die Volksschule, auf Schulkreise und die Jahrgänge verteilt. Es sei also nicht so, dass ganze Klassen nicht geführt werden müssen. Wenn es nicht weniger Klassen hat, braucht es auch nicht weniger Lehrpersonen oder Schulraum. Die Einsparungen, von denen Fritschi spreche, seien also nur theoretisch.

Gemäss «Landboten» müssten für 584 Schülerinnen und Schüler in Winterthur zwei zusätzliche Schulhäuser gebaut werden. Mit dem Bau von neuem Schulraum befasse sich auch die Stadt Bern, sagt Irène Hänsenberger. Dies aber wegen des Schülerwachstums, nicht wegen der Privatschulen. «Als Stadt pflegen wir keine Beziehung zu den privaten Anbietern in Bern», sagt Hänsenberger.

Das Schulamt konzentriere sich darauf, eine konkurrenzfähige Volksschule zu führen, und rechne nicht mit Einsparungen wegen der Privatschulen. Sie fügt an: «Natürlich gibts einen Sachaufwand für Schulbücher oder Pulte, der durch eine kleinere Schülerzahl geringer ist, aber wir bewegen uns niemals im finanziellen Bereich von 10 Millionen Franken.»

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