Sie geben der Euphorie eine Stimme

Seit 10 Jahren kommentiert der Radio Gelb-Schwarz die YB-Spiele.

Brian Ruchti (links) und Michael Renaudin im Torjubel.

Brian Ruchti (links) und Michael Renaudin im Torjubel.

(Bild: Raphael Moser)

Claudia Salzmann@C_L_A

Das Wankdorf ist noch leer, bis zum Anpfiff dauert es noch drei Stunden, und doch sind Kommentatoren von Radio Gelb Schwarz (RGS) schon da. «Es ist ein 12-Stunden-Tag», sagt Brian Ruchti, der das Fanradio mit Simon Klopfenstein 2009 gründete.

Zum ersten Mal auf Sendung gingen sie damals, als YB auswärts beim FC Luzern antrat. Heute ist Klopfenstein nicht mehr dabei, dafür stiegen Gabriel Haldimann, Lucas Bischoff, Chrigu Böhlen, Michael Renaudin und Dario Hitz ein.

Mit Eloquenz, Witz und Fussball-Fakten kommentiert RGS jedes Spiel von YB. Es geniesst nicht nur in der Fankurve Kultstatus. Das erkannte auch YB, weshalb der Klub die Radiomacher fürs Kommentieren für Blinde und Sehbehinderte anheuerte.

Heute stemmen sie auch das In-House-TV, Live-Streams, Medienkonferenzen, Spielerinterviews und begleiten das Team im In- und Ausland. Das habe nicht nur Vorteile, sagt Dario Hitz: «Die Spieler verlieren plötzlich den Zauber und werden zu ganz normalen Menschen.»

Ein volles Wankdorf hört mit

In all den Jahren haben sie viele Spieler kommen sehen. Sékou Sanogo etwa stellte Ruchti in gewohnt frecher Manier vor. «Jetzt kommt der Spieler mit dem geilsten Vornamen», sagte er damals, das Publikum krümmte sich vor Lachen. Sie sahen auch viele Spieler wieder gehen. «Wir versuchen, nicht zu sehr einen einzigen Spieler zu lieben. Aber derzeit lieben wir sowieso alle», sagt Chrigu Böhlen.

Wie für YB war für RGS 2018 der Höhepunkt in der Geschichte: Insgesamt 464'000 Zugriffe wurden verzeichnet. Rekorde stellte RGS bei Auswärtsspielen auf. Beispielsweise bei der Qualifikation für die Champions League bei Dinamo Zagreb hörten 30'000 Leute mit, was einem fast vollen Stade de Suisse entspricht. Bei Partien der Super League sind die Zuhörerzahlen tiefer: im Schnitt rund 15'000, wenn YB auswärts spielt, 8'000 bei Heimspielen.

Für ihre grosse Klappe wurden sie sogar mit einem Preis ausgezeichnet: mit dem Bäredräck, der jährlich an Berner verliehen wird, die eine besondere Leistung für Bern erbringen. Am Tag nach der Ehrung spielte YB auswärts gegen Manchester im Old Trafford, mit dabei war auch der «Gagu», wie RGS den Preis nennt.

Tags darauf geschah das Malheur: Die Jungs vergassen den «Gagu» im Hotel. Einer ihrer Kameramänner kehrte um und holte ihn an der Rezeption ab. Die Mitarbeiter krümmten sich vor Lachen, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass jemand diesen Preis vermisst.

Heute steht der Preis im Büro am Eigerplatz. Dort haben sie nicht nur mit Fussball zu tun, da kommentieren sie unter ihrer eigenen Firma «Newsroom Communication» Events und Sportveranstaltungen wie die Eiskunst-EM oder Curling-Partien. «Ich bin zwar mit Fussball gross geworden, doch eigentlich polysportiv», sagt Ruchti.

Mehr als nur Fussball

Sport transportiert Bilder, welche die Geisteswissenschaftler und Historiker mit Genuss aufsaugen. «Das verbindet uns, wir sind alle sehr assoziativ», sagt Haldimann. Das ergebe lustige, aber auch banale Storys: «Als wir nach der Meisterfeier im Stadion die Torlatte sahen, war klar, das ist die Meisterlatte», sagt Lukas.

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Die gelb-schwarze Meisterfeier.

Den 28. April haben sie zum neuen Feiertag erklärt, sie führen an diesem Tag eine «Meisterlatte-Prozession» durch. Diese ominöse Latte hängt übrigens noch immer im Fanlokal «Halbzeit» im Breitenrain, das der Startpunkt des Meisterumzugs sein wird. Auch heuer wollen sie die Feiern mit verschiedenen Aktionen begleiten. «Man darf die Kraft der Euphorie nicht verkennen, die lässt uns zu Höchstleistungen auflaufen», sagt Böhlen.

«Der Pokal hat die Stadt verändert», sagt Bischoff. Überall tragen die Kinder nun YB-Shirts, an Matchtagen sind die Farben Gelb/Schwarz omnipräsent. «Wir haben es schon immer gewusst: YB ist viel mehr als nur Fussball», sagt Ruchti.

Berner Zeitung

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