Sibirischer Sommer

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

(Bild: Raphael Moser)

Die Schweiz stöhnt wegen der Hitze. In Sibirien sind regnerische Sommer die Regel, das ist lästig für uns Velofahrer: Immer wieder müssen wir Regenkleider an- und ausziehen. Es kann bis 40 Grad heiss werden, aber heuer ist es eher kühl und meist bewölkt. Das stört die Sibirier nicht. Sie feiern den Sommer. Bei 10 Grad spazieren die Männer unverdrossen in kurzen Schlabberhosen und T-Shirts herum, die Frauen in leichten Sommerkleidern oder Hotpants, ohne Strümpfe. Kalt bedeutet für diese abgehärteten Menschen etwas anderes: In den langen Wintern, die von August bis Mai dauern, ertragen sie bis minus 40 Grad.

Sommerlich geht es auch in Sibiriens Hauptstadt Nowosibirsk zu. Für Ende Juni sei es aber tatsächlich kühl, sagt eine Verkäuferin im Bahnhof. «Aber das ist bei uns normal. Wir freuen uns über jeden Sonnenstrahl.» Es ist Ferienzeit. Wer nicht wegfährt, flaniert durch die Stadt, ignoriert den Wind, der um die Häuserecken pfeift, und schleckt Glace – auch bei Regen. Ab Mai stehen in Russland überall Kühltruhen, Eisverkäuferinnen warten auf Kundschaft, notfalls in eine dicke Strickjacke gehüllt.

Im Sommer fahren Stadtbewohner zur Datscha. Wer kein Auto hat, bindet Gartenwerkzeuge und Picknick aufs Fahrrad und fährt so hin. Einige nehmen den Bus, andere packen den halben Hausrat samt Kindern und Babuschka in den alten Lada oder Wolga. Im Umkreis von 50 Kilometern legt sich rund um die Städte ein Gürtel mit zurechtgebastelten Häuschen, wo im Garten Kartoffeln, Gurken und Tomaten spriessen. Dies auch aus Notwendigkeit, denn die Löhne hierzulande sind mager, die Renten erst recht, deshalb wird eingekellert und konserviert, was das Zeug hält.

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps

Sommer, das bedeutet in Sibirien auch, dass Holz für den Winter vorbereitet wird, vor allem in den Vororten und Dörfern. Für kleine Budgets ist Gas teuer, abgestorbene Birken dagegen gratis. Ich geniesse den kühlen Sommer wie die Sibirier und kaufe mir Glace, «Moroschenoie», wie es auf Russisch heisst. Väterchen Moros (Frost) kommt früh genug. Dann werde ich wieder im gemässigten Schweizer Klima Velo fahren.

Berner Zeitung

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