Schon die Kleinsten lernen Französisch und Englisch

In Steiner-Schulen lernen die Kinder von der ersten Klasse an Französisch und Englisch. Trotzdem werden hier die gleichen Fragen diskutiert wie in der Volksschule: Wie sollen die Kleinsten eine Sprache lernen, und wie gut beherrschen sie Schulabgänger?

<b>Spielerische Unterrichtsmethode:</b> Lehrerin Rahel Ott steht zu Beginn der Lektion mit der Gitarre vor der Klasse.

Spielerische Unterrichtsmethode: Lehrerin Rahel Ott steht zu Beginn der Lektion mit der Gitarre vor der Klasse. Bild: Raphael Moser

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Der Frühling ist gekommen, «le printemps est arrivé», rezitieren die Erstklässler mit ihrem Lehrer Kristalen Kohlbrenner ein Gedicht. «L’hiver enfin est passé», jubeln die Kinder und untermalen die freudige Botschaft des Winterendes mit ihren Armen, die sie in die Luft strecken. Pulte und Stühle im Klassenzimmer in der Steiner-Schule in Ittigen sind zur Seite geschoben.

Die Schülerinnen und Schüler stehen in einem Kreis. Bewegung ist ein zentrales Element, wenn die Kleinsten eine Fremdsprache lernen. Bewegung und Wiederholung: «Ich habe einen Kopf, Haare, Ohren, Knie...», singen die Kinder auf Französisch und zeigen auf die entsprechenden Körperteile.

Anschliessend geht es von den Füssen an wieder aufwärts. Später schleichen die Erstklässler durch einen imaginären Wald, in dem der Wolf lauert und sie fangen will. Sie sind mit Eifer bei der Sache, kreischen, hüpfen – und geben auf Französisch einfache Antworten, wenn der «Wolf» sie etwas fragt.

Die Aussprache ist bei den meisten erstaunlich gut. Die Kinder ahmen genau nach, wie Kristalen Kohlbrenner ein Wort ausspricht. Keines scheint Hemmungen zu haben, etwas Falsches zu sagen.

Volksschule nähert sich dem Steiner-Schule-System an

Seit es Steiner-Schulen gibt, lernen Kinder dort von der ersten Klasse an zwei Fremdsprachen: Französisch und Englisch. In den ersten Schuljahren ist der Unterricht spielerisch und vor allem mündlich. Erst von der dritten Klasse an werden erste Worte in der fremden Sprache geschrieben. Grammatik wird von der vierten Klasse an ein ­Thema.

In der Volksschule hat man sich in den letzten Jahren dem System Steiner-Schule angenähert: Seit 2011 lernen Kinder in sechs Kantonen an der französischen Sprachgrenze von der dritten Klasse an Französisch.

Einer dieser Kantone ist Bern. «Passe­partout» heisst das Projekt, das seit der Einführung Anlass zu Diskussionen gibt. Umstritten sind vor allem das Lehrmittel «Mille feuilles» und die Abkehr vom reinen Wörtli- und Grammatikpauken.

Bereits in ganz jungen Jahren eine erste Fremdsprache lernen: «Von dieser Grundidee her rückte die Volksschule näher an die Steiner-Schule heran», sagt Bruno Vanoni. Er ist Vorstandsmitglied der Rudolf-Steiner-Schule mit Standorten in Bern, Ittigen und Langnau.

Als grüner Grossrat ist Vanoni auch Mitglied der kantonalen Bildungskommission. Vanoni, dessen zwei inzwischen erwachsene Kinder die Steiner-Schule besuchten, kennt also sowohl das private als auch das staatliche Fremdsprachenmodell.

Und er sagt: «Auch an der Steiner-Schule wird darüber diskutiert, wie eine Fremdsprache am besten unterrichtet wird und ob Schulabgänger sie genügend beherrschen.»

Kein fixes Lehrmittel an der Steiner-Schule

Grundsätzlich nicht bestritten sei an den Steiner-Schulen, dass bereits Erstklässler zwei Fremdsprachen lernen würden, sagt Vanoni. «Wer sein Kind an eine Steiner-Schule schickt, trägt ja damit den Lehrplan mit.»

Anders als in der Volksschule gibt es in den Steiner-Schulen kein vorgefertigtes und vorgeschriebenes Lehrmittel für Französisch oder Englisch. Die Lehrpersonen gestalten den Unterricht selber. Sie können dabei auf Lehrpläne und Empfehlungen der Steiner-Schule-Bewegung zurückgreifen oder auch andere Lehrmittel beiziehen.

Auch vom staatlichen «Mille feuilles» könnten sich Steiner-Schule-Lehrpersonen inspirieren lassen, sagt Vanoni. Allerdings sei ein direkter Einsatz des informatikgestützten Lehrmittels in der Steiner-Schule weder sinnvoll noch möglich.

«Bei uns wird nach eigenen pädagogischen Grundsätzen unterrichtet.» Zudem werde in unteren Klassen bewusst auf Computer im Schulzimmer verzichtet.

Ab wann soll Grammatik ins Spiel kommen?

Besuch in der sechsten Klasse: Hier sitzen die Schülerinnen und Schüler während des Französischunterrichts an ihren Pulten. Lehrerin Rahel Ott fängt aber ebenfalls spielerisch an und steht mit ihrer Gitarre vor der Klasse.

«Prendre un enfant par la main», singen alle zusammen. Zwei Buben sind gedanklich noch beim Wochenende und beim Meistertitel von YB. Rahel Ott muss sie daran erinnern, dass jetzt Französisch auf dem Stundenplan steht.

Wie in der Volksschule stellt man auch an der Steiner-Schule fest, dass von einem gewissen Alter an «Franz» nicht mehr so zieht. Englisch dagegen ist cool. In einem Sonderheft zum Thema Fremdsprachen haben verschiedene Lehrkräfte der Steiner-Schule diese Beobachtung geteilt.

Umstritten ist – wie an der Volksschule – auch die Frage, wann Grammatik und das strukturierte Lernen von Wörtern und Verben ins Spiel kommen sollen. «Man darf nicht erwarten, dass eine Sprache nur spielerisch und lustvoll erlernt werden kann», sagt eine der Lehrerinnen in einem Interview im Sonderheft. Und eine Kollegin hält fest, dass, je ­älter die Schüler werden, Sprachenlernen «auch Knochenarbeit» mit sich bringe.

Rahel Ott liest mit ihrer sechsten Klasse eine Geschichte, mit der sich die Jugendlichen das ganze Jahr über immer wieder beschäftigen. Seite für Seite wird dabei eine schöne Aussprache geübt, das Vocabulaire, die Grammatik und vor allem über das Gelesene diskutiert. In eigenen Worten versuchen die Schülerinnen und Schüler, einander zu erzählen, was in der Geschichte passiert ist.

Nur mit Spiel und Spass lernt man die Sprache nicht

Dabei geht es eben auch um «Knochenarbeit». Das Verb «savoir» taucht in der Geschichte auf. Es wird ins Verbenheft eingetragen und muss auf den nächsten Tag gelernt werden. Die Schulunterlagen der Jugendlichen sehen von Pult zu Pult anders aus.

Ins sogenannte Epochenheft für Französisch werden Liedertexte eingeklebt, Résumés geschrieben, eigene Gedanken festgehalten. So hat am Ende der Schulzeit jeder sein eigenes Franzbuch gestaltet.

Ebenfalls thematisiert wurde Steiner-Schule-intern, wie erfolgreich die Schülerinnen und Schüler eine Fremdsprache lernen. Fazit: Das Niveau ist grob gesagt vergleichbar mit dem der Volksschule. Das zeigt sich, wenn Steiner-Schüler in weiterführende Schulen übertreten.

«Man kann nicht sagen, dass Steiner-Schüler besser Fremdsprachen sprechen, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben», sagt Bruno Vanoni. Da sie aber bereits in der ersten Klasse mit zwei Fremdsprachen in Berührung kamen, stellen Fachpersonen eine grosse Offenheit gegenüber anderen Kulturen und dem Erlernen weiterer Sprachen fest. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.05.2018, 10:18 Uhr

Die Sprache als Tür zu einer fremden Kultur

Schon vor fast hundert Jahren legte Schulgründer Rudolf Steiner Wert darauf, dass bereits kleine Kinder Fremd­sprachen lernen. Auch um das Verständnis für fremde Kulturen zu fördern.

Seine erste Schule gründete Rudolf Steiner 1919 für Arbeiterkinder in Stuttgart. Steiner tat dies gemeinsam mit Emil Molt, dem Besitzer der dama­ligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik.

Deshalb werden Steiner-Schulen gerade in Deutschland auch Waldorfschulen genannt. Schon bei der Gründung der Waldorfschule vor fast ­hundert Jahren lernten die Kinder von der ersten Klasse an zwei Fremdsprachen, was zu dieser Zeit ein völliges Novum war. Fremde Sprachen lernten ansonsten nur Gymnasiasten.

In der Region Bern gibt es seit 1946 eine Steiner-Schule. Die Standorte Bern, Ittigen und Langnau befinden sich orga­nisatorisch unter dem gleichen Dach. Zurzeit werden rund 750 Schülerinnen und Schüler im Alter von 4 bis 20 Jahren un­terrichtet, vom Kindergarten der Elementarstufe bis zur integrativen Mittelschule.

Auch in Biel, Steffisburg und Langenthal gibt es Steiner-Schulen. Sie bauen auf Steiners Menschenbild auf, thematisieren seine Lehren aber nicht im Unterricht. Der Lehrplan gliedert den Stoff analog zur Entwicklung des jungen Menschen nach Steiner.

In «Epochen» wird im sogenannten Hauptunterricht je drei bis vier Wochen lang täglich eines der Hauptfächer gelehrt, dabei spielen sinnliche Elemente – rhythmisches Sprechen, Singen, Bewegung – eine grosse Rolle. Starke Schwerpunkte liegen auf handwerklichen und musischen Fächern.

Fremdsprachen werden seit je schon von der ersten Klasse an unterrichtet. Das eigentliche Motiv Rudolf Steiners für den frühen Fremdsprachenunterricht waren die Offenheit und das Kennenlernen fremder Kulturen und weniger das reine Erlernen einer Sprache.

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