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Prüfungs-Tablets mit Schummel-Sperre

Es herrscht Prüfungszeit an der Uni Bern. Medizinstudierende legen die Examen nicht mehr auf Papier, sondern auf einem Tablet ab. Gegen Betrugs­versuche mit Suchmaschinen sowie Tablet-Abstürze ist das Institut gewappnet.

Papier und Stift sind von gestern: Prüfung auf dem Tablet.
Papier und Stift sind von gestern: Prüfung auf dem Tablet.
zvg

Prüfungssäle sind nicht bekannt für eine hohe Lautstärke. Bis auf das Rascheln von Blättern und das Kratzen von Filzstiften ist es in der Regel sehr still. Bei manchen Prüfungen der Medizinischen Fakultät fallen auch diese Geräuschquellen weg, denn die Studentinnen und Studenten schreiben nicht mehr von Hand, sondern tippen auf schwarze Tablets. Ganz ohne Papier geht es aber doch nicht: Um die Prüfung auf die Rechner zu laden, scannen die Studenten einen QR-Code ein, der ausgedruckt auf dem Pult liegt. Dann können sie loslegen und den Patienten Diagnosen stellen und ihnen die erforderlichen Medikamente verordnen.

Mit den Tablets tut sich den Professorinnen und Professoren eine Reihe von Möglichkeiten auf: Sie könnten jetzt Videos und Klänge – zum Beispiel Herz- oder Lungentöne – in die Prüfungen einbauen. Aber: «Nicht alles, was technisch möglich ist, macht in einer schriftlichen Prüfung Sinn», sagt Professorin Sissel Guttormsen, die Direktorin des Instituts für Medizinische Lehre (IML).

Herz und Lunge abzu­hören etwa, sei eher ein Fall für ein praktisches Examen. Auch so hätten die Tablets genug zu bieten, sagt Doktor Patrick Jucker-Kupper, Leiter des schriftlichen Assessments am IML. «Die Ta­blets können Bilder in voller Qualität abbilden, gerade Röntgenbilder wirken dank des Hintergrundlichts besonders echt.» Auf Papier hingegen sei der Druck in höchster Auflösung häufig zu teuer, so Jucker-Kupper.

Google hilft trotzdem nicht

Tippen statt Stift, greller Bildschirm statt matten Papiers: Was sagen die Studenten, die im Prüfungsstress auf Gewohntes verzichten müssen? «Es waren schon gewisse Ängste spürbar», sagt Fabrice Temperli, Medizinstudent im sechsten Jahr. Er hat bisher eine Prüfung per Tablet absolviert. Die Gadgets überzeugten dann aber auch die angehenden Mediziner: «Auf dem Tablet ist immer ersichtlich, wie viel der Prüfung man schon gelöst hat. Das erleichtert das Zeitmanagement enorm», so Temperli. Etwas vermissen die Studenten allerdings: Sie können keine Notizen auf die Prüfung schreiben. Das soll laut Sissel Guttormsen aber demnächst möglich werden.

Wer «Prüfung per Tablet schreiben» hört, denkt schnell auch «Lösungen mit Google suchen». Doch so einfach ist die Gleichung nicht. Während der Prüfung befindet sich das Tablet in einem sogenannten Kiosk­modus, die Studenten können das Programm nicht verlassen und so auch nicht ins Internet gelangen. Und selbst wenn es einem Me­dizinstudenten mit Informatik­talent gelingen sollte, diese Hürde auszutricksen, dann würde das Vergehen aufgezeichnet und die Prüfung für ungültig erklärt.

Abrakadabra – mitten in der Prüfung verschwinden die Fragen. Ein Szenario, das mit Papier nur in einer Zauberwelt möglich war, wird mit den digitalen Examen realistisch. Dann nämlich, wenn das Tablet abstürzt. Aber keine Panik, die Antworten werden deshalb zweimal gespeichert: einmal auf dem Tablet und einmal per WLAN auf einem Server. Fällt ein Tablet aus, erhält der Student ein neues. Dank QR-Code kann er die Prüfung an der gleichen Stelle fortsetzen.

Spitze des digitalen Bergs

Sind Direktorin Sissel Guttormsen und das IML Anführer einer Revolution in den Prüfungs­sälen? «Nein», widerspricht sie. «Für uns ist das Teil einer ganz normalen Entwicklung.» Seit zwanzig Jahren bereite das IML Prüfungen elektronisch vor, sie werden auch elektronisch aus­gewertet. Da seien die Prüfungen per Tablet nur die Spitze des di­gitalen Eisberges.

Für Guttormsen ist klar, dass den Tablets die Zukunft gehört. Seit 2013 setzt das IML Tablets für praktische Examen ein, seit 2015 werden die schriftlichen Prüfungen im Masterstudium darauf durchgeführt. Nach und nach sollen die Rechner Papierprüfungen ersetzen und auch im Bachelorstudium für schriftliche Examen verwendet werden.

Psychologen ziehen nach

Alle Institute der Uni Bern können anklopfen, wenn sie die Prüfungssoftware sowie die rund 350 Tablets des IML ausleihen wollen. Im vergangenen Winter legten die Psychologiestudierenden ein erstes digitales Examen ab. Die anderen Institute bleiben vorerst bei Papier und Stift. Und so zeigt sich Direktorin Sissel Guttormsen doch noch visionär: «Revolutionäre sind wir zwar nicht, aber an der Universität Bern sicher Pioniere.»

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