Photoshop-Noten für das Bewerbungsdossier

Ein angehender Lehrling beschönigt sein Zertifikat mit Photoshop. Nun droht ein Gerichtsverfahren.

Ein Multicheck kann für die Stellensuche sehr wichtig sein. Einfach fälschen geht aber nicht: Das Zertifikat gilt als Urkunde.

Ein Multicheck kann für die Stellensuche sehr wichtig sein. Einfach fälschen geht aber nicht: Das Zertifikat gilt als Urkunde.

(Bild: Stefan Anderegg/Archiv)

Für angehende Lehrlinge ist das Wort Multicheck mit viel Stress verbunden. Viele Unternehmen verlangen das Zertifikat im Bewerbungsdossier. Der eineinhalbstündige Test kann über Erfolg und Misserfolg bei der Lehrstellensuche entscheiden. Wer einen schlechten Tag erwischt, kann die Prüfung zwar wiederholen.

Allerdings wird bei einer zeitnahen Wiederholung das ursprüngliche Resultat auch auf dem zweiten Zertifikat vermerkt. Zudem kostet die Wiederholung erneut eine Gebühr von hundert Franken. Die Mühsal, sich ein zweites Mal auf den Test vorzubereiten, wollte ein Stellensuchender aus der Region Bern nicht auf sich nehmen.

Gefälschte Punktzahlen

Mittels Photoshop änderte er die Punktzahlen und Bewertungsdiagramme auf seinem Zertifikat ab. Mit diesem bewarb er sich anschliessend bei vier Arbeitgebern. Doch die Fälschung hatte einen Schwachpunkt: Mittels QR-Code (grafische Verlinkung von Internetseiten) können die Resultate auf der Multicheck-Website überprüft werden. Da Websites hacken wohl nicht zu seinen Computerkenntnissen gehört, flog der Schwindler auf.

Auch der Zertifikataussteller bekam Wind von der Sache. Die Aktiengesellschaft erstattete daraufhin bei der Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland Strafanzeige wegen Urkundenfälschung. Als Begründung verwies sie auf das öffentliche Interesse an der Korrektheit ihrer Urkunden. Zudem drohe ein Glaubwürdigkeitsverlust und ein Reputationsschaden an ihrem Produkt.

Die Staatsanwaltschaft wies die Anzeige ab. Beim Zertifikat handle es sich rechtlich gesehen nicht um eine Urkunde, und es sei kein nennenswerter Reputationsschaden entstanden. Unzufrieden mit dieser Begründung legte die Firma beim Obergericht Beschwerde ein.

Multicheck gilt als Urkunde

Das Gericht hiess diese Beschwerde gut. Beim Multicheck-Zertifikat handle es sich sehr wohl um eine Urkunde, urteilten die Richter. Auch die Schädigung des Unternehmens durch den möglichen Vertrauensverlust befanden sie als plausibel.

Da die Bekämpfung von Urkundenfälschung im öffentlichen Interesse liegt, handelt es sich bei der Tat um ein Offizialdelikt. Die Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland muss nun eine Untersuchung gegen den Beschuldigten eröffnen.

Ob der Mann seine Lehrstelle bekommen und behalten hat, wird im Obergerichtsbeschluss nicht thematisiert. Mit seinen Vorkenntnissen in der Bildbearbeitung hätte er aber durchaus Potenzial als Grafiker.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt