Nun machen sich Profifilmer auf die Suche nach Rehkitzen

Drohnen können mittels Wärmebildkamera Rehe vor dem Mäher retten. Erfinderin des Systems ist die Forscherin Nicole Berger aus Lyss.

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Nicole Berger musste einmal die schreckliche Situation miterleben, wenn ein Rehkitz in einer Wiese von einer Mähmaschine erfasst wird. «Wenn die Tiere nicht sofort tot sind, schreien sie vor Schmerzen so laut, dass es einem durch Mark und Bein geht», erzählt die Berner Forscherin. Rehe setzen ihre Kitze von Mitte April bis Mitte Juli bevorzugt in Wiesen. Mehrere Tausend Kitze sterben jährlich bei der Grasernte. Nicole Berger versucht, dieses Leid zu lindern.

Die Agrarforscherin entwickelte vor vier Jahren an der ­Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen eine Methode dafür, die Kitze mittels Drohnensystem aus der Luft zu orten und so vor dem sicheren Tod zu retten. Bei der Hightechsuche aus der Luft werden die zu mähenden Wiesen in einer Höhe von 50 Metern überflogen. Kitze werden aufgrund ihrer Körperwärme als helle Flecken auf dem Thermalfilm sichtbar. Zur Rettung werden sie entweder mit einer Harasse zugedeckt oder an den Wiesenrand transportiert.

Heute ist klar: Die Thermaltechnik bewährt sich und soll schweizweit eingesetzt werden. Seit 2012 konnten so 77 Tiere gerettet werden. Aber: Es fehlt nach wie vor an Geld dafür, Hobbypiloten auszubilden und ihnen zu ­ermöglichen, das investierte Geld zurückzuverdienen. Optimal ist es für Berger daher, dass nun auch Firmen dieses Feld erschliessen – die Filmagentur Feinmotion GmbH aus Busswil zum Beispiel.

Vielseitige Drohnen

Die Drohnenszene ist dynamisch und bewegt sich in die unterschiedlichsten Richtungen: Die Fluggeräte werden zur Suche von Vermissten eingesetzt, zur Dokumentation eines Open-Air-Festivals, und neu nun auch zur Suche von Rehkitzen. «Wir sind auf Luftaufnahmen spezialisiert und verfügen über die notwendige Ausrüstung», sagt Feinmotion-CEO Marco Tschachtli.

Von daher biete sich die Rehkitzsuche an. Vor einigen Jahren schon fragte Feinmotion die Erfinderin Nicole Berger für eine Zusammenarbeit an. «Jedoch wurde uns gesagt, dass aufgrund fehlender Mittel für die Arbeit nichts bezahlt werden könne», sagt Tschachtli.

Also gleisten die beiden See­länder Unternehmer die Sache selbstständig auf: Im Mai lassen Tschachtli und sein Partner Michael Fluri zum ersten Mal ihre Drohnen über die Seeländer Felder kreisen. Pro Feld verrechnen sie 150 Franken, hinzu kommen die Fahrspesen.

Anreiz für Hobbypiloten

Fehlendes Geld ist das Problem von Nicole Berger und ihrem Team. Denn die Drohnensuche ist zwar effizient, aber teuer: Das Equipment mit Multikopter und Kamera kostet gut 15 000 Franken, und auch der zeitliche Aufwand ist erheblich. Das macht die Suche nach freiwilligen Piloten schwierig.

Bis jetzt sind schweizweit sechs Multikopterpiloten im Einsatz, zwei davon sind Berger und ihr Mann, die vor allem im Emmental aktiv sind. «Von daher finde ich es höchst erfreulich, dass auch Firmen sich der Sache annehmen und daraus ein Geschäft machen», sagt Berger. «Nachahmer sind herzlich willkommen.» Den von der Feinmotion kalkulierten Preis findet Berger «nach Maschinenkostenrechnung korrekt, aber für die Landwirtschaft zu hoch». Sie weiss von wenigen anderen Firmen, die sich der Kitzsuche angenommen haben. «Doch leider meistens ohne grossen Erfolg.»

Grundsätzlich möchte die Forscherin vermeiden, dass Bauern für die Rehsuche bezahlen müssen. «Ich möchte den Rettungs­erfolg nicht vom Geld abhängig machen.» Um den Anreiz für Freiwillige zu steigern, will die HAFL einen Verein mit Gönnerstiftung gründen. Die Idee ist, dass Jäger- und Landwirtschaftsverbände in den Topf einzahlen und der Verein das Geld an die Hobbypiloten verteilt. «Ziel ist, dass wir Suchteams systematisch ausbilden können und jedem Helfer 20 Franken pro überflogener Hektare bezahlen können.» Doch davon sei man noch weit entfernt.

Immerhin, Bund, Kanton und Tierschutzverbände haben den Wert des Drohnenprojektes erkannt und finanzielle Unterstützung zugesichert.

Interessierte Seeländer

Die Busswiler Feinmotion GmbH will mit ihrer Aktion «Leben retten und Rehkitze schützen» im Mai starten. Derzeit ist die Firma mit der Bewerbung ihres neuen Angebots beschäftigt.

«Das Feedback ist bis jetzt durchwegs positiv», sagt CEO Marco Tschachtli. Bereits hätten rund zehn Landwirte aus dem Raum Lyss/Aarberg ihr Interesse angemeldet. «Auch stossen wir nun in die Region Oberaargau und den Kanton Solothurn vor», sagt Tschachtli.

Weiter mit Hunden

Die Bemühungen vonseiten der Jäger und Landwirte, das Leid zu vermeiden, seien bereits heute sehr gross, betont Berger. Sie vertreiben die Tiere mit Scheuchen oder suchen die Felder mit Menschenketten und Hunden ab. «Doch leider sind diese Methoden sehr zeitaufwendig und nicht immer erfolgreich», so Berger.

Dennoch: Wo kein Hobbypilot zur Stelle ist, solle unbedingt weiterhin auf diese Weise nach den Tieren gesucht werden. «Diese Leute machen eine tolle Arbeit. Ich ziehe den Hut vor ihnen.»

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