Noch mehr Krähen: Die Stadt Bern gibt Forfait

Bern

Das Resultat der neusten Zählung – in Bern gibt es wieder mehr Saatkrähen. 850 Brutpaare sind es derzeit, und die Zahl könnte sich noch verdoppeln. Die Stadt kann den Bestand selber nicht mehr regulieren.

Gute Zeiten für diese Krähen am Dammweg in Bern und ihre Artgenossen. Der Krähenbestand hat sich in der Stadt in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Gute Zeiten für diese Krähen am Dammweg in Bern und ihre Artgenossen. Der Krähenbestand hat sich in der Stadt in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

(Bild: Urs Baumann)

«Krra, korr, krrr» – das Krächzen der Saatkrähe bietet Abwechslung. Mal tief und heiser, mal ratternd und metallisch. Schöne Klänge für jeden Ornithologen. Und für die Nachbarn einer Krähenkolonie so lieblich wie das Kreischen einer Bandsäge. Im Berner Nordquartier leidet die Bevölkerung seit Jahren unter einer Krähenplage. Einige Folgen davon: Vogelkot auf Autos, Trottoirs und Velosätteln, Radau vor dem Schlafzimmerfenster.

Es scheint jedes Jahr mehr Saatkrähen zu geben. Was Anwohner vermutet haben, ist nun amtlich. 850 Brutpaare haben sich heuer in der Stadt Bern niedergelassen, wie Sabine Tschäppeler, Leiterin Fachstelle Natur und Ökologie, bestätigt. Das sind rund 50 Paare mehr als vor einem Jahr und rund 500 Brutpaare mehr als vor zehn Jahren. Seit 2005 hat sich der Saatkrähenbestand in Bern mehr als verdoppelt (siehe Grafik).

Doppelt so viele Brutpaare

Für die lärmgeplagten Anwohner hat Stadtgrün Bern schlechte Nachrichten: Der Bestand könnte sich sogar noch verdoppeln. Um die 1600 Brutpaare, über 3000 Tiere, wären dann in Bern heimisch. «Solange sie im Landwirtschaftsgebiet genug zu fressen finden, wird es noch mehr Saatkrähen geben», sagt Tschäppeler.

Zu diesem Schluss sind die Experten gekommen, als sie die Region Bern mit dem Elsass verglichen haben. Das Nahrungsangebot, also der Anteil von Feldern und Äckern rund um die Stadt, ist vergleichbar. Es zeigte sich: Im Elsass gibt es pro Quadratkilometer doppelt so viele Saatkrähen. Rund um Bern gibt es also noch reichlich Futter für noch mehr Krähen.

Die Stadt Solothurn lässt jährlich rund 300 Tauben töten. Auch Bern reguliert den Taubenbestand, indem die Tiere kastriert werden. Was beim einen Vogel funktioniert, könnte doch auch beim anderen klappen? Eine solche Bestandesregulierung sei bei Krähen nicht möglich, sagt Tschäppeler. Man müsste die Tiere einfangen und kastrieren. «Wahnsinnig aufwendig, extrem teuer und fast nicht möglich», so das Fazit der Biologin.

Billiger wäre es, die Vögel zu töten. Seit September 2013 dürfen Jäger und auf ihren privaten Grundstücken sogar Anwohner auf Krähen schiessen. Abschiessen ist aber keine Option für die Stadt Bern, wie Tschäppeler sagt: «Solange das Nahrungsangebot gleich gross ist, werden neue Krähen einfliegen und die Lücken im Bestand wieder füllen.» Weniger Krähen würde es darum nicht geben. Ausserdem habe man diesbezüglich Sicherheitsbedenken.

Auch der Kanton wird den Krähenbestand in Bern künftig nicht regulieren. Zwar wären die Wildhüter des Kantons dazu berechtigt, Krähen abzuschiessen. Die entsprechende Gemeinde oder Stadt muss aber ein Gesuch stellen. Was die Stadt Bern bis anhin nicht getan hat und künftig auch nicht vorhat.

Regulieren ist nicht möglich

Die Stadt Bern versucht es mit anderen Massnahmen: Sie will die Krähen von der Stadt aufs Land umsiedeln. Der Vorteil dieser Methode: Es entstehen keine Lücken für neue Krähen, weil das Nahrungsangebot gleich bleibt. Die Saatkrähen fressen weiterhin auf den Feldern rund um die Stadt. Nur leben sie neu nicht mehr in Bern, sondern auf dem Land.

Der Nachteil der Methode: Die Nester zu verlegen, ist ein riesiger Aufwand und zudem längst nicht überall möglich. «Den ganzen Bestand umzusiedeln, wäre sowieso illusorisch», sagt Tschäppeler. Gerade mal die Nester aus dem Bürenpark, um die 30 Stück, sollen nun in einem Pilotprojekt umgesiedelt werden. Noch ist aber unklar, ob das Vorhaben überhaupt möglich ist.

«Was die Regulierung betrifft, müssen wir Forfait geben», sagt Tschäppeler. Der Stadt bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit. Sie lässt den Krähenbestand auf das Maximum ansteigen. Ist eine maximale Dichte erreicht, reguliert die Natur beispielsweise mit Krankheiten von selber.

Das Fazit der Berner Krähenverantwortlichen fällt entsprechend pragmatisch aus: «Man muss sich halt daran gewöhnen.» Immerhin: Dort, wo die Tiere ein massives Problem seien, habe die Bevölkerung die Möglichkeit, die Tiere mit den Hampeluhus zu vergrämen. «Krra, korr, krrr», krächzt die Krähe unbeeindruckt.

Berner Zeitung

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