Neuer Laden lockt mit altem Brot

Bern

Im März öffnet in der Berner Marktgasse die Äss-Bar. Zu kaufen gibt es dort Backwaren vom Vortag zum halben Preis. Mit dem Laden wollen die Initianten ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzen.

Simon Weidmann, Geo Taglioni und Franziska Güder eröffnen Anfang März in der Marktgasse die Äss-Bar.

Simon Weidmann, Geo Taglioni und Franziska Güder eröffnen Anfang März in der Marktgasse die Äss-Bar.

(Bild: Beat Mathys)

Christoph Albrecht

Brot in allen Sorten, Berge von Gipfeli und Weggli, daneben Spitzbuben und Cremeschnitten am Laufmeter: Wer morgens eine Bäckerei betritt, dem präsentiert sich hinter den Glasvitrinen in der Regel ein üppiges Angebot. Was dem Kunden den Start in den Tag versüsst, hat für die Betriebe jedoch einen bitteren Beigeschmack. Denn ein Teil der Backwaren bleibt nach Ladenschluss oftmals übrig – und landet im Abfall.

«Frisch von gestern»

Dass dies auch anders ginge, wollen nun drei Jungunternehmer aus Bern beweisen. Anfang März eröffnen Simon Weidmann, Geo Taglioni und Franziska Güder in der Marktgasse 19 die Äss-Bar. Das Konzept ist simpel: Unter dem Motto «Frisch von gestern» werden Backwaren, welche die Bäckereien am Vortag nicht losgeworden sind, erneut angeboten – zu stark reduzierten Preisen. «Bei uns kostet die Ware dann etwa noch die Hälfte», sagt Geschäftsführer Simon Weidmann.

Ums Geld geht es den drei Freunden, die sich bereits seit längerem sozial engagieren, jedoch nicht. «In erster Linie wollen wir mit der Äss-Bar einen Beitrag gegen die Lebensmittelverschwendung leisten», sagt Weidmann. Wenn am Ende sogar ein kleiner Gewinn rausspringen sollte, habe man dagegen natürlich nichts einzuwenden.

«Verdienen werden wir damit aber nicht viel», so der 28-Jährige. Wie seine Kollegen wird deshalb auch er seinen aktuellen Job als Geograf beibehalten. Finanzielle Unterstützung erhalten die Äss-Bar-Betreiber für ihr Projekt von der Ökonomischen und Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Bern.

Nach Zürcher Vorbild

Die Idee des Brotrecyclings ist nicht ganz neu. Seit knapp einem Jahr wird im Zürcher Niederdorf bereits eine Äss-Bar betrieben – mit Erfolg. «Über vierzig Tonnen Backwaren konnten so bereits wiederverwertet werden», sagt Geo Taglioni (33). Er sei überzeugt, dass das Konzept auch in der Bundesstadt funktionieren werde. «Durch die zentrale Lage erhoffen wir uns viel Mittagskundschaft.» Letztere muss sich allerdings auf ein täglich variierendes Angebot gefasst machen. «Wie viele Brote, Sandwiches und Nussgipfel wir im Sortiment haben, hängt immer von den Resten der Bäckereien ab.»

Bevor im Altstadtkeller, wo bis vor kurzem noch Kindermode verkauft wurde, an sechs Tagen die Woche Backwaren über die Theke gehen, gibt es für das Trio noch einiges zu tun. «Demnächst beginnen wir mit dem Umbau», sagt Taglioni. Zudem werde derzeit noch fieberhaft nach einem Filialleiter gesucht.

Bäckereien sind froh

Bereits fündig geworden ist man hingegen bei den Bäckereien, die beim Projekt mitmachen und der Äss-Bar ihre Reste zur Verfügung stellen. «Vier Betriebe haben wir bereits angefragt – alle haben sofort zugesagt», freut sich Franziska Güder (29). Viel Überzeugungskraft habe es dabei nicht gebraucht. Schliesslich schmerze es auch sie, wenn sie ihre Produkte wegwerfen müssten. Die Zusammenarbeit mit der Äss-Bar lohnt sich für die Bäckereien auch finanziell: «Die Betriebe sind an unserem Umsatz beteiligt.» Zudem entfielen für sie Aufwände, da sie Reste nicht mehr selbst entsorgen müssten.

Apropos Reste: Was geschieht eigentlich mit dem Brot, das auch die Äss-Bar nicht loswird? «Daraus möchten wir Paniermehl machen», so Güder. Derzeit würden Herstellungsmöglichkeiten abgeklärt. Eines ist aber sicher: Im Abfall wird das Brot sicher nicht landen.

Berner Zeitung

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