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Nach Fanmarsch: Heisse Diskussion zum Polizeieinsatz

An der Polizeiarbeit während des serbischen Fanmarsches wird Kritik laut. Für Reto Nause ist diese nicht nachvollziehbar.

Vor der Drogenabgabestelle in der Hodlerstrasse wurde kurz nach 18 Uhr ein Mann von mindestens 15 Belgrad-Fans verprügelt. Um den Mob zu beruhigen, gab ein Polizist (Mitte) drei Warnschüsse in die Luft ab.
Vor der Drogenabgabestelle in der Hodlerstrasse wurde kurz nach 18 Uhr ein Mann von mindestens 15 Belgrad-Fans verprügelt. Um den Mob zu beruhigen, gab ein Polizist (Mitte) drei Warnschüsse in die Luft ab.
Leserreporter 20 Minuten
Anhänger tragen Scharmützel untereinander aus.
Anhänger tragen Scharmützel untereinander aus.
Jürg Spori
Auch erste Mannschaftswagen sind aufgefahren.
Auch erste Mannschaftswagen sind aufgefahren.
Jürg Spori
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Fünf Verletzte, Warnschüsse eines Polizisten, geplünderte Kioske und Flaschenwürfe auf Cafégäste. Der Fanmarsch der Roter-Stern-Fans am Mittwoch durch Bern hinterliess einen bitteren Nachgeschmack. Einmal mehr wird in Bern darüber debattiert, wie viel fragwürdige Rituale im Namen des Fussballs eine Stadt akzeptieren muss.

Es drängen sich Fragen auf. Etwa, wie es genau zu der brutalen Prügelattacke vor der Drogenanlaufstelle an der Hodler­strassse kam. Leserreportervideos auf diversen Newsportalen zeigen, wie mindestens 15 Fans auf Personen einprügeln – teils mit Eisenstangen. Erst nachdem ein Polizist mehrere Warnschüsse in die Luft abgibt, beruhigt sich die Situation. Zwei Personen mussten laut Polizei verletzt ins Spital gebracht werden.

Am Ursprung scheint ein Mann in weisser Jacke zu stehen, auf den sich die Roter-Stern-Fans stürzen. Laut mehreren Augenzeugen soll es sich bei dem Mann um einen Randständigen gehandelt haben, der in der Drogen­anlaufstelle ein und aus ging. Dieser soll die serbischen Fans provoziert haben. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes äussert sich die Kantonspolizei Bern nicht dazu. Auch Contact nicht, die Stiftung für Suchthilfe, welche die Drogenanlaufstelle führt.

«Es war ein riesiges Gewaltpotenzial spürbar, die Szenen waren schockierend.»

Rahel Gall, Geschäftsleiterin von Contact, welche die Drogenanlaufstelle führt

Rahel Gall, Geschäftsleiterin von Contact, teilt jedoch auf Anfrage mit, dass die Anlaufstelle an der Hodlerstrasse aufgrund der heftigen Auseinandersetzungen für den Rest des Abends die Tore schliessen musste. «Es war ein riesiges Gewaltpotenzial spürbar, die Szenen waren schockierend», erzählt sie. «Es flogen Flaschen gegen unsere Einrichtung, das Personal und unsere Klienten mussten sich in Sicherheit bringen.» Es sei für alle sehr belastend gewesen. Zusätzlich verletzt wurde jedoch niemand.

Kiosk in Lorraine geplündert

Die brutale Prügelattacke war nicht der einzige Zwischenfall. Während des Fanmarsches klauten serbische Fans beim Kiosk am Nordring und bei einem Tankstellenshop im Breitenrain massenhaft Bier. Der Betreiber des Kiosks in der Lorraine spricht am Tag danach von «tumultartigen Szenen» in seinem kleinen Familienbetrieb.

Rund 200 serbische Fans hätten sich nachein­ander in den Laden gedrängt. Danach waren die Kühlschränke halb leer. «Ein Grossteil der Biere wurde geklaut», sagt er. Er ist froh, dass seiner Schwester, die allein im Laden war, nichts passiert ist. Rassistische Sprüche musste die Tamilin trotzdem über sich ergehen lassen. Der Betreiber will den Behörden keinen Vorwurf machen wegen mangelnder Information. «Ich wusste, dass die Fans in der Stadt sind. Nachträglich würde ich den Laden während des Fanmarsches schliessen», sagt er – so wie es sein Vater jeweils getan habe.

Auch Trine Pauli vom Café Kairo erschrak ob des Benehmens gewisser Belgrader Fans. Mehrere Personen aus dem Fanumzug warfen volle Bierdosen gegen die gut besetzte Gartenterrasse des Cafés in der Lorraine. Die als homophob geltenden Ultras störten sich offenbar an einer LGBT-Fahne. Mit dem Stück buntem Stoff wird für die Rechte von Homo-, Bi- und Transsexuellen eingestanden. Laut der Betreiberin flogen volle Bierdosen auf die Tische der Gäste. Auch Flaschen zersplitterten an der Fassade. «Es ist pures Glück, ist nicht mehr passiert», sagt Trine Pauli. Sie versteht nicht, wieso die Polizei nicht auch an den Flanken des Fantrosses mitmarschiert ist und so bei solchen Attacken hätte eingreifen können.

Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause zeigte sich am Tag nach dem Hochrisikospiel zufrieden mit dem Polizeieinsatz. Das massive Aufgebot an Einsatzkräften sei gerechtfertigt gewesen. Er, der den Fanmarsch aus nächster Nähe beobachtet hatte, habe eine «permanent angespannte Stimmung» unter den serbischen Fans ausgemacht.

Er windet der Polizei ein Kränzchen, diese habe «beherzt» eingegriffen, wo es nötig gewesen sei, und so Schlimmeres ver­hindert – so etwa bei der Attacke vor der Drogenanlaufstelle. Der CVP-Gemeinderat findet, die Warnschüsse seien gerechtfertigt gewesen, insbesondere, da die Angreifer nicht einmal durch Pfefferspray zu stoppen gewesen seien. Der Dienstwaffengebrauch wird – wie in solchen Fällen üblich – von der Polizei untersucht.

Nause lobt die Polizei

Hätte die Polizei die wenigen geöffneten Kioske entlang der Marschroute nicht sichern sollen? Zumal es schon bei früheren Fanmärschen zu Plünderungen von Tankstellenshops kam. «Solche Aktionen sind schwierig vorauszusehen», meint Nause. «Ausserdem hätten die Fans bei ihrem unbewilligten Fanumzug ja auch über die Kornhausbrücke marschieren können.» Christoph Gnägi, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, meint dazu: «Dort, wo entsprechende Er­fahrungen aus früheren Fan­märschen bestanden, haben wir im Vorfeld Kontakt aufgenommen und informiert.» Zudem hätten Polizisten vor der Marschspitze Passanten auf die Ankunft der Fans und mögliche Kon­frontationen hingewiesen.

«Man musste zu jeder Zeit in der gesamten Stadt damit rechnen, dass Konfrontationen stattfinden.»

Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern

Reto Nause zeigt sich erstaunt, dass es selbst unter den serbischen Fans offenbar zu Prügeleien kam. So etwa auf der Lorrainebrücke, wo ein Mann in­mitten des Fanumzugs laut Polizei von einem Gegenstand aus Glas am Kopf getroffen wurde. Dieser musste daraufhin mit einer Ambulanz ins Spital gebracht werden. Auch nach dem Spiel blieb die Stimmung auf­geheizt. Laut Polizei wurden bei diversen Streitereien eine Frau und ein Mann verletzt. Bei Aggressionen mitten in einem aufgeheizten Fantross sei es für die Polizei sehr schwierig einzu­greifen, sagt Nause dazu. «Man musste zu jeder Zeit in der gesamten Stadt damit rechnen, dass Konfrontationen stattfinden. Die Polizei war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und hat interveniert», bilanziert er.

In den Kommentarspalten von Onlinemedien muss sich die Polizei trotzdem Kritik gefallen lassen. Es sei fragwürdig, wieso bei unbewilligten Demos von Linksaktivisten die Polizei in der Regel hart durchgreife – sprich die Demonstranten einkessle und bei Aggressionen mit Gummischrot und Festnahmen antworte – jedoch bei prügelnden und klauenden Fussballhooligans nicht im selben Mass reagiere. Reto Nause findet solche Aussagen «nicht nachvollziehbar». Er habe von linker Seite viel eher Polemik erwartet, dass die Warnschüsse des Polizisten unverhältnismässig gewesen seien.

Schlagstöcke im Gepäck

Nach Bern pilgerten am Mittwoch weit mehr als die 2000 serbischen Fans, welche Tickets für den Gästesektor hatten. DasSpiel lockte diverse dubiose Supporter an. Bei Einreisekontrollen durch das Grenzwachtkorps wurden bei serbischen Fans unter anderem Schlagstöcke, Vermummungsmaterial sowie gefälschte Matchtickets festgestellt. Zudem wurde ein Mann festgenommen, gegen den eine Einreisesperre vorlag.

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