Montags im Bierhübeli

Die Montagskonzerte des Swiss Jazz Orchestra gehören seit 15 Jahren in jede Berner Agenda. Neu wird das Orchester längerfristig subventioniert. Ein Blick hinter die Kulissen.

Mikrofone ausrichten, Notenblätter sortieren, das Programm durchgehen: Das Swiss Jazz Orchestra kurz vor dem Konzert.

Mikrofone ausrichten, Notenblätter sortieren, das Programm durchgehen: Das Swiss Jazz Orchestra kurz vor dem Konzert.

(Bild: Beat Mathys)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Nach und nach tröpfeln die Musiker herein. Schwer beladen mit Instrumentenkoffern und Rucksäcken. Ihnen haftet noch diese ÖV-Eiligkeit an, ein hastiges Gebaren vom Unterwegssein. Das Konzertlokal Bierhübeli liegt im Halbdunkel. Die Tischchen sind alle leer. Hinter, neben, unterhalb der Bühne sind Tonleitern zu hören.

Hier Posaunen, da Trompeten, Klarinetten, die Saxofone. Auch Johannes Walter, ein 39-jähriger, unauffälliger Mann mit Kurzhaarschnitt, spielt sich backstage mit seiner Trompete ein. Es ist Montag kurz nach 18 Uhr. Das Swiss Jazz Orchestra (SJO) spielt ein Konzert. Wie eigentlich jeden Montag von Mitte Oktober bis Mai.

Als «Rolls-Royce des Schweizer Jazz» hat der verstorbene Alt-Stadtpräsident Alexander Tschäppät das Orchester bezeichnet, und der US-amerikanische Jazzschlagzeuger Peter Erskine sprach gar von einer Weltklasse-Big-Band. Gerade wurde das SJO auf die Liste der bedeutenden Berner Kulturinstitutionen genommen.

Die ursprüngliche Idee hinter dem 2003 gegründeten Orchester war so simpel wie notwendig: Man wollte jungen Musikern, vor allem Jazzschulabsolventen, die Möglichkeit bieten, live zu spielen und sich innerhalb einer grossen Formation zu entwickeln. Auch Trompeter Johannes Walter ist HKB-Absolvent und gehörte zur ersten Formation des SJO.

«Für einen jungen Musiker gibt es ja nicht einen Stellenanzeiger, den man einfach duchblättern kann», sagt er. «Wenn dann eine Band gegründet wird, bei der es heisst: Wir spielen jetzt mal dreissig Konzerte, ja, dann ist das natürlich interessant. Für mich war es eine Chance, Erfahrungen zu sammeln und mich zu zeigen.»

Das Einrichten

Es ist eng auf der Bühne im Bierhübeli. Der Tontechniker verkabelt gerade die zahlreichen Mikrofone. Notenständer werden verteilt und Hocker auf die richtige Höhe gedreht. Die Saxofonisten befeuchten ihre Blättchen. Notenblätter rascheln, an anderen Orten leuchten iPads auf. Immer wieder wird gepfiffen, wieder Tonleitern oder andere Melodien. Keine Spur noch von Nervosität, jetzt, 90 Minuten vor dem Konzert. Eher herrscht Kabinenstimmung wie in einem Sportverein.

Unter anderem ist genau das ein Grund für Johannes Walter, im SJO mitzumachen. Der kollegiale Umgang. Mit einigen seiner Mitmusiker hat Walter bereits studiert. Die meisten sind seit Jahren mit dabei, sowieso gibt es kaum Wechsel innerhalb des SJO. Man kann sich auch nicht bewerben. Es gibt einen Pool von Ersatzmusikern, die einspringen, wenn einer mal nicht kann. Meist aus dieser Gruppe werden dann auch Nachfolger gesucht, wenn wirklich mal einer aussteigt.

Ein potenzielles Neumitglied muss den Kriterien entsprechen. Es müsse erfahren sein, aber nicht verbraucht, sagt Johannes Walter. «Man muss bereit sein, jede Woche zu spielen. Und dies nicht nur für eine Saison.» Auffällig ist, dass es keine Frauen gibt im Orchester. Das sieht auch Johannes Walter nicht gerne. Aber: «Kurzfristig ist es schwierig, etwas zu ändern. Wir schmeissen ja niemanden einfach raus.» Lange Zeit seien, gerade bei Big-Band-Instrumenten, Frauen eher rar gesät gewesen. Das ändere sich aber zum Glück immer mehr.

«Wir sindroutiniert, ja,aber im positiven Sinn. So, dass es nie unter ein gewisses qualitatives Niveau fällt.»Johannes Walter Trompeter und musikalischerLeiter im Swiss Jazz Orchestra

Die Vorprobe

Nun beginnt die Vorprobe. Es ist der Abend mit Gast Guillermo Klein, ein Komponist und Pianist aus Argentinien. Gemeinsam gehen sie nochmals ein paar schwierige Stellen durch. Proben die Übergänge zu den Soli, nehmen letzte Änderungen vor.

Rund 30 Konzerte gibt das SJO pro Saison. Das Programm variiert nach Themenabenden: sogenannte Latin-, Groove-, Tribute- und Gala-Nights. Wobei immer wieder Gastmusikerinnen und -musiker eingeladen werden. Die fünf festen musikalischen Leiter stellen abwechselnd das Programm jede Woche neu zusammen. Die Musiker sind selber dafür verantwortlich, dass sie vorbereitet sind, und müssen die über 1000 Arrangements aus dem Fundus zumindest abrufen können.

Denn: Konzerte werden nur einmal, häufig gar nicht geprobt. Nur bei speziellen Anlässen, etwa wenn auch eine CD eingespielt wurde, wie mit Guillermo Klein, kommen eine oder zwei Proben hinzu. Auch Johannes Walter ist musikalischer Leiter. Bei der Planung eines Konzertabends achtet er darauf, dass die Solisten zu ihren Einsätzen kommen, in welcher Reihenfolge die Lieder und welche Zugaben gespielt werden, schaut, dass es energetisch stimmt und die Stimmung passt.

Pasta und Salat

Nach einer knappen Stunde ist die Vorprobe vorbei. In der Zwischenzeit hat ein Mann aus der Küche backstage Buffetschalen bereitgestellt. Es gibt Pasta und Salat. Die Stimmung beim Essen ist unverkrampft, keine Animositäten weit und breit. Niemand spielt den Mittelpunkt. Man merkt, dass es hier keine Chefs gibt. Alles wirkt sehr routiniert. «Wir sind routiniert, ja, aber im positiven Sinn», sagt Johannes Walter. «So, dass es nie unter ein gewisses qualitatives Niveau fällt.

Dass Ruhe und Gelassenheit herrscht.» Ein Schlüssel, und das sagen auch andere Musiker, ist der wöchentliche Betrieb. Würde man öfter spielen, drohte eine Art Koller, weniger würde das Bandfeeling zerstören. «Es bleibt interessant, weil es Woche für Woche neue Herausforderungen gibt», sagt Walter.

Die meisten Musiker kommen aus der Region Bern. Einer aus Basel, ein Grüppchen aus Zürich. Für ein Konzert mit dem SJO bekommen sie zwischen 100 und 200 Franken. Viele haben ihre eigene Band und arbeiten als Musiklehrer. Auch Johannes Walter unterrichtet an zwei Tagen in der Woche an den Jazzschulen in Bern und Basel. Dazu spielt der Familienvater «Gebrauchsjazz» an Festen und Hochzeiten, wie er sagt, weil die Gagen dort deutlich höher sind.

Espressos und Zigaretten

19.50 Uhr. Jetzt noch ein oder zwei Espressos. Wenige gönnen sich draussen eine Zigarette. Hinter der Bühne öffnen die Musiker ihre Taschen, nehmen ihre gebügelten Hemden hervor und ziehen sich um. Vor der Bühne füllt sich der Saal nach und nach. Ein Grossteil der Leute ist Stammpublikum, das seit den Anfängen jeden Montag kommt. An diesem Abend werden 180 gekommen sein. Die Tribute-Night mit Guillermo Klein wird zum magischen Konzertabend, untypisch, überraschend, eine Symbiose aus Groove und Klassik, ein Erlebnis.

Am nächsten Tag spielt das SJO mit dem argentinischen Komponisten ein weiteres Konzert in Basel. Das kommt selten vor. Denn was ein Veranstalter zahlen kann, deckt kaum die Hälfte der Kosten. «Das ist schade, weil es viel ausmacht, wenn man ein Repertoire mehrmals aufführen kann», sagt Walter.

Es wäre immer möglich, es noch besser zu machen. Mit der Aufnahme auf die Liste der bedeutenden Kulturinstitutionen könnte das nun öfter vorkommen. Ab 2020 bekommt das SJO zum ersten Mal seit seiner Gründung bis 2023 fixe Subventionen von 120000 Franken pro Jahr.

CD: «Swiss Jazz Orchestra & Guillermo Klein», 2019, Sunnyside Communications Inc., USA. www.swissjazzorchestra.com

Berner Zeitung

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