Millionenstall für glücklichere Hühner

Zollikofen

Was macht eigentlich ein Huhn tagsüber? In einer neuen Forschungseinrichtung in Zollikofen geht man dieser Frage künftig noch gründlicher auf den Grund.

In Zollikofen werden optimale Lebensverhältnisse für Legehennen erforscht. Video: sda

Ihr Tag beginnt um 3 Uhr in der Früh, Henne 9 bleibt erst einmal auf ihrer Stange sitzen. Erst nach einer halben Stunde folgen Futterscharren auf dem Boden, ein Bad im Staub. Ihren Nistplatz sucht Henne 9 einmal täglich auf, für exakt eine halbe Stunde.

Henne 9 ist ein besonderes Huhn: Sie ist ein Versuchstier, dessen tägliche Routine in Zollikofen untersucht wurde. Sie war Teil eines Experiments, das Wissenschafter der Universität Bern am Aviforum durchführten. Eines von vielen in den letzten Jahrzehnten. Künftig werden die Wissenschafter das Verhalten wie jenes von Henne 9 noch präziser untersuchen können. Am Donnerstag eröffneten die Verantwortlichen am Aviforum einen neuen Versuchsstall für Geflügel und Kaninchen.

Der Stall steht am Rand der Berner Agglo, wo die Betonbauten aufhören und die Wiesen anfangen. Das Gebäude besteht aus Beton unter einem Holzgerippe. Drinnen riecht es säuerlich. An den Wänden kleben Poster: «Rampen verhindern Abstürze und gebrochene Kielknochen bei Legehennen» oder «Wie weibliche und männliche Truthähne erhöhte Oberflächen nutzen». Das klingt unscheinbar, zuweilen kurios. Und doch: Dieser Ort ist von nationaler Bedeutung. Hier geht es um die Frage: Wie wichtig ist unserer fleischversessenen Gesellschaft das Wohl des einzelnen Huhns, bevor es das Zeitliche segnet?

«Kurze Wege!»

Der Neubau kostete 1,7 Millionen Franken, dauerte ein Jahr und umfasst vier Versuchshallen. Er ergänzt die Forschungsstation am Aviforum, dem Kompetenzzentrum der schweizerischen Geflügelwirtschaft. Die Stiftung verbindet gemäss eigenen Angaben Bildung, Forschung und Dienstleistung. Heisst: Die Uni tüftelt an tiergerechten Legestationen, untersucht Haltung und Ernährung der Tiere.

Die Hühner auf der Stange: An der Eröffnung stiegen die Journalisten zu den Hühnern in den Versuchsstall. Bild: Raphael Moser

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) lässt die Erkenntnisse in Richtlinien und Bewilligungsverfahren einfliessen. Die Branche schliesslich profitiert vom Austausch, etwa indem sie Trends antizipieren kann – und hat im Gegenzug den Bau finanziert. «Kurze Wege!»: Ein Satz, den die Leute in Zollikofen am Donnerstagabend wiederholt bemühen. Laut Kaspar Jörger, Leiter der Abteilung Tierschutz beim BLV, ermöglichen sie den «optimalen Wissensaustausch». Die Haltung könne dadurch stetig verbessert werden.

Für Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Uni Bern, ist die enge Zusammenarbeit «entscheidend». Der neue Stall sei zentral für die künftige Forschungsstrategie, so Würbel. Aviforum-Stiftungspräsident und Ständerat Isidor Baumann spricht gar vom modernsten Geflügelstall Europas.

1992 war die Schweiz das erste Land, das die Käfighaltung von Hühnern, die klassischen Legebatterien, verboten hat. Die Folgen: mehr Bewegungsfreiheit, stärkerer Tierschutz. Und neue Fragen: Wo müssen Sitzstangen hin, damit Hühner unfallfrei durch den Stall kommen? Wo nisten Hennen? Wann? Fragen, die bis heute nicht abschliessend beantwortet sind. Henne 9 mag ein Versuchstier und eine Stellvertreterin für Tausende von Legehennen in den Geflügelfarmen des Landes sein. Nur gilt für Hühner, was für den Menschen gilt: Keins ist wie das andere. So verbringt Henne 2 täglich exakt eine Stunde in ihrem Nest.

Berner Zeitung

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