Zum Hauptinhalt springen

Lyss ist um einen Stein reicher

Seit gestern dreht sich alles um ihn: Ein 150 Millionen Jahre alter Findling aus dem Wallis schmückt den Steinwegkreisel in Lyss. Für seine Reise ins Seeland benötigte er 1000 Jahre. Geologe Christian Schlüchter über eine bewegte Geschichte.

Alles dreht sich um ihn: Der 150 Millionen Jahre alte Findling schmückt seit gestern den Steinwegkreisel in Lyss.
Alles dreht sich um ihn: Der 150 Millionen Jahre alte Findling schmückt seit gestern den Steinwegkreisel in Lyss.
Beat Mathys
Noch mehr Kreiselschmuck: Die Zuckerrübe auf der Aarbergstrasse gilt seit ihrer Installation 2009 inoffiziell als der hässlichste Kreisel im Kanton Bern.
Noch mehr Kreiselschmuck: Die Zuckerrübe auf der Aarbergstrasse gilt seit ihrer Installation 2009 inoffiziell als der hässlichste Kreisel im Kanton Bern.
Beat Mathys
Im Zentrum weihnachtets: Auf dem Hirschenkreisel  thront bereits der traditionelle Christbaum.
Im Zentrum weihnachtets: Auf dem Hirschenkreisel thront bereits der traditionelle Christbaum.
Beat Mathys
1 / 4

Seit gestern ist Lyss um einen Stein reicher. Nach 20 000 Jahren des Herumliegens hat sich ein Findling ein paar Hundert Meter bewegt – oder besser, sich bewegen lassen. Und zwar aus der Bangerter-Kiesgrube der Vigier Beton in Lyss zum Sonnenkreisel im Dorfzentrum. Dort wird er bleiben, der 35 Tonnen schwere, graue Zeitzeuge. Er wiegt so viel wie sieben Elefanten und war ein Geschenk der Vigier Beton an die Gemeinde Lyss. Seinetwegen heisst der Sonnenkreisel nun Steinwegkreisel.

Doch dieser Findling ist nicht einfach nur ein grosser Stein. Der emeritierte Geologieprofessor Christian Schlüchter gibt ihm eine Seele, macht ihn durch die jahrtausendealte Geschichte, die er auf dem Buckel trägt, sympathisch und nahbar. Schlüchter hat den VIB, den «very important boulder», also den sehr wichtigen Felsblock, vor seinem Abtransport aus der Kiesgrube unter die Lupe genommen.

Sehr speziell

In seiner Ode duzt der Geologe das Objekt: «Dein Weg zu diesem Kreisel war lang und mühsam», sagte er an der gestrigen Einweihung. «Dieses Herumliegen im Werkareal in Staub und Lärm, dann diese kalte Hochdruckdusche! Die Verschiebung vorher vom Bett in der Grundmoräne war schmerzhaft, 20 000 Jahre in Ruhe und Frieden, dann eine Anhebung um ein paar Zentimeter, weil der Gletscher, der dich gebracht hat, abgeschmolzen ist.»

Dieser Gletscher hat den Findling mit einer Geschwindigkeit von 100 Metern pro Jahr nach Lyss befördert. Auf dieser eisigen Reise habe er durch den Abrieb rund die Hälfte seines Volumens verloren, erklärt Schlüchter. «Und wo warst du zu Hause?», fragt der Geologe weiter. Ein Walliser ist er, der sehr wichtige Stein, und zwar ein Mittelwalliser, südlich der Rhone. Für die rund 100 Kilometer nach Lyss benötigte er rund 1000 Jahre.

Und eben, der Findling ist nicht einfach ein Stein und auch nicht irgendein Findling. «Das Gestein des Blockes hat sehr spezielle Spaltenfüllungen aus erdigem Feinsediment, die zeigen, dass diese Schicht einmal aus dem Meer gehoben wurde», schwärmt Schlüchter. Weiter habe es Schichtstörungen, die durch Erdbeben verursacht sein könnten. Und nicht zuletzt sei es der erste Block aus solchem Material, der im westlichen Mittelland zum Vorschein gekommen sei, eben, ein VIB.

Sehr turbulent

Christian Schlüchter geht in seinen Ausführungen noch viel weiter zurück. Während Millionen von Jahren sei der Findling geologische Achterbahn gefahren. Versenkung in mehrere Kilometer Tiefe, Überschiebung, Ver­faltung und dann das Herausheben auf 2000 Meter: «Damit begann der Zerfall zum heutigen Gebirge und das Warten auf den Gletscher.»

Sehr philosophisch

Und nun, worauf wartet der VIB noch? Mit einem Pneukran wurde er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Kiesgrube zum Kreisel gefahren. Verhüllt. Dann warten auf den grossen Moment der Einweihung. Nach Schlüchters Erläuterungen kann man sich tatsächlich vorstellen, dass er nun, so ausgesetzt und entpackt, etwas friert. Er, der tonnenschwere Zeitzeuge, der Dinosaurier gesehen hat, sitzt nun da und guckt den Autos zu.

Wahrlich, dieser sehr wichtige Stein, der nur sehr langsam und auf sehr beschwerlichem Weg zu uns fand, der in seiner Art sehr speziell ist, birgt doch etwas sehr Philosophisches in sich. «Wer oder was bist du wirklich?» fragt Schlüchter. Ein kleines Stück aus einem riesigen Ozeanboden, das nach 150 Millionen Jahren in diesem Dorf im Zentrum steht. «Du weisst, was 150 Millionen Jahre Geschichte sind im Vergleich mit den 30 Sekunden, die es braucht, um dich einmal zu umrunden.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch