Loch in der Kasse – oder Loch im Schulhaus

Worb

Welche Investitionen sind nötig? In der Worber Politik gehen die Meinungen sehr weit auseinander, wie ein Treffen mit Gemeinderat Bruno Wermuth und Parlamentarier Erwin Kämpfer im Schulhaus Worbboden zeigt.

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Bruno Wermuth und Erwin Kämpfer stehen vor dem Eingang zum Oberstufenzentrum Worbboden. Sie blicken hinauf an die Fassade: rote Stahlblechelemente, Stirnwände aus Sichtbeton. Ein typischer Bau aus den 1970er-Jahren. «Die Fassade und die Fenster bereiten uns am meisten Sorge», sagt Wermuth. Auch die Lüftung sowie die Öl­heizung müssten bald ersetzt werden. Eines der Flachdächer ebenfalls. 7 bis 8 Millionen Franken müsse die Gemeinde in den nächsten sieben Jahren in das Schulhaus investieren, rechnet Wermuth vor.

Bruno Wermuth, SVP, ist im Worber Gemeinderat für das Ressort Bau verantwortlich. Sein Gegenüber ist ebenfalls ein Bürgerlicher, hat punkto Investitionen aber eine andere Meinung. Erwin Kämpfer, FDP, zählt zu ­jener Mehrheit im Worber Parlament, die kürzlich den gemeinderätlichen Finanzplan zurück­gewiesen hat. 2018 bis 2022 wollte der Gemeinderat jährlich rund 5 Millionen Franken investieren; die Verschuldung wäre von 32 auf 42 Millionen gestiegen. «Das ist unverantwortlich», fand die Parlamentsmehrheit. Worb dürfe pro Jahr maximal 3 Millionen investieren, so viel sei ohne Neuverschuldung und ohne Steuererhöhung tragbar.

Ein «Sündenfall»

«Der Gemeinderat muss die Investitionen stärker priorisieren», fordert Erwin Kämpfer. Investitionen, die bloss wünschenswert seien, müssten verschoben werden. «Schliesslich kann man in einem Privathaushalt auch nicht mehr Geld ausgeben, als man hat.» Bruno Wermuth schüttelt den Kopf. «Eine Gemeinde kann man nicht mit einem Privat­haushalt vergleichen.» Denn die Gemeinde stelle Infrastrukturen bereit, die per se unrentabel seien: ein Hallenbad, eine Eisbahn oder Schulhäuser.

Doch ist der Sanierungsbedarf in den Schulhäusern wirklich so hoch? Ein Rundgang durch das 42-jährige Gebäude im Worb­boden soll Aufschluss geben. «Kommen Sie», sagt Hauswart Thomas Wymann. Zügig schreitet er mit Erwin Kämpfer und Bruno Wermuth die Treppen hoch und schliesst im 2. OG ein Schulzimmer auf. «Hier haben wir ein schönes Beispiel»: Der Hauswart zeigt auf die Brüstung unterhalb eines Fensters. In der Wand klafft ein fast handgrosses, mehrere Zentimeter tiefes Loch. Wer in das Loch greift, spürt Feuchtigkeit. «Und schauen Sie sich das hier an»: Mehrere Fenster lassen sich nicht mehr richtig schliessen, kalte Luft strömt in den Raum. «Ein energetischer Sündenfall», kommentiert Gemeinderat Wermuth.

«Kein Geld für Luxus»

Das weiss auch Parlamentarier Kämpfer, von Beruf Architekt. «Schäden müssen erkannt und repariert werden», sagt er. Investitionen könnten, entsprechend den finanziellen Möglichkeiten, zeitlich gestaffelt werden. Wermuth entgegnet: «Das Problem ist, dass wir in den letzten Jahren zu wenig in den Werterhalt in­vestiert haben.» Die Sanierung des Worbboden-Schulhauses sei bereits um vier Jahre zurückgestellt worden. «Jetzt ist sie nötig.»

«Wir haben in den letzten Jahren zu wenig in den Unterhalt investiert. Das holt uns nun ein.»Bruno Wermuth, Gemeinderat

In einem der Gänge erklärt Hauswart Wymann, wie die braunen Plattenböden zwei- bis dreimal pro Jahr mit Chemie ver­siegelt werden müssen. Das gilt je länger, je mehr als problematisch. Oder ein anderes Beispiel: In den Männer-WC muss zum Spülen noch am Hahn gedreht werden. Offenbar wird das oft vergessen, was unangenehme Gerüche zur Folge hat. Oder die Spülung wird laufen gelassen, was den Wasserverbrauch erhöht.

Solche Spülungen zu erneuern: Ist das nötig oder nur wünschenswert, «nice to have»? Bruno Wermuth sagt es so: «Wenn man zu wenig Geld in die Liegenschaften investiert, macht man ebenfalls Schulden.» Solche, die man später in Form von umso teureren Sanierungen zurückzahlen müsse. «Aber», wendet Erwin Kämpfer ein, «wir müssen auch bei Sanierungen den Standard hinterfragen und prüfen, wieweit eine Etappierung möglich ist.» Für Luxuslösungen fehle das Geld.

Und der Kunstrasen?

So wird die Diskussion in Worb noch lange weitergehen. Denn in nächster Zeit kommen diverse grosse Investitionen aufs Tapet. Am 13. November entscheidet das Parlament über den 1,98 Millionen Franken teuren Ersatzneubau des Kindergartens «Hänsel und Gretel» in Rüfenacht. Und im Worbboden, gleich neben dem Schulhaus, möchten die Fussballklubs schon lange ein Kunst­rasenfeld. Kostenpunkt: ebenfalls fast 2 Millionen. Nach der Rückweisung des Finanzplans hat der Gemeinderat das Projekt sistiert. Zuerst müsse «ein Konsens über die Priorität der geplanten Investitionen und zur Höhe der vertretbaren Ver­schuldung gefunden werden».

Ob Erwin Kämpfer diese Verschiebung gutheisst? Als FDP-Fraktionschef müsste er Ja sagen, als Gönnermitglied der Worber Fussballer dagegen Nein. Er überlegt einen Moment. «Die Klubs haben nun Zeit, Überzeugungsarbeit zu leisten», antwortet er schliesslich. Es gelte, alternative Finanzierungsmodelle zu prüfen, etwa zinslose Darlehen. Eines sei aber klar: Für die Fussballklubs mit ihren grossen Nachwuchs­abteilungen sei der Kunstrasen ein echtes Bedürfnis. «Ja, der Kunstrasen ist wichtig. Aber er kostet», sagt Bruno Wermuth. «Genau das ist unser Dilemma.»

Berner Zeitung

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