Lebensschule für junge Frauen – und eigentlich auch für junge Männer

Tag der Hauswirtschaft Oft klafft zwischen Schule und Lehre eine Lücke. Ein Weg, diese Lücke zu füllen, ist ein Haushaltslehrjahr.

Martha Gabi erklärt den jungen Frauen, wann sie welches Reinigungsmittel benötigen. Foto: Christian Pfander

Martha Gabi erklärt den jungen Frauen, wann sie welches Reinigungsmittel benötigen. Foto: Christian Pfander

Quentin Schlapbach@qscBZ

Ausbildnerin Martha Gabi schaut fragend in die Runde. «Mit was für einem Mittel putzt ihr in eurem Betrieb die Fenster?» Eine Hand schnellt in die Höhe. «Glasreiniger», sagt die junge Frau. Die meisten ihrer Klassenkolleginnen nicken. Eine weitere Schülerin meldet sich zu Wort: «Wir putzen die Fenster mit Wasser.» Jetzt nickt Martha Gabi. «Glasreiniger sind relativ teuer. Wasser und ein paar Tropfen Alkohol funktionieren genauso gut.»

Es ist Mittwochmorgen, kurz vor Mittag. Vor dem Bildungszentrum Inforama Waldhof, leicht erhöht gelegen am nördlichen Stadtrand von Langenthal, präsentiert sich eine ländliche Idylle. Die Sonne scheint auf kräftig grüne Wiesen, Vögel zwitschern. Im Rauminnern pauken neun junge Frauen Hauswirtschaftstheorie. Sie sind jeden Mittwoch da, es ist der schulische Teil ihrer einjährigen Hauswirtschaftsausbildung.

Heute lehrt Martha Gabi ihren 16- bis 17-jährigen Schülerinnen, welches Reinigungsmittel sich wann am besten gegen Kalk, Schmutz oder Fett eignet. Es geht um Tenside, Mikrophasern und pH-Werte – Chemie für den Hausgebrauch. Immer wieder wechselt Gabi von der Theorie zur Praxis. Säurehaltige Spezialreiniger gegen Kalkspuren auf dem Glaskeramikherd? Unnötig, sagt Gabi. Umweltschonender und günstiger sei ein Eigenmittel mit Zitronensäure.

Brückenangebot statt Lehre

Haushaltsarbeit wird heute oft als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Auch, weil sie in der Regel unentgeltlich verrichtet wird. Tage wie der heutige Tag der Hauswirtschaft sollen in Erinnerung rufen, dass die Führung eines Haushalts ein Handwerk ist, das, wie jedes andere auch, gelernt sein will. Das entspricht auch der Maxime des Verbands bernischer Landfrauenvereine (VBL).

Er war es, der 2007 das hauswirtschaftliche Bildungsjahr ins Leben gerufen hat. Das Angebot des VBL richtet sich an Jugendliche, die meist zwischen Ende der Schulzeit und Beginn der Lehre nach einer Beschäftigung suchen. Vier Tage verbringen sie auf einem professionell geführten Familienhaushalt irgendwo im Kanton Bern, ein Tag ist Hauswirtschaftsschule im Bildungszentrum Waldhof in Langenthal angesagt.

Das Bildungsjahr entstand als Antwort auf eine politische Massnahme. Vor zwölf Jahren legte der Bund fest, dass eine Berufslehre mindestens drei Jahre dauern muss. Die bis dahin bestehende einjährige bäuerliche Haushaltslehre fiel dieser Regelung zum Opfer.

«Wir wollten das nicht einfach so wortlos hinnehmen», sagt Rita Gfeller, Präsidentin des VBL. Also wurde aus der Lehre ein Brückenangebot auf privater Basis. «Als einjährige Hauswirtschaftsausbildung ist es im Kanton Bern heute einzigartig», sagt Gfeller.

Jährlich durchlaufen bis zu 24 Jugendliche das Programm. Wobei es nicht immer einfach sei, alle Plätze zu füllen. «Es ist jedes Jahr wieder eine Herausforderung», sagt Gfeller. Bis jetzt kam aber immer eine Klasse zustande. Heuer waren es 19 junge Frauen, die sich angemeldet haben. Für nächsten Sommer gebe es noch freie Plätze, sagt Gfeller.

«Ich wurde selbstständiger»

Während sich die eine Hälfte der Klasse mit Hauswirtschaftstheorie beschäftigt, rührt die andere Hälfte in Kochtöpfen. Kochen ist einer der Grundpfeiler der Ausbildung, genauso wie Putzen, Waschen oder Nähen. In der Grossküche liegen überall Ausgaben des «Tiptopf», die Bibel des schulischen Kochunterrichts. Martina Burri, 16 Jahre alt, aus Zollikofen wendet Spätzli in einer Bratpfanne.

Sie ist in ihrem Element. Im nächsten Sommer startet sie eine Lehre als Köchin. Empfohlen habe ihr das Zwischenjahr ihre Mutter. Bis jetzt habe sich der Schritt gelohnt. «Ich wurde selbstständiger», sagt Burri. Vorher kannte sie nur die Grundlagen des Haushaltens. «Hier lernt man die Details.»

Martina Burri hat ihre Lehrstelle erst im vergangenen Herbst gefunden. Andere hatten schon vor Beginn des Hauswirtschaftslehrjahrs einen Ausbildungsplatz im Sack. Etwa Severine Moser, 17 Jahre alt, aus Langnau im Emmental. Sie wird im Sommer eine Lehre als Schreinerin anfangen.

Bis es so weit ist, wollte sie nicht bloss die Schulbank drücken, etwa in Form eines 10. Schuljahrs. «Ich suchte etwas zum Wärche », sagt sie. Und hier könne sie auch noch was fürs Leben lernen. Gibt es eine Arbeit in der Ausbildung, die sie nicht so gerne macht? «Nähen muss ich jetzt nicht den ganzen Tag.»

Männer sind Mangelware

Einen Regelfall, wer sich für das Bildungsjahr Hauswirtschaft entscheidet, gibt es nicht, sagt Rita Gfeller. Es hat Abgängerinnen der Sekundar- und Realschule genauso wie junge Frauen, die vor dem Gymnasium noch eine praktische Ausbildung machen wollen. Nur etwas gibt es (fast) nicht: junge Männer. In den zwölf Jahren, seit der Lehrgang besteht, hat sich erst ein einziger männlicher Teilnehmer für den Bildungsgang angemeldet.

Es ist Mittag. Im Bildungszentrum Inforama Waldhof steht das Essen an. Die beiden Klassenhälften kommen zusammen und versammeln sich um die musterhaft gedeckten Tische. Es gibt Gratin, Gemüse, Fleischvögel und Caramelköpfli. Selbstverständlich zubereitet nach einem Rezept aus dem «Tiptopf».

Berner Zeitung

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