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Lauter Protest in einer bitterkalten Winternacht

Mit einer Demo wehrte sich die Jugend gegen das Ausgehverbot für unter 16-Jährige. Die meisten Demonstranten waren älter.

Seit Anfang Jahr galt in der Gemeinde Kehrsatz ein Ausgehverbot ab 22 Uhr für Jugendliche unter 16 Jahren. Jetzt wurde das Verbot gelockert.
Seit Anfang Jahr galt in der Gemeinde Kehrsatz ein Ausgehverbot ab 22 Uhr für Jugendliche unter 16 Jahren. Jetzt wurde das Verbot gelockert.
Max Spring
Katharina Annen (FDP), die Gemeinderätin von Kehrsatz, betonte, dass «sich für jene 97 Prozent, die die Regeln befolgen, ohnehin nichts geändert habe».
Katharina Annen (FDP), die Gemeinderätin von Kehrsatz, betonte, dass «sich für jene 97 Prozent, die die Regeln befolgen, ohnehin nichts geändert habe».
zvg
Wärmendes Feuer: So lässt sich die Kälte doch ertragen.
Wärmendes Feuer: So lässt sich die Kälte doch ertragen.
Tanja Buchser
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Das hat Kehrsatz noch nie gesehen: Eine Gruppe junger Menschen zieht durchs Dorf, aus dem Ghettoblaster tönt Hip-Hop, Feuerwerk knallt und leuchtet am Himmel. Transparente werden in die Höhe gehalten, die Stimmung ist gut. Ein Protestmarsch mit dem Motto: «Kehrsatz befreien.»

Im letzten Dezember hat die Gemeindeversammlung ein neues Reglement zur öffentlichen Sicherheit gutgeheissen. Jetzt dürfen Jugendliche unter 16 Jahren nach 22 Uhr nicht mehr alleine unterwegs sein. Darum hat die Juso der Stadt Bern zur Demonstration aufgerufen. Solidarität kennt keine Gemeindegrenzen.

Bern, kurz vor 21 Uhr. Am Treffpunkt versammeln sich etwa 20 Leute, rote Fahnen an langen Stangen, das Bier in Dosen, der Zug fährt auf Gleis 1. Unter ihnen David, 22 Jahre, Musiker, er hat die Gitarre dabei, er will später spielen. «Es gibt doch nichts Schöneres, als im Sommer mit Kollegen draussen zu sitzen», sagt er. Darum findet er das Reglement absurd. Wer jung sei, brauche doch diesen Freiraum. Er identifiziere sich mit den Jugendlichen. «Es geht darum ein Zeichen zu setzen.»

Um 21.15 Uhr fährt der Zug in Kehrsatz ein, nicht nur die Juso aus Bern, auch ihre Kollegen aus Wohlen sind dabei und viele andere, politisch Interessierte und Desinteressierte. Nadja aus Bern, 26 Jahre, gehört zur Jugendgruppe der «Roten Falken». Es sei nicht gut, dass Erwachsene über die Jungen bestimmten, sagt sie, es müsse andere Lösungen geben.

Um 21.30 Uhr erreicht der Trupp den Dorfplatz. Die Jungen aus Kehrsatz sind wohl in der Minderzahl. Aber Vanessa, 14 Jahre, ist gekommen, sie trinkt heissen Tee mit ihren Freundinnen. Vor einer Woche hat sie vom Verbot aus der Zeitung erfahren. «Viele Kollegen sind schon 16. Es ist doch blöd, wenn wir Jüngeren früher nach Hause müssen.»

Um 22 Uhr greift ein junger Mann zum Megafon. Er fordert die Aufhebung des Gesetzes, eine professionelle Jugendarbeit. Und dass die Broncos aus Kehrsatz verschwinden. Ein paar Jungen verteilen Flugblätter: «Kein Ausgangsverbot in Kehrsatz und nirgendwo!» Die Feuerwehr passt auf, drei Polizisten beobachten die Szene zuerst aus der Ferne, dann bekommen sie einen Becher Tee.

Um 22.30 Uhr brechen die Jungs mit dem Ghettoblaster auf. Der Zug zurück nach Bern fährt in zehn Minuten. Und bitterkalt ist es obendrein auch.

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